Der Schüler Robert Steinhäuser, dessen Name zum Synonym für das Herüberschwappen des Amok-Grauens aus den USA an deutsche Schulen geworden ist, kommt selbst zu Wort. Am Anfang von "Amok in der Schule", einem Dokumentarfilm von Thomas Schadt und Knut Beulich, den die ARD heute Abend um 23.00 Uhr zeigt, liest Herbert Grönemeyer eine Passage aus einem Aufsatz des damaligen Elftklässlers. Dazu schwenkt die Kamera langsam über das sommerlich-friedliche Erfurt. Er stehe am Anfang seines Lebens, schrieb Steinhäuser, und dass er auch seine guten Seiten habe, "zum Beispiel meinen Humor". Und dass es in der Schule nicht so lustig sei, wegen des Leistungsdrucks.
Schadt und Beulich kommentieren diese Zeilen nicht, auch sonst bleiben die beiden Dokumentarfilmer fast vollständig im Hintergrund. Die wenigen Sprechertexte führen in Gesprächssituationen ein, mehr nicht. Einmal wird erklärt, dass die Eltern und der Bruder von Robert Steinhäuser sich zwar erstmals einem Interview gestellt haben, ihre Antworten aber von Schauspielern wiedergegeben werden, um ihnen eine gewisse Anonymität zu sichern.
Diese Passagen, in denen die Familie des Amokläufers zu Wort kommt, gehören zu den stärksten des Films. Während ruhige Einstellungen, stehende Bilder von leeren Schulkorridoren und Plattenbauten im Sonnenschein, Raum schaffen, ringen die Stimmen aus dem Off mit dem Unfassbaren.
Während die Eltern noch einmal zu erklären versuchen, wie Robert sie monatelang darüber täuschen konnte, dass er längst der Schule verwiesen worden war, fährt die Kamera minutenlang auf einen leeren Tisch in dem leeren Café zu, in dem der Hinausgeworfene in den letzten Monaten vor der Tat seine Vormittage verbrachte. Man sieht, in langen Detaileinstellungen, das Zimmer von Robert Steinhäuser, an den Wänden Filmplakate von "The Matrix", "Blade" und "From Dusk Till Dawn", Bilder von Mädchen in Bikinis. Daneben Plastikmodelle von Autos, Segel- und Kriegsschiffen, Raumstationen.
Aus dem Off sagt ein Schauspieler anstelle des Vaters, dass man Robert "schon gelobt" habe, wenn er mal so ein Modell fertig hatte. "Aber es gab mehr Schimpfen als Lob", sagt die Mutter. Als es um die Computerspiele geht, mit denen der Schüler seine Freizeit verbrachte, und um das elterliche Unverständnis, werden dankenswerterweise keine Szenen aus "Counterstrike" gezeigt. Das Spiel, in dem Teams virtueller Krieger gegeneinander antreten, gehörte zu Steinhäusers Lieblingsbeschäftigungen. Nach dem Massaker war es als "Killerspiel" verteufelt worden, lärmendes Gewehrfeuer aus Computerboxen und kollabierende Pixel-Opfer gehörten zum Standard-Material anklagender Fernsehbeiträge. Stattdessen sieht man in "Amok in der Schule" eine lange, ruhige Schienenfahrt durch unterirdische Höhlen aus dem Ego-Shooter "Half Life", ein sehr viel subtileres Bild für Vereinsamung und Welt-Entfremdung.
Thomas Schadt gilt als einer der profiliertesten Dokumentarfilmer Deutschlands. Seit 1982 hat er 20 Filme gedreht, die vielfach ausgezeichnet wurden. Für "Der Kandidat", eine Dokumentation über den Bundestagswahlkampf 1998 von Gerhard Schröder, bekam er den Deutschen Fernsehpreis. Knut Beulich betreibt seit 2003 ein Kino in Berlin, das ausschließlich Dokumentarfilme zeigt. 2001 drehte er "Suppe", eine Dokumentation über Obdachlose in Berlin. Beide eint die politische Herangehensweise an das Medium Film, der Glaube an die Macht des geduldigen, präzisen Blicks hinter die Kulissen.
Ursachenforschung wollen sie mit "Amok in der Schule" aber nicht betreiben, der zwangsläufig fruchtlose Versuch, den Amokläufer Steinhäuser zu verstehen, unterbleibt. Der neunzigminütige Film zeigt den Kampf um Verständnis bei den Hinterbliebenen, die Suche nach der eigenen Schuld bei den Eltern. Man hätte Robert nicht aufs Gymnasium schicken dürfen, sagt die Mutter immer wieder. Man hätte begreifen müssen, dass er das gar nicht packen kann. "Wenn die Wende nicht gekommen wäre, wäre der Robert jetzt vielleicht ein friedlicher Elektriker oder so." Später sehen wir Roberts Abgangszeugnis, mit Fünfern in allen wichtigen Fächern.
Schadt und Beulich zeigen, wie die Menschen, deren Angehörige und Freunde zu Opfern wurden, mehr als ein Jahr danach mit ihrem Leid umgehen. Den langen zeitlichen Abstand hat man sich und den Betroffenen bewusst gestattet, und damit eine richtige Entscheidung getroffen. "Amok in der Schule" hebt sich wohltuend ab von der sensationsheischenden Tränen-Berichterstattung, die unmittelbar auf das Massaker folgte.
Von denen, die Steinhäuser kannten, kommen nur Lehrer und Eltern zu Wort, Schüler aus seiner Umgebung haben Schadt und Beulich nicht befragt. Stattdessen gibt es lange Gespräche mit Mitgliedern der nach der Tat gegründeten Gruppe "Schrei nach Veränderung". Junge, alternativ aussehende Menschen sind das, mit Rastalocken, Wollmützen und Steckern in der Unterlippe. Die "Strukturen, die das alles so vorprogrammieren" seien ja immer noch da, meint einer, und als die Gruppe zur Erinnerung ein Fragezeichen aus Menschen auf die berühmt gewordene Treppe vor dem Erfurter Dom stellen will, kommt kaum jemand.
Der einzige Konfliktmoment des Films ist ein Gespräch zwischen Schülern des Gutenberg-Gymnasiums und Mitgliedern des Erfurter Schützenvereins, dem auch Steinhäuser angehörte. Da trifft spießbürgerliche Sturheit auf zaghaftes Bemühen, wenigstens irgendetwas zu ändern, etwas zu tun, um solche Taten zukünftig zu verhindern. Die rabiat-defensiven Schützen und die hilflosen Schüler - ein gutes Bild für den immer wieder angesprochenen Mangel an Kommunikation zwischen den Generationen, den der Film zum zentralen Thema macht.
Auf Sensation und Provokation sind Schadt und Beulich nicht aus, und auch nicht darauf zu unterhalten. Es gibt keine Musik, außer, als ein Gospelchor in der Kirche singt. Es gibt keine Wutausbrüche und nur wenige Tränen, keine Anklagen und keine Schlussfolgerungen. Was übrig bleibt, so die Botschaft, ist Verlust, Schmerz und Fassungslosigkeit bei den einen - und eine allmähliche Rückkehr zum Alltag bei den anderen. Verändert, sagen Bilder und Gespräche, hat sich nichts.
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