Von Ralf Niemczyk

Mag Berlin nicht mehr: Love-Parade-Erfinder Dr. Motte droht, mit seinen Tanzwütigen nach Paris abzuwandern
Taktisches Geschick gehört nicht unbedingt zu den Stärken der Love-Parade-Organisatoren. "Ich bin es leid, wie Don Quixote gegen die Windmühlen der Berliner Verwaltung anzukämpfen", gab Paradenerfinder Dr. Motte am 2. Juli per Presseerklärung bekannt. "Deshalb nehme ich den Jahrtausendwechsel zum Anlaß", so die bittere Konsequenz, "der Love Parade durch einen Ortswechsel eine neue Basis zu verschaffen".
Damit hat der DJ und Produzent, der die Abschlußkundgebungen des Techno-Umzuges jedes Jahr mit seinen berüchtigten quasi-religiösen Ansprachen beglückt, eine Büchse der Pandora geöffnet. "Love Parade nach Paris verkauft", titelte am nächsten Tag das Boulevardblatt "B.Z." Unterzeile: "Es geht ihnen doch nur um die Kohle". "Ihnen", das sind die Gesellschafter der Love Parade GmbH, der neben DJ Motte noch vier andere bekannte Köpfe aus dem Berliner Pop-Business angehören. Rund 3,7 Millionen Mark Umsatz, so schätzen Eingeweihte, machen die Organisatoren mit Sponsoring und dem Verkauf von Senderechten, Souvenirs und CDs. Weitere Mehreinnahmen durch die Vergabe exklusiver Catering-Rechte (Getränke und Snacks) entlang des Zugweges sind den Organisatoren als Ergebnis des seit Jahren schwelenden Streit mit dem Bezirksamt Tiergarten vorenthalten worden. Das Berliner Verwaltungsgericht mußte in zwei Eilverfahren den Sachverhalt klären. Beide Male unterlag die Love Parade GmbH. Das fand Motte "unerträglich und nicht hinnehmbar" und droht nun mit Wegzug.
Beim Streit ums Geld hört die Liebe bekanntlich auf. Baustadtrat Horst Porath (SPD) sprach von einem "Erpressungsversuch". Mittlerweile hat sich auch der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) in das groteske Hickhack eingeschaltet. Die Love Parade wäre mittlerweile zum Markenzeichen für das jungbewegte Image der Stadt geworden. Der "unsinnige Kampf" zwischen Bezirksamt Tiergarten, dem das Wohl der von Hunderttausenden Ravern zugemüllten und vollgepinkelten Parkanlagen am Herzen liegt, und der Betreibergesellschaft möge mit dem Streiten aufhören.
Der Techno-Komödienstadl findet just zu einem Zeitpunkt statt, wo die Szene nicht mehr weiß, ob sie nun am Rande mitfeiern oder das mit zig Parties garnierte Wochenende doch besser zur entspannten Landpartie in die Mark Brandenburg nutzen soll. Längst sind nämlich Paletten mit Büchsenbier zur gefährlichsten Droge des Samstagnachmittags geworden und immer mehr Normalo-Touristen im Jogging-Outfit erfreuen sich per Videokamera an der leicht geschürzten Jugend.
Zwar finden sich in der großen Berliner Nachtclubgemeinde immer neue entspannte oder avangardistische Nischen, doch die Aufbruchsstimmung der frühen Neunziger ist einer überdrehten Ansammlung von Stilblüten gewichen. Da gehören die buntgeschmückten Lkw der Jungen Union und der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft noch zu den humorigen Mißverständnissen der Spaßgesellschaft. Wo sich Inhalte auf Nullaussagen wie "Music ist the key" (so das offizielle Motto 1999) beschränken, wird die Zukunft der Parade von Juristen und Marketingstrategen bestimmt. Das jüngste Gezerre um die wirtschaftliche Basis hat gezeigt, wie wacklig die gesamte Konstruktion ist, die Berlin jährlich rund 150 Millionen Einnahmen in Gastronomie, Hotel und Imbißbranche bescheren.
Noch immer ist die Love Parade als politische Demonstration angemeldet, was schnöde Fragen wie Müllentsorgung oder Polizeieinsatz jedesmal aufs Neue zum Politikum werden läßt. Doch schon melden sich ungefragt die Großen der Branche, wie Konzertveranstalter Peter Schwenkow von der Deutschen Entertainment AG, zu Wort. Sein Sprecher Martin Fabel ließ erklären, daß es eine "ehrenvolle Aufgabe und ein spontanes Angebot" sei, die Parade im Jahr 2000 zu organisieren. Möglicherweise drehen sich ja die von Dr. Motte alias Don Quijote angeprangerten Windmühlen der Berliner Verwaltung in eine ganz andere Richtung, als er denkt.
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