Die Kunst des SPIEGEL Zurück
Pressestimmen


Der Standard/Wien (03. August 2005)

Papierenes Denkmal für die Montagsmaler

"Spiegel"-Cover im MAK: Das Polit-Magazin im Kunst-Museum

"Das Titelbild ist die wöchentlich aktuelle Visitkarte des 'Spiegel'", meint dessen Chefredakteur Stefan Aust. Entsprechend wichtig ist die Visualisierung des Titelthemas für das deutsche Magazin. Seit 1956 sind es Illustratoren, die dem "Spiegel" sein Gesicht geben. "Eine Zeichnung kann eher abstrahieren, verdichten, oder ein Thema ironisch brechen", schreibt Aust zur Ausstellung "Die Kunst des Spiegel", die derzeit 200 Originalillustrationen im Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK) zeigt.

Als das Titelbild des österreichischen Illustrators Michael Pleesz 2002 erschien, rief der deutsche Bundeskanzler beim Spiegel an: Er hätte gerne das Original. "Genosse Schröder" sieht bei Pleesz aus wie ein kämpferischer Stachanow-Arbeiter in der Manier des sowjetischen Realismus. Auch US-Präsident George W. Bush habe sich von Jean-Pierre Kunkels Titelbild von 2002, das ihn als schießwütigen Filmhelden im Rambo-Outfit zeigt, "gut getroffen" gefühlt, plauderte Stefan Kiefer, Ressortleiter Titelbild des "Spiegel", aus dem Nähkästchen des Nachrichtenmagazins.

"Plädoyer eines kommerziellen Magazins für die Kunst"

Diese Arbeiten werden normalerweise als Gebrauchsgrafiken rezipiert und verschwinden nach einer Woche von der Bildfläche - wenn auch nicht aus dem Gedächtnis, spiegeln sie doch die Befindlichkeit Deutschlands oder der Welt manchmal höchst treffend wider. Nun wandern diese Zeichnungen durch Museen in Deutschland, Österreich und den USA. "Es sind eigenständige Arbeiten auf hohem Niveau", rechtfertigte MAK-Direktor Peter Noever den Platz der Bilder im Kunstblättersaal des Museums bei der Presseführung heute, Dienstag. Die Schau sein "das Plädoyer eines kommerziellen Magazins für die Kunst".

Von Heiligen-Ikonen bis zu Pop-Art

Auf wenig Platz sind die Illustrationen im MAK zusammengedrängt und überfallen den Betrachter nicht nur mit stilistischer Vielfalt. Wer der weißen, Platz sparenden Spirale folgt, hüpft von einem Aufmacher zum nächsten. "Schnell und unkompliziert", das seien die Eigenschaften der Spiegel-Illustratoren, meinte Kiefer, schließlich seien die Vorlaufzeiten bei aktuellen Themen extrem kurz, manchmal gar nur zwei Tage. Von Heiligen-Ikonen bis zu Pop-Art reichen die Stile, von Ölmalerei bis zu Air-Brush die Techniken dieser Schau, die nicht nur Illustrationsliebhaber, sondern auch Medieninteressierte reizen kann. "Selbst Joseph Beuys hat einmal einen Titel für uns gestaltet", erzählte Kiefer. "Der war leider undruckbar - zu frei." (APA)







Munich-Online.de

SPIEGEL, SPIEGEL an der Wand

Titel-Illustrationen aus 50 Jahren

Bis zum 17. Juli gastiert die Wanderausstellung "Die Kunst des SPIEGEL - Titel-Illustrationen aus fünf Jahrzehnten" in der Münchner Pinakothek der Moderne. Dort können sich die Besucher jetzt auf eine humorvolle und nachdenkliche Reise durch die Zeitgeschichte mit über 150 Originalen der Titelbilder des SPIEGEL begeben.

Die Neue Sammlung zeigt mit der Ausstellung "Die Kunst des SPIEGEL" in der Pinakothek der Moderne einen facettenreichen Querschnitt der Zeit- und Graphikgeschichte. Einige der bedeutendsten Illustratoren der Welt - Künstler wie Braldt Bralds oder Michael Matthias Prechtl - setzten während der letzten 50 Jahre im Auftrag des SPIEGEL pointiert und gewitzt die brennenden Themen der Republik in Zeichnungen, Gemälde und Illustrationen um.

