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Graham Greene Unglück war sein Ziel

Seine Bücher wurden in aller Welt gelesen, doch sein Leben blieb ein großes Geheimnis. Zum hundertsten Geburtstag des Schriftstellers Graham Greene.

Graham Greene: "Then you must be the master"
AP

Graham Greene: "Then you must be the master"

Von Günter Grass wird die Anekdote überliefert, eines Tages, als er sich in Kalkutta aufhielt, um sich selbst ein Bild von der Armut des Landes zu machen, habe sich ein alter Inder auf ihn gestürzt. "Sir", rief er, "are you a writer?" Grass sagte, ja, in der Tat, er sei Schriftsteller. Der Inder fragte weiter: "Then you have written ,The Tin Drum'?" Grass erwiderte, ja, in der Tat, er sei der Verfasser der "Blechtrommel". Die Augen des Alten leuchteten auf. Er schien genau zu wissen, mit wem er es zu tun hatte. Voller Ehrfurcht blickte er Grass an. "Then you must be the master Graham Greene!"

Graham Greene war einer der wenigen Schriftsteller von Weltrang, der zeitlebens tatsächlich von und in aller Welt gelesen wurde. Wenn man es einmal so weit gebracht hat, kann sich Berühmtheit auf fast alles gründen. So war Greene noch zu Lebzeiten berühmt dafür, daß er nicht den Literaturnobelpreis erhielt. Für seine schüchterne Art und Bescheidenheit. Dafür, daß er gern Gin Tonic trank. Für sein selbstgewähltes Exil in Südfrankreich. Für seinen Katholizismus. Ja, er war sogar berühmt dafür, daß er als Jugendlicher, "aus Langeweile", mit dem Revolver des Bruders immer wieder russisches Roulette gespielt haben wollte und gern erzählte, er habe ein Trimester seiner Oxforder Studienzeit in permanentem Vollrausch verbracht.

Berühmt und ungelesen

Als Greene am 3. April 1991 in Genf starb, war es also nur folgerichtig, daß die Nachrufe ihn nicht nur als größten britischen Romancier des zwanzigsten Jahrhunderts, sondern auch als "berühmtesten Schriftsteller der Welt" feierten - und dieses Kompliment keineswegs feuilletonistisch-abschätzig meinten. Doch inzwischen scheinen diese Epitaphe ebenso unanfechtbar wie der Name Greenes verblaßt. Gewiß, die Verlage Zsolnay und dtv machen sich um sein Gesamtwerk verdient, zumal in diesem Herbst, da sich sein Geburtstag am 2. Oktober zum hundertsten Mal jährt. Aber mal ehrlich: Stellt man sich Romane wie "Die Kraft und die Herrlichkeit" (1940), "Der dritte Mann" (1949 das Drehbuch zum Film, 1950 das Buch), "Der stille Amerikaner" (1955), "Unser Mann in Havanna" (1958) oder "Der menschliche Faktor" (1978) nicht lieber als zerfledderte, angegilbte Taschenbücher vor, zu zerlesen, um stolz im Regal präsentiert zu werden, wie es Klassikern gebührt? Ironischerweise scheint es, als habe Greene das gleiche Schicksal ereilt wie viele Nobelpreisträger: Von allen gekannt, doch wenig gelesen.

Gerade im deutschen Kulturleben wird noch immer gern nörgelnd auf den Unterschied zwischen Unterhaltung und Kunst, zwischen vermeintlich flach und angeblich tief, hingewiesen, den es in diesem strengen, miesepetrigen Sinn im angelsächsischen Raum nie gab. Dort gibt es dafür andere Kategorien, nämlich die writers' writers, also Autoren, die vor allem von ihresgleichen bewundert werden; dann gibt es die audience writers, also jene, die beim Publikum gut ankommen, aber von den Intellektuellen eher belächelt werden; und schließlich gibt es noch die furchtbarste Kategorie von allen, die der critics' writers: von den Rezensenten hochgelobt, doch ungelesen. Für Graham Greene muß der Übergang in seinen späteren Jahren vom audience writer zum critics' writer verstörend gewesen sein; war er doch immer eher ein Jungensschriftsteller gewesen, einer, in dessen unfreiwilligen Helden sich Männer wiederfinden konnten, weil er es ihnen ermöglichte, anfällig, schwach und mickrig zu sein - und dabei dennoch irgendwie eine gute Figur abzugeben. Ähnlich erging es ihm selbst. Die Isolation empfand schon der Knabe als Naturzustand, der als Sohn eines Schuldirektors im englischen Hertfordshire aufwuchs und fühlte, daß er sich nie mit den Kameraden gemein machen konnte, ohne den Vater zu verraten. Diese ständige Distanz, zu anderen wie zu sich selbst, prägte sein ganzes Leben; Graham Greene sei zum Exil geboren, schrieb Anthony Burgess.

