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03.11.2004
 

Wahlnacht im TV

Katerstimmung nach dem Dauertalk

In der vergangenen Nacht wurde Deutschland zeitweise zum 51. Bundesstaat der USA: Fast alle wichtigen TV-Moderatoren und Reporter hielten sich in Washington auf. Die Wahlnacht im deutschen Fernsehen war indes ein zwiespältiges Vergnügen - eine Mischung aus "Warten aufs Christkind" und "Warten auf Godot".

Erschöpfter Wahlkämpfer in Washington D.C.: Voll fette Katerstimmung am Morgen danach
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AFP

Erschöpfter Wahlkämpfer in Washington D.C.: Voll fette Katerstimmung am Morgen danach

Am Morgen danach herrscht voll fette Katerstimmung. Auch der Deutschland-Besuch der Queen in Begleitung von "Prinz Blauauge" ("B.Z.") kann sie nicht wirklich vertreiben, nicht einmal die Aussicht auf ein TV-Comeback von Harald Schmidt und Desireé Nick als Dschungelkönigin.

"Ich kenne niemanden, der Bush gewählt hat", sagte die deutsch-amerikanische Entertainerin Gayle Tufts im Berliner "Radio 1" einigermaßen übernächtigt. "Ich kenne auch niemanden, der jemanden kennt, der Bush gewählt hat. Wer sind bloß diese Leute?"

Es müssen verdammt viele sein, so viel steht fest. Dabei hatte der deutsche Fernsehabend zur US-Präsidentschaftswahl so viel versprechend begonnen, eine Mischung aus "Warten aufs Christkind" und "Warten auf Godot".

SPIEGEL-ONLINE-Autor Henryk M. Broder offenbarte in der live aus Washington gesendeten Talkshow "Maischberger", binnen weniger Wochen seines jüngsten Amerika-Aufenthalts vom Bush-Fan zum Kerry-Fan konvertiert zu sein.

Diese unverhoffte Saulus/Paulus-Geschichte machte Mut, zumal sich auch Weltenbummler Hardy Krüger und Ehefrau Anita als klare Kerry-Wähler bekannten. "Die letzten vier Jahre unter Bush waren die schlimmste Zeit, die ich in Amerika erlebt habe", sagte der in Kalifornien lebende Filmschauspieler ("Hatari"). "Und wie Bush lügt. Das ist ja nicht zu glauben!" Als wir dann noch hörten, dass Rita Süßmuth zu den Tausenden von Wahlbeobachtern gehörte, schien alles klar: Nun kann nichts mehr schief gehen.

Moderatorin Maischberger: Talk mit wechselnder Besetzung
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DPA

Moderatorin Maischberger: Talk mit wechselnder Besetzung

Überhaupt gehörte es zum Bild dieser historischen Wahlnacht, dass sich fast alle wichtigen deutschen Fernsehmoderatoren und Reporter in Amerika aufhielten, wenn sie nicht gerade im australischen Dschungel nach komödiantischer Nahrung suchten oder auf kreativer Weltreise waren. Es schien fast so, als wäre Deutschland der 51. Bundesstaat der Vereinigten Staaten von Amerika. Man musste einfach "vor Ort" sein und nach dem Rechten sehen. Nur Johannes B. Kerner blieb in Hamburg und sprach mit Friedrich Merz.

Kreuz und quer wurde zwischen New York, Washington und Boston, zwischen den "Swing-States" Florida und Ohio hin und her geschaltet, während Tom Buhrow in der ARD und Claus Kleber im ZDF versuchten, als Generalisten der Amerika-Kunde die Studio-Übersicht zu behalten.

Das gelang ihnen auch recht gut, denn beide strahlen jene im Zweifel positiv grundierte Gelassenheit des intelligenten Weltverstehens aus, die in Deutschland nicht selten als vermeintlich oberflächliche Freundlichkeit missverstanden wird. Der Kompetenzvorsprung der öffentlich-rechtlichen Sender in Sachen Information war jedenfalls unübersehbar, auch wenn RTL als führender Privatsender (mit Peter Kloeppel und Christof Lang in den Hauptrollen) immerhin versuchte, ein wenig mitzuhalten.

ZDF-Korrespondent Kleber: Gelassenheit des intelligenten Weltverstehens
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DPA

ZDF-Korrespondent Kleber: Gelassenheit des intelligenten Weltverstehens

Während sich bei "Maischberger" im Laufe der langen Stunden immer wieder die Besetzung änderte - selbst die Initiatoren der obskuren Erotik-Aktion "Babes Against Bush" kamen zu Wort -, blieb im ZDF Thomas Gottschalk auf Posten, um von Los Angeles aus zu erklären, wie total anders der Amerikaner tickt und welch große Sache es sei, dass ein Filmschauspieler wie Arnold Schwarzenegger Gouverneur von Kalifornien werden konnte.

Und tatsächlich, in Deutschland laufen die Dinge völlig anders. Hier wird ein grotesk übergewichtiger ehemaliger Manager des Bundesligavereins Bayer Leverkusen namens Reiner Calmund zum "Big Boss" bei RTL. Dort kann er schmächtige 23-jährige Möchtegern-Managerbuben und angehende Business-Mädels nach Art einer Trainerbesprechung in der Umkleidekabine nach Lust und Laune zusammenstauchen. Der nächste Karrieresprung wäre dann womöglich die Hauptrolle in der Erfolgsserie "Mein großer dicker peinlicher Verlobter".

Vielleicht hat "Arte" es doch wieder mal am besten gemacht. Mitten in der weltweiten politischen Erregung, mitten in all den Ängsten, Hoffnungen und Unwägbarkeiten des Wahlausgangs lieferte der europäische Kulturkanal einfach klassisches Minderheitenprogramm für eine Avantgarde, der es am Ende ziemlich egal ist, ob George W. Bush oder John F. Kerry zum Präsidenten der USA gewählt wird: "Durch die Nacht mit... Christoph Schlingensief und Christian Thielemann".

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