Von Stefan Krulle
Er war so wild nach ihrem Erdbeermund, so ungeheuer gierig und auch lüstern, dass er im Deutschland des allmählich vergreisenden Kanzlers Adenauer wie ein gefährlicher, junger Gott aus den Inszenierungen seiner selbst empor steigen musste. Sein Publikum zum Teufel zu wünschen, das hätte sich 1961 nicht einmal ein Gustaf Gründgens öffentlich getraut, und deshalb sahen in nur drei Jahren eine gute Million Zuschauer einen jungen Wilden namens Klaus Kinski auf den Bühnen der Republik. Dort agierte er ohne Regisseur, ohne Disziplin, ohne Scheu vor dem Größenwahn und ohne Illusionen über das, was ihn wirksam zum Medienstar machen würde - kurzum: Er probte jene Rolle, die ihn Jahre später zum enfant terrible der deutschen Filmszene machen sollte.
Den Rezitatoren Kinski hat man inzwischen fast vergessen. Und fast auch nur, weil gegen Ende der Siebziger die Kulturhandelskette Zweitausendeins ein Dreifach-Album der von Kinski deklamierten Verse der Herren Villon und Rimbaud zum Spottpreis auf den Markt warf und ebenso zum Verkaufsschlager machte, wie die auf Vinyl gepresste, unfreiwillige Komik des einstigen Bundespräsidenten Lübke ("...redet für Deutschland"). Für ein paar laue Sommer kursierte Kinskis gehechelter Erdbeermund auf Studentenpartys zu vorgerückter Stunde zum Joint auf Sperrmüllsofas unter Dalis zerfließenden Chronometern im Vierfarbdruck DIN A null. Dann kam er irgendwann doch auf den Speicher.
Jetzt können wir die Szene nicht nur nachstellen, sondern gleich zum literarischen Abend umdekorieren. Kinski nämlich verbrachte in den Jahren 1958 bis 1961 etliche Nächte im Aufnahmestudio in Wien, um neben Villon und Rimbaud manche vom klassischen Feuilleton für noch wesentlicher gehaltenen Literaten rezitativ zu interpretieren.
Erstmals erscheinen nun die Resultate jener mühsam und zuweilen fiebrig durchwachten Nächte auf Tonträgern: Die Box "Kinski spricht Werke der Weltliteratur" macht auf 20 CDs ihrem Titel jede Ehre. Und sie zehrt, selbst wenn niemand sie wohl am Stück hören wird, an den Nerven. Kinski ist nie lauwarm, Kinski ist immer brühheiß oder frostig kühl. Eines indes, vor gut vier Jahrzehnten Dreh- und Angelpunkt des viel diskutierten Erfolges Kinskis, funktioniert heute absolut nicht mehr: Mit seinen eruptiven, frivolen und exzessiven Vorträgen treibt man heutzutage nicht mal mehr den Moralhütern die Schamesröte ins Gesicht.
Vermutlich wünschten sich einige der verbliebenen Feuilletonisten unserer Tage einen Kinski sehnlicher zurück als ihre wohl dotierten, festen Arbeitsverträge der Siebziger. Als in der SPIEGEL-Ausgabe 9/1961 Klaus Kinski vom Titelblatt stierte und in der neunseitigen Story "Abende eines Fauns" der Barrikadenstürmer nicht einmal eindeutig zum Dilettanten, geschweige denn zum Kulturfeind ernannt wurde, reihte sich eine Woche später ein empörter Leserbrief an den anderen. Das tolerante Bürgertum forderte nur, "diesen Schreihals ganz einfach totzuschweigen", während Wahrer fragwürdiger Grale das Feindbild Kinski einer Nervenklinik oder der Lynchjustiz anempfahlen.
Das offenbart weit mehr als nur den moralischen Wandel in der Kunstbetrachtung oder besser: der Betrachtung von Künstlern. Ein solcher war damals nur, wer sich mit den Hütern des wahren Feuilletons Friedensverhandlungen lieferte, ein solcher ist heute schon, wer mehr Sendezeit als Meister Proper für sich verbuchen kann.
Gegen die Perversionen der Bohlenschen TV-Zivilisation ist Klaus Kinski wahrlich Traditionalist und Konservativer im Wortsinn. Weshalb sein rezitatorisches Oeuvre nun auch Spielplatz jener Kulturbegeisterten sein wird, deren Ahnen und Erzieher sich dereinst an des Exzentrikers Anmaßungen wund rieben. Alle anderen werden erst mit einem "Best Of" von Kinskis Vermächtnis zu kobern sein - sofern irgendwer die heftigsten Zitate in einem Zugriffskatalog fixiert.
Gestern haben wir Kinskis Version des Brechtschen Kinderkreuzzuges gehört. Ach, hätte H.G. Wells die Zeitmaschine doch nicht nur in seiner Phantasie erfunden!
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH