Von Henryk M. Broder
Wenn das Vorspiel länger dauert als der eigentliche Akt, dann handelt es sich entweder um einen Faustkampf mit Wladimir Klitschko oder ein neues Konzept auf ProSieben. Das heißt, ganz so neu ist das Konzept nicht, denn inzwischen kommt kaum noch ein Programm ohne ein Beiprogramm aus, in dem sich Promis zu irgendwas engagiert äußern: hungernde Kinder in Afrika, Not leidende Tiere in Asien oder Sex im Freien.
Zum Start der sechsten und wohl letzten Staffel der US-Serie "Sex and the City" hat ProSieben nicht nur etwa drei Millionen Euro für flächendeckende Werbung ausgegeben, als müsste ein ganz neues Produkt eingeführt werden, der Sendeplatz wurde auch noch in zweifelhafter Weise aufgemotzt. Vor jeder Folge läuft ein 60-minütiges Intro ("Let's talk about Sex and the City") mit Fachmännern und Fachfrauen, die zu den Themen Stellung nehmen, die in den schon gezeigten Folgen dran waren.
Es sind die üblichen Verdächtigen aus der B-Liga, die man auch auf jeder Unicef-Gala trifft: u.a. Ralf Möller und Sabrina Setlur, Heiner Lauterbach und Jenny Elvers, Sonya Kraus und Thomas Hermanns, Kim Fisher und "No Angel" Sandy Mölling. Sie kommentieren die schärfsten Stellen und geben den Zuschauern Tipps mit auf den Weg: "Das sollten sich Männer anschauen, sie können viel lernen", sagt Ralf Möller. "Im wirklichen Leben ist es auch so", sagt Sabrina Setlur. "Carrie ist ein echter Ersatz für Harald Schmidt", sagt Jörg Pilawa.
Doch die Experten begnügen sich nicht mit Gemeinplätzen zum Gebrauchswert der Serie, sie haben auch zu konkreten Fragen eine sehr explizite Meinung: "Ich finde Pupsen grundsätzlich okay, ich pupse ganz viel", bekennt Susann Atwell. "Warum gibt es keine Slipeinlagen für Männer?", fragt Sonya Kraus. "Frauen sind Männer ohne Eier, nur besser", freut sich Jörg Pilawa. Zur besten Primetime, wenn sich die Familien zum Nachtmahl versammeln, wagt Ralf Möller eine frivole Vorhersage: "Morgen ist der Tag für Analverkehr."
Michaela Schaffrath, früher Gina Wild, bringt das Ganze auf den Punkt: "Die haben ein Talent, aus jedem Furz ein Problem zu machen", wobei sie offen lässt, ob sie die vier Mädels aus der Serie meint oder Thomas Hermanns ("Von mir aus können Frauen Haare haben, wo sie Haare haben wollen") und Jenny Elvers ("Jungs Anfang 20 und Frauen Anfang 30", das ist ein himmelweiter Unterschied!").
Dermaßen eingestimmt kann sich der Zuschauer dann schließlich mit Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda ins Abenteuer des New Yorker Alltags stürzen. Carrie hat einen Termin an der Börse ("Ich soll die Glocke läuten!") und trifft sich mit ihren Freundinnen hinterher zum Lunch in einem "angesagten" Lokal am Meat Market, wo ein Hamburger nur 20 Dollar kostet. Das würde Samantha noch hinnehmen, wenn nicht andere Unsitten ihr den Spaß an der Freud verderben würden. "Man darf in Bars nicht rauchen. Werden die auch das Ficken in Bars verbieten?"
Miranda, Anwältin und allein erziehende Mutter, verliebt sich unerwartet in ihren Ex-Freund und den Vater ihres Sohnes, der ist aber inzwischen anderweitig gebunden, während Charlotte eine Affäre mit einem Juden hat, der seiner Mutter versprechen musste, nur eine Jüdin zu heiraten, denn: "Sie hat Verwandte im Holocaust verloren." Worauf Charlotte beinahe kapituliert: "Es gibt keine Argumente gegen den Holocaust."
Es sind solche Szenen und solche Dialoge, die den Witz der Serie ausmachen, eine Mischung aus Heiterkeit, Chuzpe und Unbefangenheit, die man weder in der "Lindenstraße", noch bei "GZSZ" findet. Irgendwie kriegen die Amerikaner es hin, das Unanständige mit Anstand zu präsentieren, wobei sie gelegentlich ein wenig überziehen. Zum Beispiel, wenn Samantha wie eine Amazone auf einem Börsenmakler reitet, den sie vorher mit Handschellen ans Bett gefesselt hat, und dabei - es könnten ja Kinder zuschauen! - ihren BH anbehält. Sonst ist die Situation vollkommen eindeutig.
Der Unterhaltungswert ist auch ein Ergebnis der festen Rollenteilung. Carrie, die nachdenkliche, Charlotte, die romantische, Miranda, die unsichere und Samantha, die naturgeile. Aber das klare Schema hat auch seine Nachteile. Man ahnt, wohin die Reise geht, es gibt kaum Überraschungen, der rote Faden, der die Stationen verbindet, ist Carries Stimme aus dem Off: "Drei Cocktails später" oder "Fünf Straßen weiter". Dennoch: Sex and the City gehört zum Besten, was das Fernsehen derzeit zu bieten hat, daran wird auch die neue Verpackung nichts ändern.
Man kann ja erst zur Serie (21.15 Uhr) einschalten und hinterher ein wenig zum Vergleich zappen. Gestern zum Beispiel gab es um Mitternacht eine Fortsetzung bei Maischberger: Sex and the City auf berlinerisch, Desiree Nick und Klaus Wowereit im Doppelpack. Frau Nick outete sich als eine "alte Soze", die nie einen CSU-Politiker wählen würde, und lobte Herrn Wowereit als einen, den man erfinden müsste, wenn es ihn nicht schon gäbe. Der wiederum war voll der Bewunderung für Frau Nick, die in Wirklichkeit eine "introvertierte Person" sei. Das stimmt, sagte Frau Nick, aber davon könnte sie "als allein erziehende Mutter" nicht leben.
Das hätte Miranda nicht schöner sagen können.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH