Herr Hübner, wie kamen Sie dazu, das "Bankenstück - Das Geld, die Stadt und die Wut", ein Theaterstück über einen hochaktuellen politischen Skandal zu schreiben?
Lutz Hübner: Das Maxim Gorki Theater beauftragte mich, wohl aus dem Grund, dass ich schon andere Stücke auf der Grundlage intensiver Recherchen geschrieben habe, zum Beispiel über Neonazis oder Kinderarmut.
SPIEGEL ONLINE: In Deutschland - im Gegensatz zu England etwa - schreibt solche politischen Stücke gewöhnlich nur Rolf Hochhuth. Warum eigentlich?
Hübner: Stücke zu politischen und zeitgeschichtlichen Themen gelten hier zu Lande noch immer als unfein, nicht als richtiges Theater und richtige Kunst. Es gibt kaum Nachfrage von Theatern nach solchen Stoffen. Und das Recherchieren und Schreiben ist auch sehr zeitaufwendig.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie recherchiert?
Hübner: Ich habe im Mai letzten Jahres angefangen und zunächst furchtbar viel gelesen. Später habe ich mir den Untersuchungsausschuss angesehen und mit Politikern und Bankern gesprochen.
SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihr Bild von Politikern und Bankern durch die Recherche verändert?
Hübner: Der naive Wunsch und die Hoffnung, dass Chefs kompetent sind, wurde endgültig kuriert. Man will es gar nicht glauben, als wie inkompetent und beratungsresistent sich die meisten Akteure im Bankenskandal erwiesen haben.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben schließlich das relativ surreale Szenario Berlins nach einer Revolution entworfen, in deren Folge sich die gefangen genommenen Bankmanager und Politiker vor einem Tribunal der Berliner Kommune verantworten müssen.
Hübner: Das Thema schreit nicht gerade auf den ersten Blick nach Theater. Um eine Geschichte zu entwickeln, habe ich die Täter zu Opfern in einer existentiellen Situation gemacht. Gleichzeitig existieren die Rachephantasien der Revolutionäre im Stück auch ganz real in der Stadt.
SPIEGEL ONLINE: Teilweise kommt Ihr Stück wie eine utopische Farce daher. Konterkariert das nicht den aufklärerischen Anspruch?
Hübner: Nein, im Gegenteil. Es schafft die Möglichkeit, die Geschichte zuzuspitzen und den Crash der Berliner Bankgesellschaft in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Was ich nicht machen wollte, ist simpler Agitprop. Das wäre die falsche Richtung.
SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie juristische Schritte der zwar nicht namentlich genannten, aber doch für Kenner des Berliner Bankenskandals leicht identifizierbaren Bankmanager?
Hübner: Einerseits gäbe es keine bessere Werbung für das Stück als Prozesse. Andererseits haben wir die Identitäten gemischt und neu zusammengesetzt, weil es uns um die Funktion der Verantwortlichen im System geht, nicht um individuelle Biografien. Aber natürlich ist jede Zeile von Juristen überprüft worden.
Interview: Michael Sontheimer
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