Gerade in seiner steten Unruhe zeigte sich für ausländische Betrachter seine Britishness. Krisenherde - Sierra Leone, Vietnam, Haiti, Panama, Mexiko - zogen ihn an. Hier brauchte er dem Unglück nicht aufzulauern, hier entlarvte es sich ganz von selbst. Gerade weil der in der ganzen Welt Umhergeisternde politisch brisante Hintergründe nicht aussparte, sondern ihnen lieber einen spannenden, unterhaltsamen Anstrich gab, stellte er sich als Schriftsteller gewissermaßen in die beste Tradition englischer Geschichtsschreibung. Ohne Partei zu ergreifen und trotz seiner kommunismusfreundlichen Überzeugungen ohne Ideologie, aber mit akribischer, geradezu journalistischer Aufmerksamkeit für Orte, Menschen und Atmosphären, gerät bei ihm Geschichte wieder zu dem, was sie ist: Ein komplexes, von Menschen gemachtes, hingenommenes, oft genug auch erlittenes Schicksal. Die schwierigen Situationen, in die es den einzelnen bringt, wissentlich oder ahnungslos, sind seine Spezialität. Doch Greene begnügt sich nicht mit der Schilderung; seine literarische Umsetzung dient der Gewissenserforschung, bietet eine Deutung an.

Genau wie die Spione, die er in vielen seiner Romane schilderte, stand auch Greene immer auf der Schwelle, nie richtig beteiligt am Geschehen, aber auch nicht außerhalb. Zu dieser Tarnung gehörte es, daß er sich selbst gern widersprach. Geschah es aus Liebe zu seiner Frau Vivien oder doch aus Langeweile, wie er später behauptete, daß er 1926 zum Katholizismus konvertierte? Nach eigenem Bekunden konnte er Major Scobie, den außerordentlich beliebten Protagonisten seines ersten Romans "Das Herz aller Dinge", nicht ausstehen - und verteilte dennoch später Visitenkarten, auf denen Scobies Name prangte. Wenn Greene sich doch über sich selbst äußerte - etwa in den beiden Bänden seiner Autobiographie, "Eine Art Leben" und "Fluchtwege" - gab er mit strategisch-spielerischer Vorliebe nur solche Dinge preis, die seine Person weiter verschleierten. Freimütig zündete er eine Nebelbombe nach der anderen. So bekannte er, sich selbst ein Leben lang fremd geblieben zu sein. Diese Fremdheit suchte er auch beim Schreiben nie ganz abzulegen; womöglich hätte er sonst eine Art von Glück empfunden, und Glück galt ihm als langweilig und darum unproduktiv. Was ihn antrieb, war der Glaube, nicht nur jener an Gott, sondern auch der an die Kraft der Persönlichkeit. Ein Mensch, der an nichts glaubt, konnte in seinen Augen auch kein echtes Interesse an anderen Menschen haben: "Ohne Zweifel ist es leichter, Menschen ernst zu nehmen, wenn man überzeugt ist, daß sie wichtig sind, sogar von einer Wichtigkeit über das Diesseits hinaus."

Verzweifelt und wahrhaftig

Seine ihm liebsten Figuren wie der Doktor in "Der Honorarkonsul" (1973) oder der Priester aus "Die Kraft und die Herrlichkeit" besitzen keine klar umrissenen Konturen, so wie auch er sich selbst nie als bis ins letzte definiert empfand. Es sei wichtig, daß man beim Schreiben keine allzugroße Sympathie für einzelne Figuren entwickle, sagte er: "Die Identifikation macht schlechte Literatur." Sein verständnisvolles Mitgefühl mit den Verängstigten, Verrückten und Traurigen dieser Welt, die er im heruntergekommenen, doch hochnoblen (und als Bezeichnung von ihm selbst verabscheuten) Greene-land einziehen ließ, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die eigentlichen Prüfungen im Leid wohnen: Das Unglück ist das Ziel des Schriftstellers, auf daß es seine Figuren zwingt, sich weiterzuentwickeln. Es gebe Plätze im Herzen der Menschen, von deren Existenz wir erst erfahren, wenn das Leid sie uns zeige, heißt es zum Auftakt des Romans "Das Ende einer Affäre" (1951). Erst, wenn wir in den "Wüsteneien" der Seele angekommen, vor Ratlosigkeit, Verzweiflung und Furcht völlig außer uns sind, so lehrt Greene-Lektüre, sind wir ganz bei uns. Der Schriftsteller selbst führte sein Interesse am "gefährlichen Rand der Dinge" zurück auf den metaphysischen Dichter Robert Browning, auf den er sich ebenso berief wie auf Henry James, Joseph Conrad und Ford Madox Ford.

Die Art, wie Greene sich selbst zurücknimmt und seine Stimme in den Dienst seiner Geschichten stellt, verrät die souveräne Meisterschaft. Seine Beschäftigung mit Identität und Loyalität, Freundschaft, Feindschaft und Politik beleuchtete immer die großen Themen Glaube, Liebe, Hoffnung, Tod. Wenn, wie er sagte, die Krankheit des Schriftstellers zugleich das Mittel dagegen ist, läßt sich auch die Hoffnungslosigkeit von Greenes Büchern ausschließlich mit ihrer Lektüre kurieren.

Felicitas von Lovenberg

SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen. Die von der "FAS" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.

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