Von Claudia Voigt
Es ist ein warmer, sonniger Tag, draußen spazieren Leute durch die barocke Parkanlage der Herrenhäuser Gärten. Drinnen, im Halbdunkel des Theaters, steht eine Frau auf der Bühne. Sie trägt eine weite Hose, eine fließende Jacke und auf dem Kopf einen imposanten Stoffturban. Ein älterer Herr kommt durch eine der weit geöffneten Türen herein, blinzelt, sieht die bunt beleuchtete Bühne. "Was gibt es denn hier heute Schönes zu sehen?", fragt er in den Raum. "Oh", sagt die Frau und macht eine kleine Pause, "hier wird heute Abend eine Tango-Oper gegeben." Ihre Stimme ist dunkel, voller Höhen und Tiefen und klingt wie eine schöne, traurige Melodie. Der Mann zögert einen Moment, geht auf sie zu und sagt: "Darf ich Ihnen die Hand geben, ich habe Sie immer bewundert." Hanna Schygulla sagt noch mal "Oh" und gibt ihm die Hand.
Vergangenen Dezember wurde Hanna Schygulla 60 Jahre alt. Ihre legendäre Wespentaille ist verschwunden, sie hat lange keine große Filmrolle mehr gespielt, aber sie ist noch immer berühmt. Viele Jahre hat sie ihre kranke Mutter gepflegt und kaum gearbeitet, dann begann sie in selbst entworfenen Liederabenden aufzutreten. Aber Hanna Schygulla ist noch immer "die Schygulla". Wie kommt das?
"Manchmal", erzählt sie "sagen Leute zu mir: Also am besten haben Sie mir als Lola gefallen." Sie sitzt in der Lobby eines Hotels in Hannover und ist völlig ungeschminkt. Das mädchenhafte Gesicht mit den vollen Wangen ist älter geworden, sicher, aber da ist nach wie vor etwas Königliches an ihr. Schygulla war Fassbinders Effi Briest, sie war Maria Braun, sie war der Star in "Lili Marleen", aber sie war nicht Lola, das war Barbara Sukowa. "Die war ja sogar in manchen Dingen die bessere Schauspielerin als ich", sagt Schygulla. Trotzdem bleibt ihr Gesicht für immer das der Filme von Rainer Werner Fassbinder.
Es ist viel darüber spekuliert worden, was die Zusammenarbeit der beiden ausmachte, von Unterwerfung und Aufbegehren ist die Rede, von Abhängigkeit und Selbstbehauptung. Schygulla und Fassbinder trafen sich 1966 in einer privaten Schauspielschule in München. "Der ist etwas Besonderes", habe sie bei der ersten Begegnung gedacht, aber auch: "Der hat etwas Gefährliches."
Sie gründeten das Antitheater, drehten die ersten Filme, arbeiteten und probierten, und immer hatte Fassbinder schon ein nächstes, ein übernächstes Projekt im Kopf, irgendwann kam "Effi Briest". Als Fassbinder noch während der Dreharbeiten sagte: "Und danach machen wir ...", erwiderte Schygulla: "Ich mache da nicht mehr mit." Bei ihrem Nein ist sie vier Jahre lang geblieben, obwohl "Effi Briest" für beide der erste große Erfolg wurde. Vier Jahre hatten sie keinen Kontakt, dann rief er an, fragte, ob sie Maria Braun spielen wolle. Vorher hatte er Romy Schneider gefragt. Schygulla sagte Ja.
Es ist eine Wachsamkeit in ihr, wenn sie über Fassbinder spricht. "Für ihn war es ein Liebesbeweis, wenn Menschen um seinetwillen gelitten haben", sagt sie. "Aber er konnte Menschen auch beflügeln. Ich wollte nur beflügelt werden, ich wollte nicht leiden. Und ich wollte auf Dauer auch nicht mehr dabei zuschauen."
Auf der Leinwand aber war sie sein Geschöpf. Es war, als ob Fassbinders Kamera in ihr die ideale Gespielin und Gegnerin fand. Sie hielt den längsten Einstellungen stand mit ihrem spröden Stolz und ihrem Geheimnis. Man mochte ihr ewig zuschauen, wie sie als Effi schaukelte, wie sie als Maria die Männer anguckte oder in "Lili Marleen" einfach schwieg. Sie hat auch mit vielen anderen Regisseuren gearbeitet, mit Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorff, mit Wajda und Godard, aber in Erinnerung geblieben ist sie vor allem als Fassbinder-Schauspielerin. So gut wie in seinen Filmen war sie nie wieder. Es war, als ob er etwas in ihr erkannt hatte und auch sichtbar machte, das andere Regisseure so nicht finden oder einfangen konnten.