Wenn Oskar Lafontaine als Baron von Münchhausen verkleidet auf einer roten Kanonenkugel reitet, sagt dieses Bild mehr aus als tausend Worte. Die Titelredaktion des SPIEGEL verwendete immer wieder solche Illustrationen, um den Leser zum Blatt greifen zu lassen. So manche Darstellung ist bereits legendär, wie ein Gerhard Schröder mit roter Fahne im Stile der politischen Plakatmalerei oder George Bush als Rambo-Verschnitt mit seinen "Bush-Kriegern".

Wer sich die Originale der Titelbilder genauer anschaut, entdeckt immer wieder Details, die dem ersten, flüchtigen Blick entgehen und den Illustrationen eine ungeahnte Tiefe verleihen. Die Ausstellung erlaubt aber auch den spannenden Vergleich mit den tatsächlichen Titelbildern, wenn Kunst und die Anforderungen eines Magazins einen Kompromiss eingehen.







Frankfurter Neue Presse (02.04.2005)

Stiche ins Auge des Betrachters

Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst zeigt noch bis 17. April «Spiegel»-Titelbilder aus den vergangenen 50 Jahren.

Von Christian Huther

Das Titelbild ist die Visitenkarte einer Zeitschrift. Es soll das Hauptthema auf den ersten Blick ausdrücken und die Neugier des Betrachters wecken. So Stefan Aust, der Chefredakteur des «Spiegels». Aust muss es wissen, gelten doch die Titelbilder des Hamburger Nachrichtenmagazins als treffend, respektlos und spöttisch. Jetzt zeigt das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst knapp 200 «Spiegel»-Illustrationen aus 50 Jahren. Die Schau war zuvor in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen und wandert von Frankfurt aus nach München, Stuttgart und Ende des Jahres ins Museum of American Illustration nach New York. Damit hat es durchaus seine Bewandtnis. Denn so prägnant die Titelbilder auch sind, so unbekannt sind die Illustratoren in Deutschland. Und da sie hier nur wenig gelten, gibt die starke amerikanische Szene den Ton an. Fast die Hälfte der 60 jetzt ausstellenden Künstler kommt aus den USA. Ohnehin ist «Der Spiegel» mit seiner Titelgestaltung einmalig in Deutschland. Die meisten anderen Magazine setzen auf Porträts oder Fotomontagen.

«Der Spiegel» machte da keine Ausnahme nach der Gründung 1947. Erst 1956 kam eine Illustration aufs Titelbild: das Porträt des christdemokratischen Bürgermeisters Giorgio la Pira vor dem Stadtbild von Florenz. In diesem hyperrealistischen Bild des in New York lebenden Russen Boris Artzybasheff vereinen sich das traditionelle Stadtbild und der fortschrittlich wirkende Politiker. 25 Jahre später glänzte Michael Matthias Prechtl mit satirischen Bildern von den Gespannen Nietzsche und Hitler beziehungsweise Luther und Papst. Eine solche Zuspitzung können Fotos nicht leisten. Wichtig für den Erfolg ist auch die Abwechslung. Selbst Prechtl realisierte höchstens zwei Titel pro Jahr.

Um diese Vielfalt und die Anfänge deutlich zu machen, präsentiert das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst als bisher einzige Station der Wanderschau zusätzlich 100 Hefte von 1947 bis 2004. Anfangs hob die Hamburger «Spiegel»-Redaktion noch die Sängerin und Schauspielerin Hildegard Knef (1947) oder den Nobel-Schriftsteller Ernest Hemingway (1949) auf den Titel, aber die Themen wurden komplexer und nicht mehr auf eine Person konzentriert. Für das Abtreibungsthema wurde 1964 das Paragrafenzeichen als schwangerer Bauch geformt. Die Prostitution wurde 1994 in einem mit Hundert-DM-Scheinen bedruckten Straps visualisiert.

So bietet der erste Teil der Schau im Erdgeschoss des Frankfurter Museums einen Rundgang durch Stil-, Zeit- und Politik-Historie. Dokumentiert wird aber auch die Arbeitsweise der Illustratoren. Meist malen oder zeichnen sie ihr Sujet und fotografieren es dann. So geschah es etwa bei dem Porträt des Physik-Genies Albert Einstein mit dem wirren Haar, entworfen von Braldt Bralds (1999). In anderen Fällen werden Modelle gebaut, wie die zehn Miniaturen vom Brandenburger Tor bis zur Puppenstube voller Handy-Süchtiger in der zweiten Museumsetage zeigen.

Doch längst nicht alles, was entworfen wird, wird auch realisiert. Die relativ einfache, aber schlüssige Formation von Streichhölzern zum Hakenkreuz beispielsweise wurde von den Magazin-Machern abgelehnt. Jede Woche liegen etwa zehn Entwürfe zur Auswahl vor. Aber nur einer davon kommt dann im roten «Spiegel»-Rahmen tatsächlich an die Kioske und in die Leserhände.





Feuilleton Frankfurter Rundschau (30.03.2005)

Kohl in Öl

Das Bild zum Montag: Das Museum für Angewandte Kunst stellt Titel-Illustrationen des "Spiegel" vor

Von Silke Hohmann

Das Grinsen ist in seiner Feistigkeit schon ein bisschen schmerzhaft, das Helmut Kohl von dem Malerduo Dubosarskij und Vinogradov ins Gesicht gemalt wurde. Der Altkanzler steht da wie ein selbstgefälliger Popanz inmitten blühender Landschaften, umringt von Blasmusik, Bambis, Bergen und blonden Kinderlein. Als Gemälde betrachtet, so wie es gerade im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst hängt, ist das Bild eine Frechheit. In das Layout des Spiegel-Titelblatts hinein montiert allerdings funktioniert es ausgezeichnet: Der Rahmen droht schief von einer vergilbten Wand zu stürzen, der weiße Fleck dahinter lässt auf lange Jahre des bürgerlichen Miefs schließen. Die Headline des Spiegel Nr. 11, 1998: "Abschied vom Gestern".

"Die Kunst des Spiegel" ist eine Ausstellung über die Fertigkeit von über sechzig internationalen Illustratoren, die mit Airbrush oder Kreide, mit Tempera oder Tusche die montägliche Verlautbarung der Woche bebilderten. Es ist aber auch eine Ausstellung über konzeptionelles Denken, über die Stelle, an der Wort und Bild sich treffen und etwas Neues, im besten Falle Originelles ergeben, das Bild oder Sprache allein nicht hätten leisten können. Wie bei dem Titel "Jesus, allein zu Haus" etwa, der mit geliehenem Kinojargon und geborgtem da-Vinci-Abendmahl von den schrumpfenden Kirchengemeinden kündet - denn die Jünger sind in der Version des Nachrichtenmagazins der Einladung nicht gefolgt.

Die besten Cover, das sieht auch Titelblatt-Ressortleiter Stefan Kiefer so, sind die provozierenden, die möglicherweise auch für Empörung sorgen. Wie einst der Teller Spaghetti mit dem Revolver obenauf, der zur besten Urlaubszeit über Gewalt und Verbrechen in Italien berichtete. Das war ausgerechnet 1977, und in Italien reagierte man sauer mit einem Teller Kraut, garniert mit einer Handgranate.

Fotografische Ideen wie diese spielen in der Ausstellung eine marginale Rolle, es geht um das "Künstlerische", und das kommt oft dann zum Einsatz, wenn zugleich erläutert als auch in Sekundenschnelle Interesse geweckt werden soll. "Bruder Affe" etwa, oder "Die sanfte Heilkunst" fallen darunter, Themen also, die nicht unbedingt aktuell in der Luft liegen und eine lange Produktionszeit für die Illustratoren zulassen. Über den redaktionellen Alltag, der gerade in den Fragen des Titelblatts schnelle Reaktion erfordert, gibt die Ausstellung keine Auskunft, zeitgeschichtlich interessant ist sie aber allemal, wenn man sich zum Beispiel erinnert, dass bereits 1996 das "Schlaraffenland" für abgebrannt erklärt wurde, und "Die Angst der Deutschen" schon 1983 dieselbe war wie heute.

Kohl jedenfalls ist, ob gezeichnet, gemalt, schraffiert oder montiert, mit Abstand am häufigsten vertreten, und am feinsten hat ihn Haitzinger getroffen: Als gewitzt in sich hinein kichernden Kleinkunst-Zauberer, der den mickrigen Karnickel Konjunktur aus einem riesigen Hut zaubert. Das Weiße Haus soll sich 2002 über die Darstellung der "Bush-Krieger" mit George W. als Rambo, Colin Powell im Batman-Kostüm und Condoleezza Rice im Xena-Dress derart gefreut und darin blenden getroffen wiedergefunden haben, dass sie beim Zeichner Jean-Pierre Kunkel zwei Exemplare bestellten. Woran auch die Brezel, die Präsident Bush als Militärmarke um den Hals trägt - eine Idee von Stefan Aust - nichts ändert. Den Kohlschinken in Öl hat immerhin das Bonner Haus der Geschichte angekauft.

Museum für Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, Frankfurt: bis 17. April, Di.-So. 10-17 Uhr, Mi. bis 21 Uhr.







"Tagesspiegel" (06.02.2005)

Wie ein guter Witz

Deutschlands Litfaßsäule-Säule: Eine Ausstellung zeigt "Spiegel"-Titelbilder aus fünf Jahrzehnten

Von Sebastian Handke

Manchmal gewinnen Schülerzeitungen unerwarteten Einfluss. Eine Schule in Pforzheim hatte sich an einem Wettbewerb um die "Schülerzeitung des Jahres" beteiligt und in der Kategorie Titelbild gewonnen - mit einem Schulkind, dessen Schultüte sich bei näherem Hinsehen als Joint entpuppte. Wenig später war das Motiv an allen Kiosken. Der "Spiegel" hatte sich inspirieren lassen und war durch die Schüler erst auf die Spur des "Powergras" gekommen, einer neuen holländischen Zucht mit besonders hohem Marihuana-Anteil.

Von so manchem "Spiegel"-Titel ließen sich wohl ähnliche Entstehungs- und Wirkungsgeschichten erzählen, schade, dass die Ausstellung "Die Kunst des Spiegel", die zweihundert Originale aus fünf Jahrzehnten präsentiert, wenig davon verrät. Gewiss, viele der Motive sprechen für sich, und es ist durchaus ehrenwert, dass Stefan Kiefer, der Titelbild-Ressortleiter beim Hamburger Nachrichtenmagazin, die Künstler selbst in den Vordergrund stellen möchte. Doch selbst der Katalog gleicht mehr einer Bewerbungsmappe als einer informativen Handreichung. Das ist zu wenig, nicht nur, weil sich die Kunstfertigkeit der Illustratoren erst im weiteren Kontext ihrer Arbeit offenbart, sondern auch, weil so mancher Ausstellungsbesucher die Brisanz und Wirkungsmacht älterer Motive kaum noch nachvollziehen kann. Denn das Titelblatt des "Spiegel" war schon immer so etwas wie eine gesamtdeutsche Litfaßsäule - ein landesweites Bild.

Womit der "Spiegel" aufmacht, das steht auf der Agenda öffentlicher Wahrnehmung, und zwar relativ unabhängig von der Qualität des dazu gehörigen Textes. So ist das Erste, was in der Galerie c/o Berlin auffällt, wie tief sich manche Motive auch in das eigene Gedächtnis eingeprägt haben: Seveso auf dem Dioxin-Fass, Heiner Geißler im Schafspelz, die erste grafische Darstellung des Aids-Virus, Goethe, Einstein, der Neandertaler. In den Anfangsjahren gab sich das Magazin noch ein strenges Äußeres: ein roter Rahmen und darin ein Schwarz-Weiß-Porträtfoto.

Groß war der Widerstand, als Eberhard Wachsmuth, ab 1953 für die Bebilderung zuständig, Titel-Illustrationen vorschlug. Immer wieder skizzierte er auf eigene Initiative Vorschläge, um doch stets wieder bei der Chefredaktion abzublitzen. Rudolf Augstein gab ihm den Spitznamen "gelernter Kunststudent". Listig führte Wachsmuth die Illustration auf Umwegen ein. Er machte den Hintergrund der Fotos zu seiner grafische Spielwiese. So war der Schritt zur ersten Titelgrafik nur noch ein kleiner: Boris Artzybasheff zeichnete 1956 ein realistisches Portrait von Giorgio la Pira, dem Bürgermeister von Florenz, mit der Silhouette seiner Stadt zur Zeit der Renaissance im Hintergrund.

Das war eine größere Zäsur, als es zunächst den Anschein haben mag, eine neue optische Philosophie: der Wechsel von einem Abbild, das im Ausnahmefall vielleicht noch ikonische Kraft gewinnen kann, zu einer bildlichen Erzählform. "Ein gutes Titelbild", sagt "Spiegel"-Chef Stefan Aust, "sollte sein wie ein guter Witz: das Zusammenwirken zweier Ebenen, die im Kopf des Betrachters eine neue Geschichte entstehen lassen". Sein Lieblingsbeispiel ist der Titel "Des Kanzlers letzter Mann", auf dem sich nur Schröder selbst abgebildet findet.

Künstler, die so etwas können, sind in Deutschland, wo die Illustratorenkunst im Gegensatz zu den USA nur wenig gilt, schwer zu finden. Zumal es sich um Werke in ganz traditioneller Machart handelt - sogar eine regelrechte Gorbatschow-Ikone, ein Tafelbild auf Holz, ist dabei. Das Zeichnen aber wird heute an den Kunsthochschulen zugunsten digitaler Bildkomposition immer weniger gelehrt, und so bleibt dem Spiegel wenig anderes übrig, als seine Bildmacher selbst heranzuziehen. Die Wanderausstellung wird daher von Workshops begleitet. Für Berlin sind noch Plätze frei.

