Jeder Ära ihren Kult: Buddhismus für die Achtziger, Scientology für die Neunziger und das Kabbalah Centre für das neue Jahrtausend. So jedenfalls die Diagnose der Zeitgeistpostille "Glamour". Das Blatt hat nicht ganz unrecht: Die Light-Version der jüdischen Geheimlehre Kabbala, wie sie das von Amerika aus operierende "Kabbalah Centre" popagiert, zieht Stars wie Demi Moore, Mick Jagger, Paris Hilton und Winona Ryder an.
Vorreiterin des Trends: Pop-Ikone Madonna, die der Londoner Zweigstelle des Centers sechs Millionen Dollar überwies und kürzlich 22 Millionen Dollar in eine New Yorker "Kabbalah Centre"-Schule investierte. Wie ernst es der Hausheiligen der Popkultur mit ihrem spirituellen Engagement ist, beweist ihre Pilgerfahrt ins gelobte Land. Gestern traf Madonna samt Familie in Israel ein, zu ihrem Schutz wurde eine Vielzahl an Polizisten bereitgestellt.
Die Sängerin will sowohl Grabstätten jüdischer Heiliger als auch die Klagemauer und Rachels Grab in Betlehem besuchen. Das Grab ist ein jüdisches Heiligtum unter israelischer Kontrolle innerhalb der Palästinenserstadt. Nach jüdischer Überlieferung soll dort die alttestamentarische Gestalt Rachel, Lieblingsfrau des biblischen Stammvaters Jakob, begraben sein. Die Ruhestätte gilt "Kabbalah Centre"-Anhängern als Energiequelle, von der man positive Kräfte empfängt.
Madonnas Pilgertour ist nicht unumstritten. Pälestinensische Aktivisten wollen gegen den Besuch des Popstars in der südlich von Jerusalem gelegenen Stadt protestieren. Betlehem, von 1967 bis 1994 unter insraelischer Kontrolle, ist seit den Osloer Abkommen autonom und wird von Palästinensern verwaltet. Die meisten Einwohner sind palästinensische Christen.
Bei ihrer Reise soll Madonna auch bei einer Benefizveranstaltung zugunsten israelischer und palästinenischer Kinder sprechen und von Israels Tourismus-Minister Gideon Ezra mit einer antiken Öl-Lampe und einer byzantinischen Münze geehrt werden. Die Tourismus-Behörde sieht im Besuch des Weltstars eine Chance, das von Krisen und Krieg gebeutelte Land in einer anderen Perspektive darzustellen. "Stars in unserem Land zu begrüßen, ist eine wunderbare Gelegenheit, der Welt die Reichtümer unserer Nation zu zeigen", erklärte Rami Levi vom Tourismus-Ministerium gestern der BBC.
Madonnas Besuch mag einem guten Zweck dienen, die Lehren des "Kabbalah Centre" stoßen bei religiösen Juden aber auf größtes Misstrauen. Die Kabbala ist ein kompliziertes Meisterwerk der Textauslegung, dass sich selbst Spezialisten nur schwer erschließt. Ihre Vereinfachung und Vereinnahmung durch das "Kabbalah Centre" gilt Forschern und Geistlichen deshalb als Modereligion, die Religiösität und Entertainment in fahrlässiger Weise vermengt.
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