Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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27.11.2004
 

Polnisch-russische Beziehungen

Vor dem roten Horizont

Von Mia Raben

Eine neue Warschauer Ausstellung versammelt russische und polnische Kunstwerke des 20. Jahrhunderts. Das ambitionierte Projekt bringt eine historische Zäsur ans Licht: 15 Jahre nach dem Mauerfall hat die Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte Russlands und Polens gerade erst begonnen.

Künstlerin Ewa Partum (r.) und Tochter Berenika: "Eine Idee kann man nicht schließen"
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Mia Raben

Künstlerin Ewa Partum (r.) und Tochter Berenika: "Eine Idee kann man nicht schließen"

Die Gesandte des Moskauer Kulturministeriums hat im verschneiten Warschau sicher niemand für eine Polin gehalten. Ihre Wollhaube und die runde Gestalt erinnern an ein sowjetisches Mütterchen, das bei Eiseskälte am Straßenrand eingelegtes Gemüse verkauft. Was sie sagt, räumt noch den letzten Zweifel aus - und das nicht, weil sie Russisch spricht: "Wir sind Brüder. Wir wohnen in einem gemeinsamen Haus, nur in verschiedenen Wohnungen", erklärt Lidia Jowlewa von der staatlichen Tretiakow Galerie in Moskau.

Kaum zu glauben, dass die polnische Kollegin Jowlewas "Bruder" sein soll: Sie hat eine zierliche Figur, kurze, rote Haare, trägt Hornbrille und ein pinkfarbenes T-Shirt unter schwarzem Anzug. Anda Rottenberg, international anerkannte Kunstkennerin und Kuratorin der ersten großen polnisch-russischen Ausstellung in der Warschauer Zacheta Gallerie für moderne Kunst, sitzt am äußersten Rand der Tischreihe. Auf der Pressekonferenz zum Auftakt des historischen Kulturprojekts "Warschau - Moskau/Moskau - Warschau", das am vergangenen Samstag eröffnet wurde, wirkt sie neben den farblosen Kulturbeamten der beiden ehemals kommunistischen Länder wie eine exotische Fremde.

Schuld ohne Sühne

Mit zaghafter Distanz und vorsichtig aufgearbeiteten Parallelen versucht die Ausstellung, die sich auf die vergangenen Projekte "Berlin - Moskau/Moskau - Berlin" und "Paris - Moskau/Moskau - Paris" beruft, ein Mammutwerk zu vollbringen: Sie will eine Übersicht der polnischen und russischen Kunst des 20. Jahrhunderts präsentieren. Den Anspruch, eine Konfrontation des historisch schwer belasteten Verhältnisses zwischen Polen und Russland zu wagen, haben die Macher der Ausstellung gar nicht erst erhoben. Zu frisch, so scheint es, sind die polnischen Wunden, und zu uneinsichtig handeln die Nachkommen der Sowjets, wenn es um die Aufarbeitung der gemeinsamen Vergangenheit geht.

Niemals werden die Polen vergessen, was vor 60 Jahren in Warschau geschah: Als im August der Warschauer Aufstand losbrach, hofften die Polen vergeblich auf die Hilfe der Nachbarn. Doch die russische Armee sah tatenlos zu, wie die Nazis den Aufstand mit 200.000 Todesopfern blutig niederschlugen. Polnische Künstler, die sich mit dem Krieg beschäftigt haben, gaben ihren sozial realistischen Werken oft eine tragische Note. Die russische Kunst dagegen schwelgt im Heldentum.

"Strzeminski beweint Malewicz" von Jaroslaw Modzelewski: Faszination und Schrecken des Krieges
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Zacheta Galerie Warschau

"Strzeminski beweint Malewicz" von Jaroslaw Modzelewski: Faszination und Schrecken des Krieges

Eine weitere offene Wunde im polnisch-russischen Verhältnis ist Katyn. Mitglieder des damaligen russischen Geheimdienstes NKWD ermordeten im Jahr 1940 in dem russischen Ort tausende polnischer Offiziere. Bis heute gibt es für diesen Massenmord keine Entschuldigung des Kremls.

Kuratorin Anda Rottenberg spricht aus, was viele Polen denken: "Ich habe immer noch Angst. Russland ist ein gefährliches Land", sagt sie.

Viele Polen sympathisieren mit den Tschetschenen, die hier immer mehr Asylanträge stellen. Nach Protestaktionen gegen die brutalen Militäraktionen der Russen verbrannten polnische Demonstranten vor vier Jahren in Posen russische Flaggen. Moskau zog seinen Botschafter aus Warschau ab. Mit Skepsis hat das Nato-Mitglied Polen verfolgt, wie die Allianz sich vor zwei Jahren mit Russland assoziierte. Und in diesen Wochen spukt der russische Geheimdienst wieder durch die polnischen Köpfe. Korrupte Spitzenpolitiker aus Warschau sollen mit russischen Spionen gemeinsame Sache bei der geplanten Privatisierung der staatlichen Danziger Raffinerie gemacht haben.

