Herr Tarrach, die "Musterknaben" sind Kult, die Reihe erzielte im ZDF bislang aber nur mäßige Quoten. Ist die Krimikomödie zu hip für den Sender?
Tarrach: Das kann man auch anders sehen. Vielleicht sind die Filme, gerade weil sie Kontrapunkte sind, dort besonders gut aufgehoben. Für mich ist die entscheidende Frage, wie das ZDF die Reihe promotet. Und da ist es natürlich schade, dass die ersten beiden Teile jetzt nicht wiederholt werden. Das hängt wohl mit der allgemeinen Nervosität zusammen. Niemand will quotenmäßig was falsch machen.
SPIEGEL ONLINE: Vielleicht liegt's auch daran, dass das ZDF die Volksgesundheit schützen will: Sie rauchen sich in den "Musterknaben" die Lunge aus dem Hals. Haben Sie einen Sponsor aus der Zigarettenindustrie?
Tarrach: Nein. Unser Regisseur Ralf Huettner, der auch das Buch geschrieben hat, übernimmt gerne Elemente der Wirklichkeit. Und weil ich privat Camel rauche, mache ich das auch im Film. Ursprünglich wollte Huettner sogar unsere Namen übernehmen: Jürgen Tarrach spielt Jürgen Tarrach, Oliver Korittke Oliver Korittke. Daraus wurden dann Docker und Dretzke, aber es sind wohl die kleinen, realistischen Schwächen - das Rauchen, das Fluchen, das Dosenbier und so - die die Figuren so populär gemacht haben.
SPIEGEL ONLINE: In "Wambo" ging es nicht um Schwächen sondern um Schattenseiten: Sie zeigten Walter Sedlmayrs bigotte Gier nach Ruhm, Geld und Strichern. Was ist eigentlich nach dem Film passiert - dürfen Sie Bayern noch betreten?
Tarrach: Die Reaktionen waren zwiespältig. Das offizielle Bayern hat den Film totgeschwiegen, beim bayerischen Filmpreis waren nicht einmal die Maskenbildnerin oder der Requisiteur nominiert. Das war eindeutig eine politische Entscheidung. Die Menschen selbst haben eher positiv reagiert. Nach der Filmvorführung in München kamen Leute auf mich zu, die Sedlmayr gekannt haben, und sagten: 'Es ist gespenstisch. Genau so war er.' Dann kam verrückterweise auch noch ein Theater-Agent, der meinte, ich sollte künftig als Sedlmayr auftreten. 'Jo, Du hoast dieselbe Gemüatlichkeit', hat er gesagt.
SPIEGEL ONLINE: Mit anderen Worten: Der Mythos ist nicht totzukriegen.
Tarrach: Der Film hat den Mythos nur kurzzeitig in Frage gestellt. Damals wurde zum Beispiel sein Bierlokal umbenannt. Heute heißt es selbstverständlich wieder "Beim Sedlmayr".
SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Faible für abgründige Figuren und loten deren Seelenleben aus. Wann kippt dieser schauspielerische Ehrgeiz in falsches Verständnis um? Kann und darf man zum Beispiel auch einen Menschenschlächter zum Menschen machen?
Tarrach: Abgründige Figuren reizen Schauspieler. Privat sind wir alle schüchterne, brave Staatsbürger, im Film dürfen wir die Sau rauslassen. Außerdem ist es einfach zu platt zu sagen, ein Böser ist Böser. Man muss solchen Menschen auf den Grund gehen, zeigen, woher sie kommen und warum sie das machen, was sie machen. Nur so lässt der Dämon besiegen und etwas daraus lernen. Aber natürlich habe ich auch Skrupel. Zum Beispiel habe ich gezögert, die Rolle in Rainer Kaufmanns neuem Dreiteiler "Die Kirschenkönigin" anzunehmen. Ich spiele einen SA-Mann, der Bürgermeister wird und einer Jüdin zur Flucht verhilft. Da besteht natürlich die Gefahr, einen netten Nazi zu zeigen, und es gibt nun mal keine netten Nazis. Man muss das wohl immer aufs Neue abwägen.
SPIEGEL ONLINE: So ein bisschen Lust an der Provokation scheint Sie aber auch immer zu motivieren. Kürzlich haben Sie ein Kochbuch mit dem Titel "Richtig Fressen" veröffentlicht - die Papier gewordene Beleidigung für alle Wellness-Freaks.
Tarrach: Essen ist etwas sehr persönliches und sinnliches. Und ich habe immer das Gefühl, dass jede Begrenzung des Essens den Menschen an sich begrenzt. Und dagegen haben ich mich mit meinem Co-Autor gewandt und bewusst gesagt: Genuss ist etwas Geiles. Wer Genuss empfinden kann, hat auch eine Genusspflicht.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie denn schon die Aussicht auf die Musterknaben Teil vier genießen?
Tarrach: Korritke, Huettner, der Produzent Uli Aselmann und ich würden mit den Musterknaben gerne alt werden. Hoffentlich will das ZDF das auch.
Interview: Lutz Kinkel
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH