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Die Bushs bei Larry King Präsident auf Butterfahrt

Larry King bietet Amerika, was Sabine Christiansen für Deutschland tut: Eine Bühne für Eitelkeiten, auf der man brav auf die richtigen Fragen wartet. Gestern Abend waren US-Präsident Bush und seine Frau beim Altmeister des Small Talk zu Gast - eine kuriose Sendung mit richtigen Versprechern und viel falschem Lächeln.

Ehepaar Bush bei Startalker King: Profis im glacébehandschuhten Umgang
AFP/ CNN

Ehepaar Bush bei Startalker King: Profis im glacébehandschuhten Umgang

New York - Wer sich von Larry King befragen lässt, der hat meist was zu verkaufen. Ein neues Buch. Ein neues Album. Eine neue Diät. Ein Comeback. Immer ist der Talk-Star von CNN zur Stelle, um sich als Zwischenhändler anzudienen, mit plüschigen Pseudofragen und unverhohlener Anbetung seiner Gäste. King ist der König des TV-Interviews als Butterfahrt.

So auch gestern Abend. Da sitzt also einer an seinem Verkaufstisch oder vielmehr in einer Hotelsuite in Beverly Hills, der dieser Tage ein ganz besonderes Produkt anzubieten hat - sich selbst. Der Präsident, unterwegs auf der Mutter aller Butterfahrten, dem Wahlkampf, gibt sich die Ehre: eine Stunde lang, live, ungekürzt, ungeschnitten, exklusiv. Na ja, fast live: Das Ding wurde nachmittags aufgezeichnet (bei Bush weiß man nie) und ist auch spürbar mal schnell durch den Schneideraum gejagt geworden. Sei's drum, die Show heißt "Larry King Live", auch wenn's Dosenfutter gibt.

Man kennt sich. Alte Buddys. George W. Bush und Larry King, so sagen sie, "go way back". Sie sind Profis im glacébehandschuhten Umgang miteinander: Bush hat Kings Sendung schon oft als Bühne genutzt, als Gouverneur, als Präsidentschaftskandidat, aber noch nie als amtierender Präsident. Und King, dessen Show die erfolgreichste Show eines sonst nicht immer so erfolgreichen Kabel-Newssenders ist, hat Bush schon oft als Quotendoping genutzt.

Phantasie und Realität

Doch diesmal geht's um mehr. Bush ist, wie er King gleich informiert, auf seiner "wichtigsten Mission", und dies sei die wichtigste Wahl aller Zeiten, "für mich jedenfalls". Und King ist dabei der Wahlhelfer, der ihm hilft, "die Leute wissen zu lassen, was ich in den nächsten vier Jahren tun will". Denn King fragt, was die Leute fragen würden. Oder tut zumindest so.

So sitzen sie sich denn im Beverly Wilshire Hotel artig gegenüber. George und Laura zur Linken, Larry zur Rechten. Dazwischen steht ein polierter Mahagonitisch mit zwei schwarzen Kaffeetassen. An Zimmerpalmen und den obligatorischen Schmuckbüchern vorbei wandert der Blick durchs Fenster über die Hügel Hollywoods, "the land of make-believe": wo Phantasie und Realität verschmelzen.

 First Lady Laura Bush: Lächeln und nicken, lächeln und nicken
AFP

First Lady Laura Bush: Lächeln und nicken, lächeln und nicken

Die Realität ist, dass ein Wahlkampf gewonnen werden will, und dazu muss man den Wählern die Phantasie eines Interviews vorspielen. Schon mit dem ersten Satz serviert Stichwortgeber King seinem Gast also einen netten Volley, der nicht mal mehr als Frage getarnt ist, sondern ganz unverblümt als Pressemitteilung für "Bush for President" daherkommt: Die alte Mrs. Reagan, vermeldet King (der sie "Nancy" nennt), habe "gerade hier angerufen" und sich, trotz der sehr öffentlichen Differenzen in Sachen Stammzellenforschung, "voll" hinter Bush gestellt. "Da bin ich dankbar", sagt der. "Ich mag Nancy Reagan wirklich", erklärt Laura Bush unvermittelt. "Sie sieht prima aus."

Noch 81 Tage

Auch Laura Bush sieht prima aus. Lavendelfarbenes Kostüm, kastanienbraun getöntes Haar. Ihre Lippen sind zu einem leicht schrägen Lächeln gefroren, die ganze Stunde lang. Nichts kann sie rühren, sie lächelt und nickt und lächelt und nickt, als sei sie in Gedanken ganz woanders, in Disneyland oder in der Oper. Nur ihre Augen lächeln nicht. Sie sind ernst und müde. Ihre rechte Augenbraue hebt sich gerne zu einem skeptischen Bogen.

Die Hetze des Wahlkampfs, sagt Laura Bush und lächelt und nickt, "fällt mir schwer". Sie zählt die Tage, "noch 81", weiß sie. Doch sie ist es längst gewöhnt. So gewöhnt, dass sie den Mann, neben dem sie sitzt, nicht mehr George nennt, sondern nur "the President".