Die Tango-Oper, in der sie an diesem warmen Sommerabend auftritt, hat ein argentinischer Regisseur inszeniert. Sie ist auch in Mittel- und Südamerika noch immer populär - wegen Fassbinder. Er ist ihr Segen, und er ist ihr Fluch. Neulich war sie in Moskau, um einen Filmpreis entgegenzunehmen, nachher kam ein Mann zu ihr, erzählte, dass er früher Stunden auf der Toilette des Moskauer Dom-Kinos verbracht habe, um sie in der nächsten Vorstellung als Maria Braun zu sehen, und dass er es gar nicht fassen könne, nun tatsächlich vor ihr zu stehen.
Manchmal kann sie es auch nicht fassen: Hannover, Buenos Aires, Moskau, ihre Fans warten immer schon auf jene Hanna Schygulla, die sie schon lange nicht mehr ist. Ein mehr als 20 Jahre langer Schatten.
Als sie die Bühne betritt, flüstern manche im Publikum: Das ist sie. Schygulla spielt eine Radiomoderatorin, die das Geschehen auf der Bühne kommentiert und übersetzt. Sie gurrt und lockt und singt mit dieser unverwechselbaren Hanna-Schygulla-Stimme. Doch offensichtlich interessierte sich der argentinische Regisseur nicht für sie als Schauspielerin, sondern hat sie als Darstellerin ihrer selbst engagiert. Und so gibt sie an diesem Abend nur jene Rolle, die ihr Schicksal zu sein scheint, die Fassbinder-Muse.
Als Fassbinder im Juni 1982 starb, war sie 38 Jahre alt. Sie lebte damals schon in Paris und drehte gerade einen Film mit Carlos Saura, in dem sie eine Schriftstellerin spielte, die sich mit Selbstmorden von berühmten Frauen befasst. Jemand vom Filmteam hatte es im Radio gehört und unterbrach die Arbeit mit den Worten: Fassbinder ist tot. "Seltsam, dass ich in dem Moment gerade mit dem Thema Tod und Ruhm beschäftigt war", sagt sie heute. Alle waren nach dieser Nachricht sehr lange sehr still, zumindest in ihrer Erinnerung.
Mit Fassbinders Tod hatte sie nicht gerechnet. Gemeinsam planten sie ein neues Projekt, er wollte das Leben von Rosa Luxemburg verfilmen, sie bereitete sich bereits auf die Rolle vor.
In den Jahren nach seinem Tod folgte noch einmal eine Welle von Erfolgen: Sie drehte mit Ettore Scola und Marco Ferreri, 1983 erhielt sie den Preis als Beste Darstellerin in Cannes, und das "Time"-Magazin kürte sie zwei Jahre später zu "Europe's Most Exciting Actress" mit einem Foto von ihr auf dem Titel. Trotzdem sei sie immer ein Anti-Star gewesen, erzählt sie. Mit der Limousine zum Filmfest und mit dem Fahrrad zum Einkaufen, dieses Parallelleben habe sie sich damals nicht nehmen lassen.
Die Gefahr, als Star zu einem "Rumpfwesen" zu degenerieren, sei ihr immer bewusst gewesen. Sie hat es bei Marlene Dietrich gesehen und bei Romy Schneider, wie der Ruhm diese Schauspielerinnen an einem Punkt ihrer Biografie festnagelte und es ihnen unmöglich machte, mit ihrem Leben mitzugehen. Das sollte ihr nicht passieren, das ist ihr nicht passiert.
Wenn man sie heute in ihrer Wohnung in Paris besucht, dann gibt es dort kein einziges Foto von ihr als Filmstar. Überhaupt erinnern nur drei Aufnahmen an ihre große Zeit, und die sind alle gut versteckt in der fast 200 Quadratmeter großen, schattigen Wohnung. Ein Porträt hängt auf der Gästetoilette, es zeigt sie verschwommen und irgendwie verletzlich und ist eine Aufnahme des blinden Fotografen Evgen Bavcar. Auf einem anderen sitzt sie auf dem Gipfel einer Pyramide, die Haare sind vom Wind zerzaust. Wenige Minuten nachdem diese Aufnahme gemacht wurde, wäre sie beim Abstieg fast in den Tod gestürzt. Das Foto hängt direkt neben ihrem Bett. Und dann ist da noch ein Schnappschuss vom jungen Fassbinder. "Da war er noch ganz jung", erzählt sie, "damals ist er nach jeder Einstellung, die ihm gelungen ist, wie ein Kind vor Freude in die Luft gehüpft."