Hat sich ein Illustrator bewährt, bekommt er regelmäßig neue Aufträge, passend zum Spezialgebiet. Ludvik Glazer-Naudé greift meist dann zum Pinsel, wenn es um die letzten Dinge geht - die Illusion Zeit, Freuds Psychofalle, Gottes Urknall. Jean-Pierre Kunckel dagegen wird gebucht, wenn Fotorealismus gefragt ist. Aus seinem Atelier stammt einer der bekanntesten Spiegel-Titel überhaupt: die "Bush-Krieger", eine Darstellung des Präsidenten und seiner Entourage in Superhelden-Posen. Rambo Bush trägt eine Brezel als Halsplakette - eine Idee, die Aust persönlich beisteuerte.

Weil man aber solche Details nicht erfährt, geht der vielleicht interessanteste Aspekt dieser Ausstellung unter: dass es sich nämlich um die Gesamtschau eines Oeuvres handelt, gewissermaßen das Werk eines künstlerischen Kollektivs aus Illustrator, Titelbild- und Chefredaktion, die meist eng zusammenarbeiten. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass die Bildproduktion Hoheit gewinnt über den Text - nicht nur dann, wenn Schultüten aus Pforzheim Drogenrecherchen in Holland auslösen. Als Glazer-Naudés vom Art Directors Club ausgezeichneter Glaubens-Titel "Der göttliche Teufel" anders ausfiel als bestellt, ließ Aust den dazugehörigen Text umschreiben, bis er passte.

Vielleicht tat er gut daran, denn es sind schließlich die Bilder, die auch im Ausland wahrgenommen werden. Das Porträt zum "Mythos Che Guevara", das Che mit einem Heiligenschein aus einer im Kreis fliegenden Patrone darstellt, wird mittlerweile auf Basaren in Kuba gehandelt. Die Illustration zum "Urlaubsland Italien", eine mit Pistole garnierte Portion Spaghetti, sorgte 1977 für diplomatische Verstimmungen und wurde durch einen italienischen Gegentitel mit Sauerkraut und Handgranate vergolten. Die Bush-Krieger dagegen erwiesen sich als Kitt fürs transatlantische Verhältnis. Auf Bestellung des US-Botschafters wurden Plakate angefertigt, sie hängen im Weißen Haus. Dem Vernehmen nach zeigten sich die abgebildeten Personen mit ihrer Darstellung sehr zufrieden.

c/o Berlin, Linienstr. 144 (Mitte), bis 6. März, tgl. 11- 19 Uhr, außer am 14. Februar.







KULTURSPIEGEL 11/04

"Können, Herz und Kreativität"

60 Künstler, 200 Titelbilder: Die Ausstellung "Die Kunst des SPIEGEL" stellt erstmals die Illustratoren vor.

Am Anfang war das Missverständnis: Die Redakteurin der "New York Times" rief bei Rafal Olbinski an und bat ihn, schnell, schnell, eine Illustration für einen Text auf der "Op-Ed"-Page - der Kommentarseite der Zeitung - anzufertigen. Damals, Anfang der achtziger Jahre, gab es noch kein Faxgerät, deshalb las die Redakteurin ihm den Text am Telefon vor. Eine halbe Stunde gab sie ihm, um eine Illustrationsidee zu entwickeln.

Das Problem an der Sache war, dass Olbinski gerade erst aus Polen in die USA eingewandert war und kaum Englisch verstand. Deshalb begriff er auch nur so ungefähr, worum es in dem Text ging. Als er dann seine Idee der Redakteurin schilderte, haperte es wieder an den Sprachkenntnissen, und die Redakteurin verstand seinen Vorschlag nicht. Entsprechend überrascht war sie dann von dem Ergebnis, als die Illustration ein paar Stunden später eintraf.

Aber sie muss doch zufrieden gewesen sein, denn der Zeichner und Maler wurde immer wieder beauftragt, und zwar nicht nur von der "New York Times", sondern auch das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" ließ von Olbinski, 59, inzwischen rund 20 Titelseiten anfertigen.

Als die SPIEGEL-Titelbild-Redaktion den Illustrator 1997 anrief, ob er das Thema "Die Reichen reicher, die Armen ärmer ..." bildnerisch umsetzen könne, waren zum Glück alle Sprachprobleme Vergangenheit. Und seine Zeit als flotter Zeichner bei der Tageszeitung half ihm auch in anderer Hinsicht: Nur zwei Tage blieben ihm, um ein detailreiches Acrylbild in seinem typischen ironischsurrealen Stil anzufertigen. Dem zuerst angefragten Illustrator war diese Zeit zu knapp gewesen - Olbinski aber lieferte termingerecht.