Blasphemie und Provokation

Kuratorin Anda Rottenberg: "Ich habe immer noch Angst"
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Mia Raben

Kuratorin Anda Rottenberg: "Ich habe immer noch Angst"

Von heiklen Themen wie diesen findet sich in der Ausstellung keine Spur. Die junge, polnisch-deutsche Kunstkritikerin Berenika Partum ist nach dem Rundgang enttäuscht. "Die Rolle der Dissidenten beider Länder während der kommunistischen Herrschaft hätte viel stärker betont werden sollen", sagt sie. Später im Café revidiert sie ihr spontanes Urteil: "Vielleicht darf man die Leute nicht überfallen. Viele haben jahrzehntelang geschwiegen. Ich glaube, es ist noch zu früh, all zu kontrovers mit dem Thema umzugehen."

Diese Zurückhaltung verwundert, da Rottenberg eine Frau ist, die Tabus bisher nicht scheute. Vor drei Jahren gab es einen Skandal, weil sie, damals als Leiterin der Zacheta Galerie, in der sie nun die Ausstellung kuriert, das Werk des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan ausstellte. Es zeigt eine Wachsfigur Johannes Pauls II., die von einem Meteoriten zu Fall gebracht wurde. Den Polen, besonders den mächtigen national-konservativen Katholiken, ist nichts heiliger als der Papst. Blasphemie und geschmacklose Provokation warfen sie Rottenberg vor. Unter massivem Druck gab sie schließlich auf und ging. Ein wenig verbittert sagt die Kuratorin heute: "Ich bin eben unabhängig. Ich war, bin und werde mit dieser Einstellung in Polen immer in der Minderheit sein."

Regelmäßig kommt es in Polen zu Skandalen, wenn Künstler sich kritisch mit dem Katholizismus auseinander setzen. Der bekannteste Fall ist die Künstlerin Dorota Nieznalska. Sie stellte in einer Danziger Galerie ihr Werk "Passion" aus: Ein Jesuskreuz, auf dem das Foto eines Penis zu sehen ist. Wegen "Beleidigung des Glaubens", so entschied das Gericht nach der Klage der im polnischen Parlament mit 25 Sitzen vertretenen radikalen Partei "Liga der Polnischen Familien", sollte sie ein halbes Jahr Ausreiseverbot bekommen und zudem gemeinnützige Arbeit verrichten. Ihre Berufung wird am kommenden Freitag verhandelt.

Toter Meister der Moderne

Für polnische Künstler ist Unterdrückung nichts Neues. Die aus Lodz stammende Avantgardistin Ewa Partum, Berenikas Mutter, war im kommunistischen Polen in den sechziger Jahren eine Pionierin der Mail-Art. Die Feministin trat im öffentlichen Raum - nachdem sie ihren Körper vor Publikum zum Kunstwerk erklärt hatte - oft nackt auf. Über ihre private Galerie "Adres" korrespondierte sie mit berühmten westlichen Fluxus-Künstlern wie Emmet Williams und John Cage. Im Jahr 1973 wurde ihre Galerie, die aus einem Briefkasten und einer 3000 Namen umfassenden Adressenkartei bestand, verboten. "Die Galerie war eine Idee, und eine Idee kann man nicht schließen", sagt Ewa Partum. Polnische Künstler realisierten weiterhin eigene Ideen '- und solche, die ihnen per Post zugesendet wurden.

Rottenberg vor Fiodor Szurpins "Der Morgen unseres Heimatlandes": "Ich bin eben unabhängig"
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Mia Raben

Rottenberg vor Fiodor Szurpins "Der Morgen unseres Heimatlandes": "Ich bin eben unabhängig"

Lodz, zweitgrößte Stadt Polens, war schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Zentrum der polnischen Avantgarde. Die verheirateten Künstler Wladislaw Strzeminski und Katarzyna Kobro waren in den dreißiger Jahren Mitbegründer der ersten internationalen Kunstsammlung Europas. In der Warschau-Moskau-Ausstellung umringen ihre Werke die eines wichtigen Zeitgenossen, des großen Meisters der Moderne: Kazimierz Malewicz. Hoch über den Köpfen der Besucher thront eines der vier weltberühmten schwarzen Quadrate des polnischstämmigen Suprematisten, der in Kiew zur Welt kam.

Einen Dialog zwischen den Generationen schafft der nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Maler Jaroslaw Modzelewski. Sein Bild "Strzeminski beweint Malewicz" drückt Bewunderung, Faszination, aber auch den ganzen Schrecken der Kriege aus. Sein Vorbild Strzeminski steht weinend vor dem toten Malewicz. Strzeminski hat nur noch ein Bein und einen Arm. Tatsächlich verlor er zwei seiner Gliedmaßen als polnischer Soldat in der russischen Armee.

Die polnischen und russischen Meister von Morgen, die weder Krieg noch jahrelange Unterdrückung erlebt haben, präsentieren ihre Arbeiten indes in einer eigenen Ausstellung, die Ende November im Warschauer Zentrum für Zeitgenössische Kunst beginnt. Hier werden nur Werke ausgestellt, die nach dem Jahr 2000 entstanden sind: Bilder, Skulpturen und Fotos, aber auch Video-Installationen und multimediale Projekte. Die Ausstellung trägt einen Titel, der eine andere Sichtweise verspricht: "Hinter dem roten Horizont".

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