Herr Domian, Sie haben in Ihrer Sendung in den letzten Jahren circa 14.000 Telefoninterviews geführt. Wie schwer ist es, mit Menschen zu reden, die einem auf Anhieb unsympathisch sind? Das dürfen Sie sich in der Sendung ja nicht anmerken lassen.
Domian: Nun, manchmal mache ich das schon, je nach Thema. Bei einem sehr schwerwiegenden Thema ist es eine Sache der Professionalität, dass man sich das nicht anmerken lässt. Wenn es aber um ein Entertainment-Thema geht, glaube ich, dass die Zuschauer immer merken: Der Domian kann nicht auf den. Manchmal ist es dann so verfahren, dass man nur noch aneinander vorbeiredet. Dann breche ich das Gespräch ab. Ich denke, die Zuschauer verstehen das, eben weil sie solche Situationen kennen.
Frage: ... und Ihnen als Moderator diese Authentizität auch abnehmen.
Domian: Ich glaube, das Erfolgsrezept der Sendung hat gar nicht direkt mit meiner Person zu tun. Die Idee dahinter ist, dass man eine solche Sendung nur mit einem Moderator besetzen kann, der eben kein klassischer Moderator ist, sondern jemand, der so authentisch wie möglich ist. Mit all den Ecken und Kanten, die man eben so hat. Der damalige WDR-Hörfunkchef Fritz Pleitgen, der die Sendung auf die Schiene gesetzt hat, sagte damals zu mir: "Vergessen Sie alles, was Sie als Journalist und Moderator gelernt haben: Distanz, das Sich-Zurücknehmen, das Einordnen. Seien sie, soweit es möglich ist, Sie selbst und halten Sie sich an die Gesetze." Das rechne ich ihm immer noch hoch an - eine solche Einstellung ist geradezu sensationell für einen öffentlich-rechtlichen Hierarchen.
Frage: Man hört in der Sendung logischerweise nur die Anrufer, die durchgestellt werden. Was für Menschen lassen Sie nicht öffentlich zu Wort kommen?
Domian: Zum einen natürlich die Spaßvögel und Faker. Dann gibt es Leute, die nicht stabil genug sind für die Sendung, die dann direkt von unseren Psychologen versorgt werden. Die versucht die Redaktion schon in den Vorgesprächen auszusieben. Und dann gibt es Leute, die mit Larifari ankommen, oder einfach Langweiler, wo wir sagen: Dafür müssen wir keine Sendezeit und keinen Psychologen beanspruchen, der blockiert womöglich nur die Leitung für jemanden, der wirklich ein Anliegen hat oder einen Leidensdruck oder irgend etwas Tolles zu erzählen hat. Das Spektrum dessen, was Menschen äußern wollen, ist riesengroß. Vom letzten Schrott bis zum erschütterndsten Bericht, bei dem man sich denkt: Wie kann man so etwas nur aushalten? Oder komplett bizarre sexuelle Dinge. Ich denke ja manchmal, ich kenne alles, aber dann kommt doch immer wieder was Neues.
Frage: Zum Beispiel?
Domian: Es ist noch gar nicht so lange her, da rief ein junger Mann an. Anfang 20, Friseurlehrling. Der sammelt die aufgekehrten Haare der Kunden, ohne dass sein Chef es merkt, in einem Plastiktütchen und schmuggelt sie nach Hause. Wenn er dann eine bestimmte Menge zusammen hat, lässt er sich ein Bad ein, kippt alle Haare aus den Tütchen in die Badewanne, setzt sich hinein und onaniert, weil ihn das absolut geil macht.
Frage: Ziemlich abartig, könnte man meinen.
Domian: Ich finde es nicht abartig, nur skurril. Wenn er Spaß daran hat, soll er es machen. Wenn es um derart bizarre Dinge geht, klopfen meine Mitarbeiter das allerdings bis zum Gehtnichtmehr ab, um die Fake-Gefahr zu reduzieren.
Frage: Wie bei dem Mann, der ein Verhältnis mit seiner Heimorgel hatte.
Domian: Genau. Wir haben das genau gecheckt: Das läuft unter Objektsexualität und ist eine seriös anerkannte Kleinstfacette menschlicher Sexualität. Es handelte sich um einen Transsexuellen, der sagte, dass er in der Pubertät keine Identität fand und das dann auf Gegenstände fokussierte - so wie wir früher einen Teddy oder eine Puppe hatten. Aber er blieb dann eben darauf hängen. Ganz, ganz schräg.
Frage: Ist dieses Überraschungsmoment, dass es immer wieder neue, unglaubliche Sachen gibt, der Motor, der Sie seit knapp zehn Jahren antreibt?
Domian: Nein, eigentlich nicht. Ich empfinde das als schöne, sehr gesund gebliebene Neugierde auf Leute. Ich bin nicht geil auf Bizarres, Abseitiges. Es gibt manchmal Situationen in der Sendung, wo es sehr menschelt, wo es gar nicht um spektakuläre Dinge geht. Da denke ich dann: toll, klasse. Letztendlich ist mein Hauptantrieb, dass wir mit dieser kleinen Mini-Sendung in der Nacht so viele Leben verändert, manchmal sogar gerettet haben. Und das ist so ein schönes Erfolgserlebnis, durch das ich die Sendung gar nicht mehr nur als reine Show sehen kann. Sie ist für mich kein mediales Produkt, sondern eher eine Dienstleistung für die Gesellschaft. Das ist viel befriedigender als die erste Freude über eine tolle Einschaltquote: Briefe von Leuten, die sich bedanken, dass sie dank uns den richtigen Arzt gefunden haben, oder sich aufgrund eines Gesprächs nicht umgebracht haben.
