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01.12.2004
 

Boote-Designer Carlo Riva

Der schönste Sommersitz der Welt

Von Joachim Hoelzgen

Was hatten Sean Connery und Richard Burton, Sophia Loren und Brigitte Bardot gemeinsam? Die Liebe zu Carlo Rivas Booten. Die edlen Maßanfertigungen sind Objekte der Begierde, Statussymbole und Kunststücke - und werden jetzt in vier prächtigen Fotobänden gewürdigt.

Konsequenter Kurs: Perfektes Design und exzellente Technik - hier bei der abendlichen Fahrt auf dem Lake Tahoe
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Olaf Tamm

Konsequenter Kurs: Perfektes Design und exzellente Technik - hier bei der abendlichen Fahrt auf dem Lake Tahoe

In der Münchner Galerie Hartmann Neue Fotografie in der Fasaneriestraße erfreute sich das Vernissagen-Publikum vor kurzem gleich doppelt: an Rotweinen aus dem Friaul und am Mythos eines Italien, das noch optimistisch war - so optimistisch, dass es sein Schicksal mit den Planken eines Motorboots aus Holz verbunden glaubte.

Objekte der Begierde

Das Boot aus warm schimmerndem, fast tiefrotem Mahagoni war in der Stiefelrepublik das schwimmende Symbol des Wirtschaftswunders der sechziger und siebziger Jahre. Es entstammte der Riva-Werft und wurde in neun Modellen gebaut - Sommersitzen gewissermaßen der Reichen und Schönen jener Zeit, die mit geschwellter Brust und stolz schäumender Bugwelle vor Positano, Rapallo und Cinque Terre kreuzten. Und das ganz schön flott: Riva-Boote der Baureihe "Aquarama" besaßen zwei Motoren von je 350 PS, die sich im Rumpf unter einer Art Liegewiese aus Kunstleder befanden. Sie brachten es auf 90 Stundenkilometer, und mit zwei Tanks betrug die Reichweite knapp 1000 Kilometer - genug, um mal schnell nach Capri zum Lunch mit frischen Meeresfrüchten zu fahren.

Dann war die Sicherheitsreserve immer noch groß genug, um mit der Begleitung stundenlang nur so dahinzudümpeln - vorzugsweise mit langbeinigen, germanisch aussehenden Blondinen, wie es die Werbeprospekte damals suggerierten. Dabei verblassten die Sternchen neben den richtigen Stars: Brigitte Bardot und Sophia Loren besaßen ein Riva-Boot, und auch die Schauspieler-Kollegen Richard Burton, Peter Sellers und Sean Connery wussten das fugenlos verlegte Mahagoni zu schätzen. Deutsche Industrie-Erben wie Gunter und Wilhelm Sachs taten es ihnen nach und desgleichen der Verleger Axel Springer, der es allerdings bei einem Boot der Klasse "Ariston" mit bloß einem Innenbord-Motor beließ.

Die Ariston verfügte über keine Liegewiese, die in den Rumpf eingelassen war, sondern hatte nur Matten zum Anknüpfen. Und deshalb wohl träumten auch deutsche Camping-Urlauber davon, sie könnten irgendwann einmal das Sieben-Meter-Boot besitzen, nachdem sie mit einem Käfer oder Borgward doch schon bis an den Golf von Neapel gelangt waren.

Boote-Designer Carlo Riva am Lago d'Iseo: Den Blick fürs Besondere kultivieren
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Olaf Tamm

Boote-Designer Carlo Riva am Lago d'Iseo: Den Blick fürs Besondere kultivieren

Gut eine Generation danach widmet nun der Hamburger Fotograf Olaf Tamm, 42, den Riva-Booten einen reportagehaften Rückblick, der so schnell kein Ende kennt. Zwei Bände hat er bereits angefertigt, um den Mythos Riva zu ergründen, wobei 40 Schwarz-Weiß-Fotos derzeit handverlesen bei Hartmann in München hängen.

Tamm hat sich mit Passion ans Werk gemacht: Er hat mehrfach die Bootswerft im Voralpen-Städtchen Sarnico am Lago d`Iseo besucht und Carlo Riva, 82, interviewt, den Konstrukteur von mehr als 4000 Riva-Booten. Von ihnen ist noch die Hälfte erhalten und bringt es auf Preise wie alte Ferarris oder Bugattis: 500.000 Euro werden für edle Mahagoni-Meeresschlitten der Aquarama-Kategorie schon verlangt.

Schwimmende Design-Ikonen

Tamm hat aber auch Riva-Boote im Rest der Welt fotografiert: Auf dem Lake Tahoe in der Sierra Nevada ebenso wie auf schwedischen Seen oder vor den Küsten Australiens, "wo es aber nur acht Boote gab", wie er ein wenig enttäuscht anmerkt. Der Firmenslogan "Riva hat keine Rivalen" wirkt in Italien freilich nachhaltiger als anderswo: Auf dem Canal Grande macht es die schnittige Bugspitze vor der Kulisse Venedigs. Vor der ligurischen Küste beeindrucken Schaumstreifen von Booten bei voller Fahrt, und auf dem Lago d`Iseo ist es der abendliche Blick über die Windschutzscheibe auf sanfte Gipfel - ein Riva-Stillleben.

Sean Connery als Gentleman-Spion James Bond (mit Darstellerin Martine Meswick in "Feuerball"): Leider nur mit Riva-Ersatz
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DPA

Sean Connery als Gentleman-Spion James Bond (mit Darstellerin Martine Meswick in "Feuerball"): Leider nur mit Riva-Ersatz

Um ja keine Werbemotive mit Schönheiten auf der Liegefläche einzufangen, erklärt Tamm die Rivas eher feinnervig als Ikonen des italienischen Designs. Ein Detailbild der rechtsseitigen Bordwand beispielsweise zeigt auf einen Blick die Handschrift Carlo Rivas, der sämtliche Teile in eigener Regie entworfen hat: Sexy sind hier die Stromlinie der berühmten Windschutzscheibe, die leicht gekrümmte Polsterung, das glatte Mahagoni der Bordwand und die stilettartigen Schutzleisten des Kabrioverdecks - Blondinen würden auf dem Bild nur stören.

Der Lufteinlass der Motorkühlung allerdings läßt einiges erahnen und desgleichen der Mittelknopf des Lenkrads. Er zeigt das alte, von Kennern verehrte Riva-Logo: drei Matrosen, die unter einer Wellenfahne paradieren. Den Fotografen hat am meisten überrascht, dass sich in München ein Motiv als Verkaufsschlager erwies, mit dem er nicht gerechnet hatte: das cremefarbige Instrumentenbord samt Schalthebel, dem verchromten Drehzahlmesser und dem Zündschlüssel im Schloss. Das Bild dokumentiert die Ära des Vorelektronischen und die Kunst des Weglassens. Wohl deshalb erfreute es das Auge der puristischen Betrachter.

Dialog zwischen Buch und Boot

Die einfache, aber umso schönere Anatomie hat Tamm auch an anderer Stelle aufgenommen. Jedem Band - zwei weitere werden noch erscheinen - hat er fotografisch auf der dritten Seite eine fein geschuppte Riva-Polsterfarbe zugeordnet, der Reihe nach mit den Standardfarben Türkis, Schwarz, Orange und Dunkelblau, die jeweils auch die Wasserlinie der Motorboote markierten.

Filmikone Brigitte Bardot: Lust auf elegante Linien
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AP

Filmikone Brigitte Bardot: Lust auf elegante Linien

Dem Fotografen und dem Ingenieur ist nichts zu schwer: Von den Schablonen Rivas, mit denen die Boote nummeriert wurden, hat Tamm die Typographie zum Nummerieren der Bände übernommen, von denen jeweils 1234 Exemplare gedruckt werden. Und auch der graue Einband entspricht logischerweise einer Funktion von früher: Er ist identisch mit dem Grau der Holzböcke, auf denen die Boote während des Winters gelagert wurden.

Im Gespräch mit Tamm erteilt Carlo Riva eine Lehrstunde über handwerkliche Kunst - gerade für solche Leser, die allenfalls eine Espressokanne von Alessi ihr Eigen nennen. Schon als 15-Jähriger war er detailversessen wie ein florentinischer Dombaumeister des 15. Jahrhunderts: Pläne, an denen er tagsüber gesessen hatte, zerriss er vor Sonnenuntergang, nur um sie am nächsten Morgen zu verbessern. Als Glaubenssatz empfiehlt er die Unabhängigkeit, da sonst der "Durst nach Kreativität" nicht aufkomme.

Das Einfache war sein Leitfaden im Leben. Am liebsten hat er "Fisch, den Fischer zubereitet haben". Und als größte Leidenschaft benennt er "meine Arbeit".


Olaf Tamm: "Riva Book Edition. Volume 1: Sentimenti Italiani. Volume 2: Escursione Lago d'Iseo". Limitierte Auflage. Über: www.olaftamm.de

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