Von Henryk M. Broder
Liebe Oma,
zuerst fand ich es ja sehr schade, daß du gestern nicht in die Volksbühne mitkommen konntest, aber dann war ich doch froh, daß du zu Haus geblieben bist und dir "Das Eiserne Kreuz Nr. 2" auf Kabel 1 angesehen hast. Du hättest dich nur geärgert, obwohl diesmal erstaunlich viele ältere Menschen im Theater waren, die tapfer bis zum Ende der Vorstellung blieben. Und die dauerte zweieinhalb Stunden. Hinterher gab es lange Schlangen vor den Toiletten. Du weißt ja, worum es ging, "die ultimative Show" mit dem Titel "Goodbye, Adolf Hitler!" Es war kein Veteranentreffen, wie die, an denen Opa immer teilnahm, es war eine Bühnenrevue, aber leider ohne Marikka Röck und Johannes Heesters. Zuerst kam ein Mann auf die Bühne, der eine schwarz-weiß karierte Glitzerjacke trug und wie Peter Frankenfeld der Jüngere aussah. Er sagte, es würde gleich losgehen, und dann redete er zwanzig Minuten auf uns ein. Die Leute lachten und freuten sich, denn alle kannten ihn noch von früher - bevor eine Karteikarte auftauchte, die den Verdacht nahe legte, daß er mal beim Reichssicherheitshauptamt war - oder war es die Staatssicherheit?
Egal, er sagte, kaum wäre die Show im Programm angekündigt gewesen, war sie auch schon ausverkauft, jetzt müssten wir "alle durch diesen Abend durch", wenn er damit fertig wäre, würde er ein "vegetarisches Kochbuch" mit dem Titel "Hitlers Küche" schreiben, denn so was würde auf dem Markt noch fehlen. Ich weiß nicht, wie er es gemeint hat, aber ich hatte das Gefühl, er machte sich über die vielen Hitler-Bücher, Hitler-Filme und Hitler-Dokumentationen lustig. Denn immer, wenn er "Guido Knopp" sagte, lachten die Leute. Aber warum machte er dann selbst einen Hitler-Abend? Er kam mir ein wenig vor wie Opa, der immer den "Vorwärts" und die "Jüdische Allgemeine" las, um sich dann über die Sozis und die Juden aufzuregen, und der kaum abwarten konnte, bis er den neuesten "Vorwärts" und die letzte "Jüdische Allgemeine" im Briefkasten hatte. Aber eigentlich ging es nicht um Adolf Hitler oder nicht nur um ihn, es ging um den Hitler in uns allen und um Bruno Ganz, der den Führer spielt. Und es ging auch um Heino Ferch, Regina Ziegler, Michel Friedman, Bärbel Schäfer, Mick Flick, das neue Holocaust-Mahnmal, das alte Hotel Adlon und die Berliner Gesellschaft, die sich bei einem Fest für missbrauchte Kinder und gegen Kindesmissbrauch trifft. "Wer in solcher Gegenwart lebt, der braucht die Vergangenheit nicht mehr", sagte der Mann in der karierten Jacke, und ich fand, damit hatte er nicht ganz Unrecht. Dann sagte er aber auch: "Wir machen keinen Quatsch, es macht uns selber keinen Spaß!" Warum machte er es dann? Nur um ein paar Sprüche von sich zu geben, wie "Wie der Führer sitz ich hier, die braune Masse unter mir!" Aber ich will nicht unfair sein, es war nicht alles schlecht an diesem Abend, es war ein "grausames Spiel mit einem leichten Thema". Und deswegen zogen sich der Moderator und seine Gäste Perücken an und spielten Kindergeburtstag. Dann gab auch ein Marionetten-Theater, das wirklich schön war. Hitler sang "Männer" von Grönemeyer und mit dem stark rollenden R des Führers hörte es sich noch besser an als das Orrriginal. Überhaupt waren die musikalischen Einlagen die reine Kraft durch Freude. "Schuld war nur der Adolf Hitler" auf die Melodie von "Schuld war nur der Bossa Nova" und "Am Tag als Adolf Hitler starb" nach "Am Tag als Conny Cramer starb". Juliane Werding hätte es nicht besser singen können.
Irgendwie war die ganze "NS-Unterhaltungsabend" trotzdem ziemlich seltsam, sozusagen mit dem Führer gegen den Hitler, Antifa mit Hakenkreuz, Nationalsozialismus für Comedy-Fans. Christoph Schlingensief sollte auch mitmachen, aber der hat ja an der Volksbühne eine eigene Vorstellung, um die er sich kümmern muss. Dafür gab es im Anschluss an die Show noch eine Podiumsdiskussion über Hitler als Pop-Star mit einem Redakteur der "Zeit" und einem grünen Professor aus Frankfurt. Aber das wollte ich mir nicht mehr antun, ich ging lieber zu "Monsieur Vuong" und bestellte mir eine vietnamesische Hühnersuppe. Und was soll ich dir sagen? Es wurde doch noch ein schöner Abend.
Dein Enkel
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