Frage: Ziel der Sendung ist es in erster Linie, anderen zu helfen. Inwieweit hilft sie Ihnen?
Domian: Mein Menschenbild ist differenzierter. Ich habe durch die Sendung so viel über Menschen und Biografien erfahren, was sonst nie möglich gewesen wäre. Ich hoffe, dass die Sendung dazu beiträgt, dass ich demütiger werde. Das sollte die Konfrontation mit bisweilen so viel Leid und unfassbar schlimmen Schicksalen zur Folge haben.
Frage: Inwieweit geht es Ihren Anrufern um Selbstvergewisserung? Wer Ihre Sendung oft sieht, kennt Ihre Einstellung und kann Ihre Reaktionen und Ratschläge wahrscheinlich schon ziemlich gut vorhersehen.
Domian: Das ist ein ganz großer Punkt. Eine Magisterarbeit über die Sendung beschäftigte sich genau mit der Frage: Warum rufen die Leute ausgerechnet bei Domian an und nicht bei den gängigen Sorgentelefonen? Die zentrale Aussage war: Weil die Anrufer den Menschen aufgrund der alltäglichen Präsenz kennen, einschätzen und Vertrauen haben. Sie wissen, dass der in der Regel ordentlich mit den Leuten umgeht und sie nicht fertig macht. Und das kann ich gut nachvollziehen.
Frage: Würden Sie bei einer Sendung wie "Domian" anrufen?
Domian: Bei Allerlei-Themen schon, aber nicht bei problematischen oder privaten Angelegenheiten. Da habe ich meinen Freundeskreis, der traurigerweise den meisten meiner Anrufer fehlt.
Frage: Medien und auch Ihre Sendung bilden immer auch die Gesellschaft ab. Inwieweit gehen dabei die Proportionen verloren - in der Hinsicht, dass bestimmte Themen aufgebläht und präsenter dargestellt werden, als sie wirklich sind? Zum Beispiel Swingerclubs.
Domian: Es stimmt, Swingerclubs oder auch S/M-Praktiken sind Dauerbrenner geworden, die eine höhere Bewertung durch die Präsenz in den Medien bekommen, als es real der Fall ist. Wir können unsere Einschaltquoten minutenweise nachvollziehen, und da hat sich herausgestellt: Diese Themen interessieren keine Socke mehr, hat man tausendmal gehört. Das war damals spektakulär, als man es die ersten Male hörte, aber inzwischen ist das Thema durch. Ich glaube, das ist ein guter Effekt der letzten 20 Jahre: Die Schamgrenzen sind schon sehr gesunken. Das alles gab es früher sicher auch, aber man hat eben nicht drüber gesprochen.
Frage: Sie haben 2002 das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen. Haben Sie das verdient?
Domian: Das kann ich nicht beantworten, das wäre vermessen. Das müssen die Menschen um mich herum beurteilen oder das Publikum. Ich habe mich aber irre gefreut darüber, weil die Sendung am Anfang auch ein Schmuddelimage hatte und nicht unumstritten war. Dann aus solch seriöser Ecke einen Ritterschlag zu kriegen, war schon schön. Anfangs habe ich es erst gar nicht geglaubt. Ich dachte, es wäre ein Scherz und habe auf das Schreiben gar nicht reagiert.
Frage: Ihr Beruf sieht so aus, dass Sie mit Menschen über alles reden, jeder kann sich an Sie wenden. Wie ist es denn, wenn Sie privat unterwegs sind? Werden Sie viel angesprochen?
Domian: Es ist im Laufe der Jahre mehr geworden, aber in einem Rahmen, der okay ist. Es schmeichelt einem ja auch. Wenn es nicht okay ist, muss man eben aufhören. Ich hasse diese Jammerei von manchen Fernsehfritzen, dass sie nicht in Ruhe gelassen werden. Da kann ich nur sagen: Dann haltet nicht die Nase in die Kamera.
Frage: Es gibt aber nicht nur Fans. Sie wurden auch schon auf offener Straße angegangen.
Domian: Ja. Ich bin zuerst sehr naiv mit meiner Öffentlichkeit umgegangen, aber nach einer Weile habe ich kapiert, dass ich eine sehr polarisierende Rolle einnehme. Natürlich löse ich bei vielen Menschen Hass aus. Ich löse Hass bei dem prügelnden Ehemann aus, dessen Frau ich ermutige, ihn zu verlassen. Ich löse Hass bei extremen Moslems aus, wenn ich den Mädels sage: "Lasst euch nicht schlagen, lasst euch nicht zwangsverheiraten, lasst euch nicht wie eine Sklavin zu Hause halten." Ich bin vorsichtiger geworden, auf jeden Fall. Ich gehe nicht mehr so entspannt samstags auf den Ring hier in Köln. Wenn ich öffentliche Veranstaltungen habe, sind immer Bodyguards dabei. Das geht nicht anders.
Frage: Stellen Sie sich da nicht manchmal die Frage, ob es das wert ist?
Domian: Schon. Aber diese Überlegungen dauern nie lange an. Denn es geht hier schließlich um Dinge, bei denen es wichtig ist, dass sie gesagt werden. Es ist wichtig, dass man öffentlich Position ergreift.
Das Interview führte Ingo Neumayer
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