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Kopfgeburten Porträts von Cézanne bis Cyberspace

Die Ausstellung "Face to Face to Cyberspace" zeigt, wie sich das Porträt von der Ähnlichkeit mit dem Gesicht befreit.

Max Beckmann lehnt lässig mit Zigarre im Sessel, Cézanne fixiert den Betrachter aus dem Augenwinkel, und Picasso malt sich eine freche rote Nase. Francis Bacons Antlitz zerfließt zur Fratze, und über die Leinwand der österreichischen Künstlergruppe "Granular~Synthesis" zittert mit Mordsgezeter ein Menschengesicht im Kinoformat.

Granular~Synthesis: Modell 5-Motion Control, 1994

Granular~Synthesis: Modell 5-Motion Control, 1994

Das weit gesteckte Porträt-Panorama ist mit 80 Beispielen aus den letzten hundert Jahren exzellent bestückt. Den Grundstock bildet immerhin die Klassische-Moderne-Sammlung des Schweizer Galeristen und Museumsbegründers Ernst Beyeler. Zudem locken ein paar außerordentliche Leihgaben aus Amerika und Europa, darunter ein früher Picasso ("Porträt Ambroise Vollard", 1909/1910) aus dem Moskauer Puschkin-Museum. Auch Gauguin blickt traurig in seinem "Letzten Selbstporträt" von 1903 durch die Brille, van Goghs mißratenen "Zwei Kinder" lächeln leicht debil unter ihren Hauben, und Diego Rivera blinzelt phantastisch arrogant mit einem runden Mondgesicht von Modigliani.

Jean Dubuffet: Léautaud sorcier peau-rouge, 1946

Jean Dubuffet: Léautaud sorcier peau-rouge, 1946

Noch erkennbar realistisch faszinieren die Dargestellten - ganz im Gegensatz zu späteren Interpretationen. Mit Sandputz, Stroh und Farbe kleisterte Dubuffet 1946/47 seine Dichterbilder zu und zerkratzte ihnen hinterher die kindlichen Gesichter. Bei den so Porträtierten kam das gar nicht gut an: Der Schriftsteller Paul Léautaud kochte, fühlte sich als "Opfer". Entrüstet lehnte er das Bildnis, das Dubuffet auf Wunsch der amerikanischen Millionärin Florence Gould malte, ab. "Die Leute sind viel schöner, als sie glauben, es lebe ihr wahres Gesicht", verteidigt Dubuffet später seinen kruden Stil.

"Alle Porträts, die je gemalt wurden, wollen das 'Ich' des Modells enthüllen," erklärt im Katalog Milan Kundera die deformierte Mimik Francis Bacons, während Bacon gesteht: "Ich habe mich nur so oft selbst porträtiert, weil die Leute um mich herum wie die Fliegen starben und ich niemanden mehr hatte, den ich malen konnte."

Rosemarie Trockel: Beauty, 1995

Rosemarie Trockel: Beauty, 1995

Um "den Sprung ins neue Jahrtausend" zu wagen, hat Markus Brüderlin die kunsthistorischen Meisterwerke mit zeitgenössischen Bildnissen aufgepeppt. Doch von der klassischen Porträtkunst entfernen sich da auf den ersten Blick wenige. Fotorealistisch malt Franz Gertsch vertraute Personen. Unscharf, aber deutlich erkennbar hängen "Die toten Schweizer" von Boltanski in 200 Schwarzweißfotos nebeneinander: Individuen in der anonymen Masse. Scharf bis auf Poren und Pickel lichtet Thomas Ruff seine Freunde ab. Aalglatte Modelfotos manipuliert Rosemarie Trockel zu "Beauty"-Bildern aus jeweils zwei linken Gesichtshälften. Nur Chuck Closes Riesengesichter lösen sich bei näherem Hinsehen zu abstrakten Landschaften auf - und wirken fast so virtuell wie die Projektionen im Interface der "echtzeit GmbH". Unter dem Firmenlogo hat der Schweizer Edouard Bannwart am Ende der Ausstellung einen "Virtual Head" inszeniert. Wer sich vor die Leinwand setzt, wird in den Computer eingescannt und kann so ganz real mit sich selbst kommunizieren. Irgendwann, meint Bannwart, wird so vielleicht das Bildtelefon von morgen funktionieren.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 12.9.1999 in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. Wer den weiten Weg in die Schweiz scheut, der tröste sich mit dem hervorragenden Ausstellungskatalog, erschienen bei Hatje-Cantz.

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