Auch "the President" lächelt die ganze Zeit. Oder besser: Er grient, wie ein Schuljunge, der beim Schummeln erwischt wurde. Vor allem, wenn er eine Frage nicht versteht und King sie wiederholen muss. Er tut so, als mache ihm das alles großen Spaß, und vielleicht stimmt das ja auch. Ist er sich des Ernstes der Lage bewusst? Sicher, sonst wäre er ja nicht hier.

Handlungsreisender in eigener Sache

Wahlkämpfer Kerry: "Zu recht stolz auf seine Zeit in Vietnam"
DPA

Wahlkämpfer Kerry: "Zu recht stolz auf seine Zeit in Vietnam"

Der Abschlussbericht der 9/11-Komission? "Toller Bericht! Hab ich gelesen!" (Das ist zweifelhaft, hat Bush doch bis zuletzt versucht, den Ausschuss zu verhindern, und ihm dann so viele Steine wie möglich in den Weg gelegt.) Jene berüchtigten sieben Minuten, die er am 11. September 2001 taten- und regungslos in einem Kindergarten saß, während Terroristen New York und Washington angriffen? "Ich habe meine Gedanken gesammelt." (Michael Moore, der diese Minuten in seiner Filmpolemik "Fahrenheit 9/11" verewigt hat, wurde von Larry King kürzlich übrigens ein- und dann kommentarlos wieder ausgeladen.) Wie geht's der Nation? "Wir werden weiter bedroht." (Angst treibt die Wähler zum Amtsinhaber.)

Sinn von Verkaufsveranstaltungen wie dieser ist es, dass der Kunde (Wähler) denkt, er erfahre und kaufe etwas Nagelneues (Politik), und dabei nicht merkt, dass ihm nur alte Heizdecken (Wahlkampfparolen) angedreht werden. Das Spiel spielt nicht nur Bush, sondern auch Rivale John Kerry, der Anfang Juli bei Larry King war, dito nebst Gattin, dito als Handlungsreisender in eigener Sache.

Wie dünn der tatsächliche Nachrichtenwert dieser "Stunde mit dem Präsidenten und der First Lady" (CNN) ist, zeigt sich auch daran, dass die Medien anschließend weniger das für meldenswert halten, was Bush gesagt hat, sondern das, was er nicht gesagt hat: "Bush weigert sich, Werbespots gegen Kerry zu verurteilen", schlagzeilt die Agentur Reuters in der Nacht bemüht über das Interview.

Nur Gutes über den Gegner

Dabei gibt King Bush Gelegenheit, alle Punkte seines Wahlkampfkatalogs abzuhaken. Der Irak-Krieg war "die richtige Entscheidung". Die Welt "ist sicherer" als vorher. Die Wirtschaft "verbessert sich". Das Bildungssystem "verbessert sich". Das Gesundheitswesen "ist verstärkt worden". Steuern "werden nicht erhöht". Glaube "ist wichtig". Die Schwulenehe ist "verfassungswidrig". Fünfmal spricht er von "Pflicht", dreimal von "Dienst". Er kennt sein Publikum und spricht es direkt an, heute sind es also die Wähler der Mitte, die flüchtigen, wankelmütigen Wechselwähler, Middle America. Nichts Neues. Lächeln. Grienen.

 Präsidenten-Witwe Nancy Reagan und George Bush: Nancy hat gerade angerufen
AP

Präsidenten-Witwe Nancy Reagan und George Bush: Nancy hat gerade angerufen

Er grient und hat nur Gutes über den anderen zu sagen. Kerry (den er nur einmal beim Namen nennt) sei "zu Recht stolz auf seine Zeit in Vietnam". Er selbst freue sich auf die Wahl. Er freue sich auf die Debatten. Er freue sich auf alles. Die Drecksarbeit überlässt Bush anderen. Zum Beispiel seinem Vizepräsidenten, der am selben Tag in Ohio eine neue, perfide Breitseite gegen Kerry loslässt. Oder jener Gruppe dubioser Parteispender, die zugleich Vietnamveteranen sind und Kerry öffentlich als "Verräter" und "Lügner" beschimpft haben.

Gute Nacht, Mr. President

Er grient, auch wenn er ein paar Mal ins Schwimmen gerät. Was wäre ein Bush-Auftritt auch ohne Gehaspel? Beim komplizierten Thema Stammzellenforschung etwa, da lässt er erst lieber die Laura reden, Wissenschaft ist halt ein Frauenthema, bevor er sich dann doch noch einmischt und alles auf die typische Sprechblase reduziert: "Es ist uns wichtig, in Amerika eine Kultur des Lebens zu fördern." Womit sich die Folgefrage stelle: "Sollte es Selbstmord geben dürfen?" Da runzelt selbst Laura die Stirn. "Sterbehilfe", korrigiert sie.

Egal. Er "liebe" seinen Job, sagt Bush. "Ich will ihn noch vier weitere Jahre machen." Dagegen hat Larry King nichts. "Wir freuen uns auch in künftigen Zeiten auf viele Begegnungen mit dem 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten", gurrt er zum Abschied zahm. "Gute Nacht."

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