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31.10.2003
 

Turner-Kunstpreis

Fellatio, in Bronze verewigt

Sexpuppen, verfaulende Früchte, Leichenteile: Vier Kandidaten haben es in die letzte Runde um den prestigeträchtigen britischen Turner-Preis geschafft, ab heute sind ihre Werke in London zu sehen. Ein Skandal ist absehbar, am Eingang stimmt sogar eine "Gesundheitswarnung" die Besucher ein. SPIEGEL ONLINE zeigt die umstrittenen Exponate.

Fellatio auf dem Gummibett: "Death", von Jake und Dinos Chapman
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AP

Fellatio auf dem Gummibett: "Death", von Jake und Dinos Chapman

Immer an der Themse entlang, einfach die Straße runter: Vom Parlament in London bis zur Tate Britain ist es nur ein kurzer Spaziergang, fünf Minuten vielleicht. Das riesige Museum zeigt in seiner Dauerausstellung britische Kunst vom 15. Jahrhundert bis heute. Politikmüde Parlamentarier können hier in der Mittagspause schnell einmal die hohen Weihen der Kunst genießen.

Nun sind die ruhigen Zeiten allerdings erst einmal vorbei. Zum zwanzigsten Mal werden in den ehrwürdigen Hallen die Werke jener vier Künstler ausgestellt, die für den renommierten britischen Turner-Preis für zeitgenössische Kunst nominiert sind.

Die Besucher sind gewarnt: Als "kalten, konzeptionellen Bullshit" bezeichnete der damalige britische Kulturminister Kim Howells die Ausstellung im vergangenen Jahr und zog damit die britische Regierung in eine hitzige Debatte. "Wenn dies das Beste ist, was britische Kunst hervorbringen kann, dann ist die britische Kunst verloren", beschied Howells damals den Ausstellern.

Dass die Wellen der Empörung in diesem Jahr mindestens genauso hoch schlagen werden, haben die Organisatoren der Veranstaltung wohl schon kalkuliert, entsprechende Vorsichtsmaßnahmen wurden bereits getroffen. So soll eine "Gesundheitswarnung" vor dem Museum die Besucher darauf hinweisen, dass Kinder unter 16 Jahren besser draußen bleiben sollten.

Obwohl die Werke von den Organisatoren geheim gehalten wurde, ist schon seit Tagen bekannt, was in diesem Jahr für Aufregung sorgen wird. Die skandalträchtigen Brüder Jake und Dinos Chapman, die zu den führenden Künstlern der britischen Inseln zählen, werden als aussichtsreichste Kandidaten für den Preis gehandelt. Sie werden ihre neue Skulptur "Death" vorstellen. Dabei handelt es sich - so viel ist sicher - um den Bronzeabguss zweier aufblasbarer Sexpuppen beim Oralsex, Vibrator inklusive.

Daneben werden die Künstler-Brüder auch ihre neue Skulptur "Sex" vorstellen: Verweste Leichenteile, an einem Baum hängend, über die sich Maden, Fliegen und Ratten hergemacht haben. Komplettiert wird die Szene durch Kinderspielzeug. An der Wand hinter der Skulptur ist die Serie "Insult to Injury" installiert, in der die Brüder 80 Originalradierungen von Francisco Goyas Serie "Die Schrecken des Krieges" mit Clownsköpfen bemalt haben.

"Pseudo-kontroverse Effekthascherei"

Auch Grason Perry, einem weiteren Kandidaten für den Preis, ist der Medienrummel schon gewiss: Seine selbst getöpferten und reich bebilderten Vasen beschäftigen sich mit Pädophilie, Kindesmissbrauch und den Terror-Angriffen vom 11. September. Die anderen beiden Finalisten präsentieren dagegen fast schon harmlos anmutende Werke. Die schottische Bildhauerin Anya Gallaccio will einen bronzenen Obstbaum zeigen, mit echten Früchten, die langsam verfaulen. Und Willie Doherty, ein Photograph und Videokünstler aus Nordirland hat mit seiner Arbeit "Re-Run" den Nordirlandkonflikt in seiner Heimatstadt Derry künstlerisch umgesetzt.

Neu ist die Aufruhr um die prestigeträchtige Auszeichnung nicht: Schon 1998 führte die Jury-Entscheidung, Chris Ofili für seine aus Elefantenkot modellierte Jungfrau Maria auszuzeichnen, zu heftigen Reaktionen. Auch der Künstler Tony Kaye hatte sich etwas Besonderes ausgedacht: Als Wettbewerbsbeitrag wollte er einen obdachlosen Stahlarbeiter einreichen.

Vergeben wird der mit 20.000 britischen Pfund dotierte Preis allerdings erst am 7. Dezember - und das nicht einmal für die Werke, die jetzt in der British Tate zu sehen sind. "Die Künstler sind alle für Ausstellungen nominiert worden, die in den vergangenen 12 Monaten zu sehen waren", sagte Catherine Stout, die Kuratorin der Ausstellung. "Und die Stärke ihrer Arbeiten wird auch von dieser Ausstellung reflektiert."

Kritik gibt es derweil auch vom britischen Werbefachmann und Kunstmäzen Charles Saatchi, der die Arbeiten für "wieder aufgewärmte pseudo-kontroverse Effekthascherei" hält. Dinos Chapman sieht das natürlich ganz anders. "Wir glauben, dass es unterhaltsam, gedankenvoll, hübsch und klassisch ist", sagte der Künstler der englischen Tageszeitung "The Observer".

"Es gibt keine Diskontinuität in unseren Arbeiten, alles hat miteinander zu tun. Sie werden das sehen, was sie erwarten zu sehen." Die Chapman-Brüder versprechen keine Überraschungen, denn der Skandal ist ihr Programm.

Martin Reischke

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