• Drucken
  • Senden
  • Feedback
16.09.2004
 

Pop-Pilger

Madonna im Heiligen Land

Kabbala goes Pop: Die höchst anspruchsvolle hebräische Textauslegungs-Lehre kursiert unter Stars als gut konsumierbare Light-Version. Kabbala-Anhängerin Madonna ist pünktlich zum jüdischen Neujahrsfest in Israel eingetroffen - Medienrummel und Polizeischutz inklusive.

Superstar Madonna: Pop-Heiligtum auf Pilgerfahrt
Zur Großansicht
AP

Superstar Madonna: Pop-Heiligtum auf Pilgerfahrt

Jeder Ära ihren Kult: Buddhismus für die Achtziger, Scientology für die Neunziger und das Kabbalah Centre für das neue Jahrtausend. So jedenfalls die Diagnose der Zeitgeistpostille "Glamour". Das Blatt hat nicht ganz unrecht: Die Light-Version der jüdischen Geheimlehre Kabbala, wie sie das von Amerika aus operierende "Kabbalah Centre" popagiert, zieht Stars wie Demi Moore, Mick Jagger, Paris Hilton und Winona Ryder an.

Vorreiterin des Trends: Pop-Ikone Madonna, die der Londoner Zweigstelle des Centers sechs Millionen Dollar überwies und kürzlich 22 Millionen Dollar in eine New Yorker "Kabbalah Centre"-Schule investierte. Wie ernst es der Hausheiligen der Popkultur mit ihrem spirituellen Engagement ist, beweist ihre Pilgerfahrt ins gelobte Land. Gestern traf Madonna samt Familie in Israel ein, zu ihrem Schutz wurde eine Vielzahl an Polizisten bereitgestellt.

Die Sängerin will sowohl Grabstätten jüdischer Heiliger als auch die Klagemauer und Rachels Grab in Betlehem besuchen. Das Grab ist ein jüdisches Heiligtum unter israelischer Kontrolle innerhalb der Palästinenserstadt. Nach jüdischer Überlieferung soll dort die alttestamentarische Gestalt Rachel, Lieblingsfrau des biblischen Stammvaters Jakob, begraben sein. Die Ruhestätte gilt "Kabbalah Centre"-Anhängern als Energiequelle, von der man positive Kräfte empfängt.

Madonnas Pilgertour ist nicht unumstritten. Pälestinensische Aktivisten wollen gegen den Besuch des Popstars in der südlich von Jerusalem gelegenen Stadt protestieren. Betlehem, von 1967 bis 1994 unter insraelischer Kontrolle, ist seit den Osloer Abkommen autonom und wird von Palästinensern verwaltet. Die meisten Einwohner sind palästinensische Christen.

Bei ihrer Reise soll Madonna auch bei einer Benefizveranstaltung zugunsten israelischer und palästinenischer Kinder sprechen und von Israels Tourismus-Minister Gideon Ezra mit einer antiken Öl-Lampe und einer byzantinischen Münze geehrt werden. Die Tourismus-Behörde sieht im Besuch des Weltstars eine Chance, das von Krisen und Krieg gebeutelte Land in einer anderen Perspektive darzustellen. "Stars in unserem Land zu begrüßen, ist eine wunderbare Gelegenheit, der Welt die Reichtümer unserer Nation zu zeigen", erklärte Rami Levi vom Tourismus-Ministerium gestern der BBC.

Madonnas Besuch mag einem guten Zweck dienen, die Lehren des "Kabbalah Centre" stoßen bei religiösen Juden aber auf größtes Misstrauen. Die Kabbala ist ein kompliziertes Meisterwerk der Textauslegung, dass sich selbst Spezialisten nur schwer erschließt. Ihre Vereinfachung und Vereinnahmung durch das "Kabbalah Centre" gilt Forschern und Geistlichen deshalb als Modereligion, die Religiösität und Entertainment in fahrlässiger Weise vermengt.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP