• Drucken
  • Senden
  • Feedback
23.02.2005
 

Interview mit Fred Kogel

"Ich habe der ARD nicht geschadet"

Mit der "Harald Schmidt"-Show in der ARD machte Fred Kogel eines der lukrativsten Geschäfte der jüngeren deutschen TV-Geschichte. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Schmidt-Partner und Vorstandschef der Filmfirma Constantin über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und die Oscar-Chancen von "Der Untergang".

Medien-Manager Kogel: "Ich war immer schon ein bunter Vogel"
Zur Großansicht
DDP

Medien-Manager Kogel: "Ich war immer schon ein bunter Vogel"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kogel, eigentlich sollte dieses Gespräch mit Ihrer neuen Frisur beginnen. Haarig scheint aber vor allem der aktuelle Streit zwischen Harald Schmidt und seinem ehemaligen Firmenpartner Thomas Schmidt zu sein; muss die ARD um ihr neues Format zittern?

Kogel: Warum? Harald Schmidt will, wenn man den Presseberichten glauben darf, keinen Vergleich. Das spricht Bände. Ansonsten kommentiere ich grundsätzlich kein schwebendes Verfahren.

SPIEGEL ONLINE: Freundschaft und Geschäft zu verbinden hat hier auf Dauer nicht funktioniert. Kann Ähnliches mit Ihnen und Harald Schmidt auch passieren?

Kogel: Harald und ich kennen uns seit zehn Jahren und uns verbindet echte Freundschaft. Deshalb ist so etwas für mich undenkbar. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollen der ARD mit der neu gegründeten Kogel & Schmidt GmbH stolze zehn Millionen Euro für 64 Late-Night-Shows abgerungen haben. Ist dieser Deal moralisch noch zu verantworten?

Kogel: Die Zahl werde ich - das wissen Sie - nicht kommentieren. In den USA wundert sich niemand, warum Tom Cruise 25 Millionen US Dollar pro Film verdient: He opens a movie. Es gibt nun einmal Marktwerte - das gilt auch für Deutschland. Neben Günther Jauch und Thomas Gottschalk ist Harald mit Sicherheit der Moderator mit dem höchsten Marktwert, und das - im Vergleich zu Thomas Gottschalk mit "Wetten, dass...?" - sendungsunabhängig. Alle drei Moderatoren haben sich diesen Marktwert über 25 Jahre hart und auf allen Disco- und Kabarettbühnen und bei Kaufhauseröffnungen zwischen Kulmbach und Kiel verdient und sind eine Klasse für sich. Bei der ARD hat Harald im Schnitt über zwei Millionen Zuschauer, das ist beinahe das Doppelte von dem, was er bei Sat.1 erzielen konnte. Und er bindet Zuschauerprofile, die die ARD um diese Uhrzeit nie hatte. Zudem hat er der ARD - wie damals Sat.1 - eine unglaubliche Presse beschert, so dass alleine der Marketing- und Image-Wert enorm ist. Ich fühle ich mich jedenfalls nicht schuldig, dem System ARD geschadet zu haben.

Freunde Kogel, Schmidt (1999): "Es gibt nun einmal Marktwerte"
Zur Großansicht
SAT.1

Freunde Kogel, Schmidt (1999): "Es gibt nun einmal Marktwerte"

SPIEGEL ONLINE: Sollte aber ein öffentlich-rechtlicher Sender seine finanziellen Mittel nicht maßvoller und für Dokumentationen oder politische Formate einsetzen?

Kogel: Ich glaube, dass die ARD ihrem Grundversorgungsauftrag mit Harald Schmidt eher nachkommt, als mit manch anderem Programm. Ich selbst war während meiner Zeit beim ZDF für Unterhaltung und Show zuständig und damit ebenfalls zum Kommerz, sprich zur Quote verdammt. Auch die Öffentlich-Rechtlichen brauchen Quote, weil sie sonst schnell in einer öffentlichen Diskussion in die Bedeutungslosigkeit und damit möglicherweise Verzichtbarkeit abrutschen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Quote aber längst auch die Öffentlich-Rechtlichen dominiert, wozu dann überhaupt noch das Duale System?