Seitdem hat der Maler 15 Titelbilder für den SPIEGEL angefertigt. Nun sind die Cover erstmals in einem Museum zu sehen: "Die Kunst des SPIEGEL" heißt die Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen, die mehr als 200 gedruckte wie auch unveröffentlichte Original-Illustrationen von 60 internationalen Künstlern vorstellt - Ölmalereien, Aquarelle, Federzeichnungen, Airbrush-Bilder und digitale Arbeiten. Zur Eröffnung reisen etliche der Illustratoren an, darunter sogar der vielfache Titel-Zeichner Braldt Bralds aus Santa Fe.

Nicht nur die Technik, auch die Zugangsweise variiert von Künstler zu Künstler erheblich: von der Karikatur, in der ein kleiner, dicker Deutscher sich im Keller versteckt ("Die Angst der Deutschen", Tilman Michalski 1982), bis zur freskenähnlichen Gottesdarstellung ("Gottes Urknall", 1998, von Ludvik Glazer-Naudé).

So machte sich der Karikaturist und Humorist Vicco von Bülow alias Loriot zur Bundestagswahl 1976 über den "Wahl-Krampf um ein Wort" - gemeint war das Wort "Freiheit" - lustig. Die Cartoonistin Marie Marcks nahm 1984 die Nachlässigkeit im Umgang mit der deutschen Sprache in einem Eltern-Kind-Dialog auf die Schippe (Sprechblasentext: "Hey, das's echt too much, motz' den Kurzen nich so an, der rafft das heut' nicht mehr!").

Auch Illustratoren aus Australien, Großbritannien, Frankreich, Russland oder der Schweiz lieferten Titelbilder für den SPIEGEL. Skribbles - Vorentwürfe für die Cover - werden ihnen, dank moderner Technologie, gefaxt oder gemailt.

Zum ersten Mal druckte der SPIEGEL 1956 eine Auftragsillustration auf dem Titel: ein Porträt des damaligen Bürgermeisters von Florenz, gezeichnet von dem in New York lebenden Künstler Boris Artzybasheff. Bis dahin hatte der SPIEGEL fast ausschließlich Fotografien auf seiner Titelseite gezeigt.

Die Cover-Illustration hat jedoch eine lange Tradition: Das "Theatrum Europaeum", im Jahr 1635 gegründet, gilt als erste Zeitschrift, die ihre Front und ihre Texte systematisch mit Illustrationen anreicherte. Doch mit Ende des 19. Jahrhunderts begann der Siegeszug der Fotografie: Der SPIEGEL gehört zu den letzten Magazinen, die Themen mit Zeichnungen illustrieren, um sie so auf den ersten, kurzen Blick am Kiosk verständlich zu machen.

Sind Illustrationen also nur Gebrauchsgrafiken, die letztlich dem Verkauf einer Zeitschrift dienen, oder sind sie doch Kunst? Das hänge, sagt Olbinski, von Auftraggeber und Ausführendem ab. Auch Leonardo da Vinci habe seine Gemälde schließlich als Auftragsarbeiten angefertigt. Aus seiner Sicht komme es nur darauf an, so Olbinski, wie viel Können, Herz und Kreativität in dem Bild stecke.

In seinem Fall ist die Sache jedenfalls entschieden: Seine Bilder werden längst in Kunstgalerien gehandelt - auch jene, die er als Auftragsarbeit für den SPIEGEL gemalt hat. So wurde beispielsweise das Cover "New Berlin", in dem die Stadt als Fesselballon den Rest der Welt in den Himmel steigen lässt, an einen deutschen Topmanager verkauft. Er lebt, na, wo wohl, in Berlin.

Ausstellung: Deichtorhallen, Hamburg, 5.11.2004-20.1.2005, Tel. 040/32 10 30. Weitere Stationen: Berlin, Frankfurt/M., Düsseldorf, München, Wien, Stuttgart, Basel, New York, www.kunst.spiegel.de. Katalog: Die Kunst des SPIEGEL. teNeues Publishing Group, Düsseldorf; über 200 Abbildungen; 264 Seiten; 29,90 Euro.







