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19.11.2003
 

Nach fünf Jahren Praxis

Neue Attacke gegen die Rechtschreibreform

Mehrere Kunst- und Wissenschaftsakademien, darunter die Berliner Akademie der Künste, haben in einem Brief an die Kultusminister der Länder eine kritische Betrachtung der 1998 vollzogenen Rechtschreibreform gefordert. Nach fünf Jahren Praxis seien viele der erhofften Vereinfachungen ausgeblieben.

Berlin - In dem am Mittwoch an die Kultusminister der Länder, die Bundesbildungsminister von Deutschland und Österreich sowie den Schweizer Bundespräsidenten übermittelten offenen Brief rufen acht Institutionen zu einer Umkehr bei der Rechtschreibreform auf. Alternativ schlagen sie die Rückkehr zum Duden von 1991 vor.

Grundsätzlich wäre auch der von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vorgebrachte Kompromissvorschlag einer Teilrevision ein "bedeutender Fortschritt", hieß es weiter. So könnte eine einheitliche deutsche Rechtschreibung wieder hergestellt werden, die durch widersprüchliche Regeln nach der Reform aufgebrochen worden sei.

Die Rückkehr zum Duden von 1991 wäre aber aus Sicht der Akademiepräsidenten besser und eine "ebenso sprachgerechte wie praktikable Lösung". Sie wäre Kosten sparend, weil die alten Druckvorlagen noch vorhanden seien. In den Schulen könnten wie bisher beide Schreibweisen übergangsweise weiter gelehrt werden, "nun mit anderer Prioritätensetzung". Dies würde "eine Schärfung des orthografischen Bewusstseins befördern", meinten die Professoren.

Die am 1. Dezember 1995 beschlossene und am 1. August 1998 in Kraft gesetzte Rechtschreibreform habe schwerwiegende Eingriffe in die deutsche Schriftsprache vollzogen, hieß es in dem Brief. "Als ein am grünen Tisch eingeschränkter Fachkreise projektiertes Vorhaben konnte die Rechtschreibreform nichts anderes als ein Experiment sein, auf das die Probe öffentlichen Gebrauchs zu machen war." Jetzt müssten die Ergebnisse im Licht einer fünfjährigen Praxis vorurteilsfrei ins Auge gefasst werden.

So habe sich ergeben, dass die für den Schulunterricht erhofften Vereinfachungen weitgehend ausgeblieben seien. Alte Regeln hätten sich zudem vielfach als einfacher erwiesen als die scheinbaren Vereinfachungen, die an ihre Stelle getreten seien. Hinnehmbar sei die Abschaffung des ß nach Kurzvokalbuchstaben. Nicht hinnehmbar sei hingegen die Auflösung eigenständiger Wortverbindungen durch ein im einzelnen inkonsequent gehandhabtes Gebot der Auseinanderschreibung.

"Wer schreibend zwischen einem frisch gebackenen Brötchen und einem frischgebackenen Ehepaar nicht mehr unterscheiden kann und darf, der wird bald dahin kommen, sich über alle Zusammenschreibungen hinwegzusetzen (hinweg zu setzen!)"

Unterzeichnet haben den Brief die Präsidenten der Akademie der Künste in Berlin, Adolf Muschg, der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Herbert Roesky, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz, Clemens Zintzen, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Dieter Simon, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Wieland Schmied, der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Heinrich Nöth, der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, Gotthard Lerchner, und der Sächsischen Akademie der Künste, Ingo Zimmermann.

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