Ihre Wohnung liegt hinter dicken Mauern mitten im Marais-Viertel, sie ist mit schweren, alten Möbel eingerichtet, viele Spiegel, viele Grünpflanzen und jede Menge Erinnerungskrimskrams, eine alte Schaufensterpuppe, Straußenfedern, eine asiatische Statue. Draußen ist ein sonniger Spätsommertag, Hanna Schygulla trägt auch an diesem Tag einen Turban, sie serviert Orangensaft mit einem Schuss Campari.
"Um Sie ist es ja so still geworden", sagen ihr die Leute manchmal. Sie antwortet dann immer: "Ja, es ist still um mich geworden." Aber das sei kein Verlust ihrer Identität. In den vergangenen 20 Jahren ist viel geschehen in ihrem Leben, es war nur nicht mehr so glamourös.
Nachdem die Erfolgswelle sie Mitte der achtziger Jahre noch einmal ganz nach oben spülte, wurden die Rollenangebote erst weniger interessant und dann überhaupt weniger. Zu dieser Zeit erkrankte ihre Mutter, sie entschied sich, die Schwerkranke über viele Jahre zu pflegen. Als die Mutter starb, war Schygulla 50. "Das Älterwerden ist für eine Frau schon schwer", sagt sie, "ich habe selbst Probleme damit. Aber was soll man tun? Sich operieren lassen? Das ist doch auch armselig." Früher sei sie nie ohne Make-up und Absätze aus dem Haus gegangen, im Alter zeigt sie nun ihr ungeschminktes Gesicht. "Man kann eigentlich nur eine gewisse Zärtlichkeit sich selbst gegenüber entwickeln."
Früher hat sie sich auch nie um Rollen bemüht, aber irgendwann wollte sie nicht mehr warten. Mit dem Musiker Jean-Marie Sénia inszenierte sie 1996 ihren ersten eigenen Liederabend, zehn sind es in den vergangenen Jahren geworden. Sie ist bejubelt und verrissen worden für diese Abende, gerade arbeitet sie an dem letzten Programm. Nun soll noch mal etwas Neues kommen, "ich spüre, dass mich eine Welle erfasst", sagt Schygulla.
Demnächst dreht sie mit Fatih Akin. Er erinnert sie an den jungen Fassbinder. Wie er den Arm um seine Hauptdarstellerin legte, nachdem er den Goldenen Bären gewonnen hatte für seinen Film "Gegen die Wand", derselbe Blick, derselbe Stolz, dieselbe ungestüme Kraft. Und wie Fassbinder sei Akin ständig am "Machen und Machen und Machen".
Sie schlägt vor, die Wohnung zu verlassen, in die Sonne hinauszugehen zum nahen Place des Vosges.
Hier sitzt sie oft an einer der beiden Sandkisten und schaut den Kindern beim Spielen zu. Gern hätte sie ein Kind gehabt, "ein Kind aufwachsen sehen", es hätte gar nicht ihr eigenes sein müssen. Aber als sie eines adoptieren wollte, erkrankte ihre Mutter, so ist es dazu nie gekommen. Sie hat Patenkinder, deren Fotos und Briefe in ihrer Küche hängen, und sie beobachtet fremde Kinder im Park und freut sich an ihnen. Neulich kam ein Mädchen zu ihr und fragte: "Sind Sie die Königin von diesem Park?" "Nein", hat sie gesagt und sich nachher darüber geärgert. Wie viel schöner wäre es gewesen, das Kind in seinem Glauben zu lassen.
Es wird Abend, die Sonne ist hinter den Häusern am Place des Vosges verschwunden, die Kinder gehen mit ihren Eltern oder Nannys nach Hause. Schygulla zieht ihre Jacke über. Da habe sich viel angesammelt in ihr in den vergangenen Jahren, das alles würde sie gern noch einmal auf der Leinwand zeigen. Effi, Maria, "Lili" seien damals gewesen. "Sicher, das waren drei große Rollen." Aber ihre Lebensrolle, die habe sie bisher noch nicht gespielt.
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