Von Henryk M. Broder
Schon am Donnerstag letzter Woche wusste die "Welt", "dass es ein sensibles und nachdenklich stimmendes Buch werden würde". Und: "Es werden Tränen fließen." Der Artikel wurde mit einem sensiblen und nachdenklich stimmenden, 29 Zentimeter langen Foto illustriert, auf dem Harald Juhnke im weißen Bademantel zu sehen ist, wie er seine Haustür aufmacht, abgefüllt bis obenhin und mit frischen Wunden im Gesicht.
Einen Tag darauf, am Freitag, ließ die "Welt" eine alte Liebe von Harald Juhnke zu Wort kommen, die griechische Schauspielerin Chariklia Baxevanos. Sie sei "neun Jahre lang die Lebensgefährtin des großen Entertainers" gewesen, habe ihn vor drei Jahren zuletzt besucht und erlebt, wie er "weinend vor ihr gesessen und gestammelt" habe: "Wenn du wüsstest, wie einsam und verlassen ich bin." Es war ein klarer Seitenhieb gegen ihre Nachfolgerin: "Ich kann nachempfinden, was Susanne in all den Jahren durchgemacht hat, aber ich verstehe nicht, warum sie ihrem Mann das jetzt antut." Diese sensible und nachdenklich stimmende Geschichte wurde mit einem ebensolchen Foto aus dem Jahre 1965 illustriert, auf dem Harald und Chariklia in der Kostüm-Klamotte "Champagner-Lilly" zu sehen sind.
"Ich dachte, ich müsste mich schützen"
Am Montag darauf, dem Erscheinungstag des Buches, war wieder Susanne Juhnke an der Reihe. Die "Welt" berichtete detailliert, wie sie bei Beckmann einen "seelischen Kollaps vor laufenden Kameras" erlitt, aus dem Studio rannte und in der Garderobe von ihrem Sohn Oliver und ihrer Ghostwriterin Beate Wedekind wieder aufgebaut werden musste, bevor sie 15 Minuten später wieder ins Studio zurückging. (Leider war von all dem am Abend in der Sendung nichts zu sehen, die sensiblen und nachdenklich stimmenden Szenen waren raus geschnitten worden, und Beckmann tat so, als würde er live senden.) Dazu gab es einen sensiblen und nachdenklich stimmenden Text von Beate Wedekind "über die Arbeit mit Harald Juhnkes Ehefrau", einen Erlebnisbericht aus der ersten Reihe, der unter anderem davon handelte, wie sehr die Ghostwriterin bei der Arbeit gelitten hatte: "Die Traurigkeit von Susanne Juhnkes Geschichte hatte mich in Besitz genommen, ich dachte, ich müsste mich schützen."
Entertainer Juhnke: "Ein Mann, der von der Sprache gelebt hat, ist nicht mehr Herr seiner Worte"
Es ist ihre Geschichte, aber es ist nicht ihre beste Rolle
Es ist ihre Geschichte, aber es ist nicht ihre beste Rolle. Die zierliche Frau ist nervös, sie ruckt hin und her, zupft immerzu an ihrem Rock und kämpft mit der eigenen Ergriffenheit. Es ist nicht einfach, die Witwe eines Mannes zu sein, der noch lebt. Links und rechts neben Susanne Juhnke sitzen Beate Wedekind, die erfahrene Eventmanagerin ("Die goldene Kamera", "Das goldene Lenkrad") und Alice Brauner, die in der Berliner Kulturszene vor allem wegen ihrer langen Beine und kurzen Röcke sehr beliebt ist. Diesmal trägt Alice Brauner einen dunkelgrauen Hosenanzug, wie ein Börsianer, und gibt gleich zu Beginn der Präsentation die Kursentwicklung bekannt: 72.000 Exemplare des Buches seien in den ersten drei Tagen seit Erscheinen verkauft worden, auf der Amazon-Rangliste stehe es jetzt auf Platz 33 von 90.000 Titeln. "Das Interesse an dem Blick durch das Schlüsselloch nimmt ständig zu."
Dennoch sei das Buch "keine Abrechnung, keine Schlammschlacht in Prosaform", es habe Frau Juhnke "einige Überwindung gekostet, auf dieser Bühne zu sitzen". - Ja, bestätigt Susanne Juhnke, sie sei "sehr aufgeregt", es hätten sich bei ihr "Gefühle aufgestaut" und sie habe nach einem "Ventil gesucht", die Biografie habe ihr geholfen, "Luft abzulassen". Es läuft besser als bei Beckmann, was auch damit zusammenhängt, dass Susanne Juhnke die Fragen bereits kennt und sich Stichworte für die Antworten auf einen Zettel notiert hat. So hört sich alles sehr ausgewogen und wohl temperiert an. "Was wollen Sie erreichen?", fragt Alice Brauner. Sie möchte einen Beitrag leisten, antwortet Susanne Juhnke, "dass ein Tabu gebrochen wird und die Krankheit kein Makel ist". Ob die Ehe gelitten habe, will Alice Brauner wissen. "Es war nicht einfach, im Licht der Öffentlichkeit zu stehen", sagt Susanne Juhnke und schaut von ihrem Spickzettel hoch.
"In meinen Gedanken sitzt Harald Juhnke mit im Parkett"
Leben in die Idylle kommt erst, als sich Journalisten aus dem Saal zu Wort melden. Ob sie ihrem Mann schon aus dem Buch vorgelesen habe, will ein Kollege wissen. "Nein, noch nicht", antwortet Susanne Juhnke in aller Unschuld, woraufhin Beate Wedekind eingreift. Juhnke würde gar nicht verstehen, worum es geht. "Ein Mann, der von der Sprache gelebt hat, ist nicht mehr Herr seiner Worte." Ob sie das Buch des Geldes wegen geschrieben habe? Auch diese Frage trifft Beate Wedekind nicht unvorbereitet. "Warum soll sie denn umsonst schreiben?" Schließlich müsse Susanne Juhnke eine Familie unterhalten. Außerdem gäbe es "eine Million Familien mit Demenzkranken" in Deutschland. "Das Buch zeigt, wie eine Krankheit von einer Familie Besitz ergreift. Man lernt viel für das Leben." Susanne Juhnke nickt zustimmend. "Das Leben ist nun einmal ein Kampf." Aber am Ende wird sie wieder sensibel und nachdenklich: "In meinen Gedanken sitzt Harald Juhnke mit im Parkett."
Draußen im Foyer werden derweil indische Sate-Spießchen ausgepackt. Es gibt Wein und alkoholfreie Getränke. Und auffallend viele Damen der Berliner Gesellschaft, die sich haben liften lassen. Lauter Witwen in spe. Wie schön wäre es, wenn Harald Juhnke jetzt durch die Tür treten und seine eigene Trauerfeier aufmischen würde. So wie er einmal ein Konzert platzen ließ, weil seine Fans eine schwarze Sängerin auspfiffen, die mit ihm auftrat. So war er auch, der Juhnke, und so wollen wir ihn in Erinnerung behalten.
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