NDR Regional/ "Ausstellungen"

Die Kunst des "Spiegel"

Beim "Spiegel" hat die Illustration auf dem Cover seit Jahrzehnten einen festen Platz, trotz oder auch wegen des heutigen Übermaßes an digitalen und analogen Photographien. So sind die Titelbilder des "Spiegel" im Vergleich mit anderen Magazinen von großer Individualität und in der Regel über Jahrzehnte hinweg einprägsam. Die in den Deichtorhallen präsentierten Illustrationen begeistern den Besucher durch ihre Aussagekraft, ihre Professionalität und durch die tiefgründigen Details. Infotafeln erläutern den jeweiligen zeitgeschichtlichen Zusammenhang, so daß Vergangenes wieder greifbar wird.
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Die Illustratoren
Die "Spiegel"-Titelbildredaktion arbeitet mit den führenden Illustratoren der Welt zusammen wie Braldt Bralds, Boris Artzybasheff, Dieter Wiesmüller und Michael Matthias Prechtl. Abhängig von Aufgabenstellung und persönlicher Vorliebe arbeiten die Künstler mit unterschiedlichen Vorlagemedien wie Zeichnungen, Gemälden und digitalen Illustrationen. In einem Video wird die Entstehung eines Titelbildes von der Ideenfindung bis zur Fertigstellung beispielhaft gezeigt.
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DER SPIEGEL, Ausgabe 46, Seite 244, vom 08.11.2004

Rückspiegel

Das "Hamburger Abendblatt" zur Ausstellung von SPIEGEL-Titelillustrationen in den Hamburger Deichtorhallen (bis 20. Januar 2005):

Es muss ein Wahnsinnsgefühl gewesen sein für George W. Bush. Endlich hat ihn mal einer verstanden. Der US-Präsident sieht sich selbst gern als Held im Kampf gegen die bösen Mächte dieser Welt. Dass ausgerechnet das deutsche Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL Bush im Jahr 2002 in Rambo-Manier auf dem Titel inszenierte, hätte ihn skeptisch machen können. Die Ähnlichkeiten hat Jean-Pierre Kunkel in seiner lllustration gut herausgearbeitet. Darauf legt man in der Redaktion des SPIEGEL größten Wert. "Die Metapher muss klar und verständlich transportiert werden", erklärt Stefan Kiefer, Leiter der Titelbildredaktion. Der feine Unterschied zwischen Spott und Schmeichelei liegt im Auge des Betrachters. Hauptsache, der Titel prägt sich ins kollektive Gedächtnis ein. In den Deichtorhallen sind ab heute mehr als 200 Original-lllustrationen aus fünf Jahrzehnten in der Ausstellung "Die Kunst des SPIEGEL" zu sehen. Eindeutig und mehrsinnig soll es sein, das perfekte Titelbild. Keine leichte Aufgabe. Daran sind schon große Namen gescheitert. Kiefer: "Von Joseph Beuys haben wir mal einen Entwurf abgelehnt." Von der "schlimmsten Nacht seines Lebens" spricht der Hamburger lllustrator Niels Fliegner, wenn er sich an die Entstehung des Titels "Der neue Osten" erinnert. "Es lagen keine zwölf Stunden zwischen Auftragsanruf und Deadline." Nur, warum sollte man sich diesen Stress antun? "Die Ideen der SPIEGEL-Redaktion sind einfach gut", sagt Braldt Bralds. Der New Yorker hat schon so manchen Titel für das Magazin gestaltet.







Die WELT, Ausgabe 260, Seite 40, vom 05.11.2004

Die Deichtorhallen würdigen 50 Jahre Titelbild-Illustration des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" - 200 Originalvorlagen von 60 Künstlern

