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22.10.2004
 

Letzte "Anke Late Night"

Frau mit verlorenem Posten

Von Wiebke Brauer

Unbesehen, unbelacht, abgesetzt. Gestern lief die letzte "Anke Late Night". Anke Engelke hatte die Chance, die Männerdomäne Fernsehunterhaltung zu erobern. Scheiterte sie nur am Showkonzept, das nicht zu ihr passte?

Gescheiterte Engelke: "Alles muss raus"
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Gescheiterte Engelke: "Alles muss raus"

Das war's, Frau Schmidt. Die Fußstapfen waren zu groß, die Kritiken vernichtend, die Quoten unterirdisch. Als "Anke Late Night" am 17. Mai startete, sahen 3,5 Millionen Menschen zu, zuletzt, bevor das Aus der Show verkündet wurde, waren es kaum mehr als eine halbe Million. Kein Wunder: Die Witze waren sinnentleert, die Gespräche hirnbefreit, und alle sehnten sich nach Harald Schmidt und seiner intellektuellen Spaßkanonade.

Hysterisches Dreierlei

Auch das letzte Aufbäumen am gestrigen Abend brachte keine humorige Erleuchtung. Zwar erhielt Engelke stehende Ovationen vom Publikum, empfing Gäste wie Barbara Schöneberger und Alice Schwarzer und bekam unerwarteten Besuch von Oliver Pocher, Stefan Raab, Otto Waalkes und Hella von Sinnen (rührend: "Du bist die Beste, Du bist die Beste!") - allein, es half nicht. Die Eingangswitze blieben dem bekannten Niveau treu. So versteigerte Anke ihr Studiomobiliar mit den Worten: "Alles muss raus. Schön, dass mein Frauenarzt das noch nicht zu mir gesagt hat." Auch Fäkalwitze rund um die jüngst entdeckte Toilette von Martin Luther fehlten nicht. Die Kakophonie des deutschen Humors ist komplett.

Die Talkrunde mit Schöneberger und Schwarzer bereitete ebenfalls keine Freude. Was durchaus verheißungsvoll als "Arbeitskreis Frauen im Fernsehen" mit den Themen "Frauen und Politik", "Frauen und Humor" sowie "Frauen zwischen Karriere und Familie" begann, ging in ein hysterisches Dreierlei über und endete damit, dass Schöneberger und Engelke Alice Schwarzer davon überzeugten, dass String-Tangas eine Daseinsberechtigung haben. Vielen Dank für diesen aufklärerischen Ansatz.

Moderatorin Schöneberger: Montags kurz vor Mitternacht
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Moderatorin Schöneberger: Montags kurz vor Mitternacht

Schade, war doch Anke Engelke einst die viel versprechende Comedy-Königin. Schließlich zeichnet sich die weibliche Riege im deutschen Fernsehen - von der schrägen Ausnahmeerscheinung Hella von Sinnen einmal abgesehen - vor allem durch blondgesträhnte Eintönigkeit aus, allen voran die RTL-Humor-Bombe Gaby Köster ("Ritas Welt") und Mariele Millowitsch als Schwester Nicola. Kumpelhaftigkeit scheint Grundvoraussetzung zu sein. Hier macht auch Anke Engelke keine Ausnahme, doch in einem unterscheidet sie sich von ihren Gag-Genossinnen. Anke ist sexy, Anke kann sich lustig verkleiden.

In der Sat.1-Comedy "Ladykracher" überzeugt sie bis heute in skurrilen Rollen, in den "Blind Date"-Folgen des ZDF brillierte sie zusammen mit Olli Dittrich. Das Konzept hieß Improvisation, es gab kein Drehbuch und keine Gagschreiber. 2003 erhielten die beiden für die Folge "Taxi nach Schweinau" den Grimme-Preis in Gold. Dittrichs ähnlich spontanhumorige WDR-Kultsendung "Dittsche - Das wirklich wahre Leben" gewann in diesem Jahr den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie "Beste Comedy". Anke Engelke scheiterte.

Allein im Volksmusikghetto

Dabei heimsen Frauen im Fernsehen sehr wohl Lob und Ehre ein, es kommt nur darauf an, wo. In der Männerdomäne Politik haben sich Frauen ihren Platz erkämpft. Männlich kostümiert und mit einem schützend-ironischen Zug um die schmalen Lippen ritt Sabine Christiansen einst vor, um den politischen Talk mit weiblichem Charme zu erobern. Kein einfacher Sieg war ihr vergönnt; böse Zungen werfen ihr immer noch mangelnde Führungskraft in der Diskussion vor. Doch der Erfolg gab ihr Recht, Anne Will und Maybrit Illner folgten. Jetzt nimmt man die Damen ernst, und Preise gewinnen sie auch.

Düster hingegen sieht es in der Königsdisziplin der Fernseh-Unterhaltung aus. Schlägt es in diesen Landen viertel nach acht, präsentieren meist Männer lustige Wetten, Fragen der Allgemeinbildung oder das vermeintlich Beste aus vergangenen Jahrzehnten und östlichen Regionen. Allein Carmen Nebel darf zur Hauptsendezeit auftreten - im Volksmusikghetto.

Gerade die Versuche, als Frontfrau in die öffentlich-rechtliche Domäne der großen Abend-Unterhaltung einzudringen, sind selten von Erfolg gekrönt - es sei denn, es handelt sich um ein zwischen Seriosität und Entertainment mäanderndes Zwitterwesen wie Sandra Maischberger, die dann auch mal die große Udo-Jürgens-Geburtstagsgala in der ARD moderieren durfte.

Nachwuchs-Talent Kuttner: Das muss man mögen
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Nachwuchs-Talent Kuttner: Das muss man mögen

Das "blonde Gift" Barbara Schöneberger scheiterte jedoch, als sie versuchte, sich beim ZDF mit der "Schöneberger Show" zu etablieren. Inzwischen sendet sie montags kurz vor Mitternacht bei ProSieben und durfte als Gast in Ankes letzte Sendung. Schöneberger: "Ich bin sehr beliebt, aber nicht so erfolgreich." Frauen mit verlorenem Posten, versammelt euch.

"Da schließt sich der Teufelskreis"

Doch halt, waren da nicht noch Hoffnungsträgerinnen in den Nischen der Musik-Sender? Aus der Ex-Viva-Moderatorin Heike Makatsch wurde eine Schauspielerin, Indie-Talkerin Charlotte Roche bleibt bei ihren Leisten und führt ihre Interviews auf Viva und ProSieben. Und dann ist da noch Sarah Kuttner, die seit August mit ihrer täglichen "Kuttner-Show" auf Viva zu sehen ist - und in den Medien bereits als Anke Engelkes Nachfolgerin gehandelt wird.

Die Parallelen sind unübersehbar: Kuttner hat eine Personality-Show mit Gästen, eine echte Band und - wie Harald Schmidt - einen so genannten Sidekick. Ihr Manuel Andrack heißt Sven Schuhmacher. Der Unterschied: Über Anke Engelke ist die Meinung einhellig - die Show war schlecht, die muss weg. Bei Sarah Kuttner scheiden sich die Geister. Während sie die einen für eine impertinente Wiedergängerin einer glücklicherweise vergangenen Girlie-Epoche halten, finden die anderen sie ungeschminkt, spontan und - ha! - witzig.

Die Kuttner steckt sich schon einmal die Fingerkamera in Mund und Nase, zieht auch andere Körper-Öffnungen als nächste Perspektive in Betracht und befragt Vertreter der Jusos und der Jungen Union zu Cannabis und Neofaschismus. Sie trägt keine von der Redaktion vorgefertigten Witze vor, sondern spricht unreflektiert plappernd das aus, was ihr gerade durch den Kopf geht. Das muss man mögen.

Doch da eine einzige Meinung nicht massenkompatibel sein kann, ist Sarah Kuttner vielleicht dort am Besten aufgehoben, wo sie sich befindet: in einer feinen Nische. Sie mit Anke Engelke zu vergleichen, hieße auch, Kuttner aus ihrem Refugium heraus in das sich unerbittlich drehende Fernsehkarussell zu katapultieren. Entsprechend sagte Engelke in ihrer letzten Sendung: "Ich bin so aufgeregt wie in meiner ersten Sendung. Da schließt sich der Kreis. Der Teufelskreis."

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