Mit flatternden Schlipsen beim Wettritt um das Weiße Haus: Noch lacht Herausforderer Kerry, der seinen Gegenspieler Bush knapp zu schlagen scheint. Das heiter-ironische Bild war für den aktuellen "Spiegel"-Titel geplant, wurde dann aber in weiser Voraussicht kurzfristig ausgetauscht. Manchmal überholen die Ereignisse eben deren Interpretation. In den Deichtorhallen Hamburg sind jetzt mit "Die Kunst des SPIEGEL - Titel-Illustrationen aus fünf Jahrzehnten" erstmals rund 200 Originalvorlagen von 60 international agierenden Illustratoren zu sehen: Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, digitale Illustrationen, sogar Objekte, wie etwa das Brandenburger Tor aus Styropor und Gips, das neben einem gigantischen Albert-Einstein-Pappkameraden die Besucher begrüßt. An der interessanten Ausstellung sind die Themen der Zeitgeschichte ablesbar, die unser politisches und kulturelles Geschehen im Verlauf eines halben Jahrhunderts bestimmt haben. "Es ist eine Zeitreise", bestätigt Deichtorhallen-Direktor Robert Fleck. Zusammen mit Stefan Kiefer, Ressortleiter Titelbild beim "Spiegel", hat er die Schau kuratiert, die nach der Hamburger Premiere in weiteren namhaften Häusern gastiert, darunter die Pinakothek der Moderne in München. Anders als die Dokumentarfotografie ist die Illustration in der Lage, multidimensionale Inhalte sinnbildlich zu transportieren. Nur so lassen sich komplexe Phänomene wie etwa "Die Angst der Deutschen" oder "Die Weltformel" überhaupt visualisieren. Deshalb hält "Der Spiegel" bis heute an der kaum noch gängigen Praxis fest, Illustratoren mit der Gestaltung der Titel zu beauftragen. "Wir sind die letzten Mohikaner", so Kiefer, Nachfolger des legendären Eberhard Wachsmuth, der ab 1954 fast 30 Jahre als Bildredakteur des Magazins tätig war. Die eher inhaltliche Präsentation macht auch gewandelte Vorstellungen sichtbar. So wird beispielsweise Sigmund Freud 1959 ganz anders gezeichnet als 1998, wo der Begründer der Seelenschau von einem weiblichen Modigliani-Akt förmlich zerquetscht wird. Überhaupt gibt es hier vielfältige Rückgriffe auf die Kunstgeschichte - von der Ikonenmalerei bis hin zu René Magritte und Roy Lichtenstein. Ein Höhepunkt ist das riesige bonbonbunte Ölbild "Happy Day" des russischen Künstler-Duos Dubosarskij & Vinogradov (Teilnehmer der Venedig-Biennale 2003). Die Allegorie des wiedervereinten Deutschland, Vorlage für den "Spiegel"-Titel 11/1998, hat das Bonner Haus der Geschichte angekauft.

Belinda Grace Gardner

Bis 20.1.2005, Deichtorhallen, Deichtorstr. 1-2, Di-So 11-18 Uhr.







Szene Hamburg, November 2004

Die Deichtorhallen werden 15 Jahre alt. Sabine Danek sprach mit Direktor Dr. Robert Fleck über augenzwinkernde Rückblicke - und ernste Zukunftsaussichten

SZENE HAMBURG: Die große Jubiläums-Ausstellung ist allerdings die der Spiegel-Titelbilder. Eine Schau, die man eher im Museum für Kunst und Gewerbe erwartet. Wie passt sie in das Konzept der Deichtorhallen?

FLECK: Natürlich ist die Titelbild-Ausstellung keine, die mit einem feierlichen Kunstdiskurs daherkommt, aber wir haben auch eine Schwellenfunktion und möchten nicht nur Spezialisten anziehen. Und die Spiegel-Titelbilder haben sehr wohl ihren Platz in der Kunst. Sie führen sämtliche Techniken eines gemalten oder gezeichneten Bildes vor, waren 1972 auf der documenta zu sehen und auch in der Hanne-Darboven-Retrospektive 1999. Außerdem verpflichtet der Spiegel seit den Sechzigern immer wieder bekannte Maler, die für den Titel ein Original schaffen, das dann verkleinert wird - und in einer Auflage von mindestens einer Million erscheint. Ursprünglich war die Ausstellung natürlich parallel zur Dokoupil-Retrospektive geplant und das wäre ein Super-Gag gewesen. Aber auch für sich alleine sagt die Ausstellung sehr viel über die Probleme des Bildermachens aus und zeigt, wie man in der heutigen visuellen Flut mit handgemachten Bildern die fast größte Eindrücklichkeit schafft.

"Die Kunst des Spiegel": Eröffnung am 4.11., 18.30 Uhr; "Wer bietet mehr? - Fünfzehn Jahre Deichtorhallen": Benefiz-Auktion mit Sotheby's, 8.11., 19 Uhr Preview der gestifteten Werke ab 28.10.







AD (Architectural Digest), Oktober 2004, "Best of Germany"

Die "SPIEGEL"-Cover

Sie sind provokant, amüsant, manchmal voll daneben und nächste Woche schon Vergangenheit. Die Titelillustrationen des "Spiegel" würdigt nun ein Band zu einer Ausstellung, die in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen ist. Originalzeichnungen sowie unveröffentlichte Entwürfe der letzten fünfzig Jahre führen darin von den Aufbaujahren (...) bis zu aktuellen Befindlichkeiten (...).

"Die Kunst des Spiegel", teNeues, um 30 Euro









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