Kogel: Weil es dort Informationsangebote und Formate gibt, die man bei den Privaten so eben nicht findet. Ich glaube, dass wir im Laufe der nächsten zehn Jahre vor einer Art Paradigmenwechsel stehen; dass der heute Zehnjährige vielleicht nie ZDF schauen wird oder sogar überhaupt nicht mehr ins TV-Gerät schauen wird, sondern in ein paar Jahren Inhalte per Handy bezieht. Das Nutzerverhalten - davon bin ich erstmalig überzeugt - wird sich ändern, dennoch stelle ich niemals die Massentauglichkeit der vier großen Schlachtschiffe ARD und ZDF, RTL und Sat.1 in Frage; die wird es auch weiterhin geben. Und die ARD muss auch mal eine Volksmusik-Sendung machen dürfen, wer sonst würde das denn tun? Die Mischung macht es. Und die beschert Deutschland eines der besten TV-Systeme weltweit.

Neue RTL-Vizechefin Schäferkordt, 2. v. l. (mit Gerhard Zeiler, Claude Schmit, Johannes Züll): "Ich drücke ihr die Daumen"
Zur Großansicht
DPA

Neue RTL-Vizechefin Schäferkordt, 2. v. l. (mit Gerhard Zeiler, Claude Schmit, Johannes Züll): "Ich drücke ihr die Daumen"

SPIEGEL ONLINE: Nun ja, Ihr Geschäftspartner Harald Schmidt hat kürzlich in einem Interview den öffentlich-rechtlichen Spartensendern Arte und 3sat die Existenzberechtigung abgesprochen...

Kogel: Ich halte jedes Free-TV-Programm - ausgenommen die reinen Infokanäle, wie zum Beispiel N24 und n-tv - das unter ein Prozent Marktanteil hat, für verzichtbar.

SPIEGEL ONLINE: Produzenten wie Hans-W. Geissendörfer sehen für 2005 eine Sehnsucht des Publikums nach Qualität und fiktionalen Stoffen.

Kogel: Diesen Satz, dass sich die Menschen in schwierigen Zeiten wieder nach fiktionalen, melodramatischen Stoffen sehnen, den höre ich seit zehn Jahren. Ich glaube dagegen, dass sich die Zuschauer grundsätzlich nach gut gemachtem Fernsehen und Events sehnen - fiktional und nonfiktional. Die Stärke der Entertainment-Produktionen wird noch anhalten . Das hat auch ganz simple Gründe wie den, dass Entertainment einfach günstiger zu produzieren ist als fiktionale Programme. Und die Budgets werden ganz sicher nicht wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Quote und Qualität sollen stets das Ziel sein, haben Sie kürzlich in einem Interview betont. Bei einem Format wie der Constantin-Serie "Lenßen und Partner" mit einem irrlichternden Anwalt, der sich für einen Schauspieler hält, mag das mit der Quote noch stimmen, aber wo ist da die Qualität?

Kogel: Sie müssen den Begriff der Qualität im Genre definieren. Es ist eine ungeheure produktionstechnische Leistung, täglich eine Folge auf die Beine zu stellen. Der Zuschauer will Fälle mit einer gewissen Fallhöhe, mit Dramatik und Menschen, mit denen er sich identifizieren kann. Und unter diesem Aspekt ist "Lenßen & Partner" hoch professionell produziert.

SPIEGEL ONLINE: Der Wettstreit zwischen Qualität und Quote bringt anscheinend auch die privaten Sender in Bedrängnis. Wie erklären Sie sich den überraschenden Rauswurf des RTL-Geschäftsführers Marc Conrad nach nur 100 Tagen im Amt? Immerhin galt Conrad als Hoffnungsträger für anspruchsvolle Programme, die auch Quote bringen können.

Kogel: Ich kenne und schätze Gerhard Zeiler und Marc Conrad. Warum soll ich dies kommentieren? Ich bin ja nicht Helmut Thoma.

Constantin-Film "Der Untergang" (mit Bruno Ganz): "Dem Zuschauer Außergewöhnliches versprechen"
Zur Großansicht
Constantin Film

Constantin-Film "Der Untergang" (mit Bruno Ganz): "Dem Zuschauer Außergewöhnliches versprechen"

SPIEGEL ONLINE: Die Hoffnungen bei RTL ruhen jetzt auf der Vox-Chefin Anke Schäferkordt, die Gerhard Zeiler als Vizechefin dienen soll. Welche neuen Impulse kann man von ihr erwarten?

Kogel: Sie braucht Zeit, um Impulse setzen zu können. Ich drücke ihr die Daumen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Kino-Produktionen, den anderen großen Geschäftszweig der Constantin, als Herausforderung bezeichnet. Hat der "Der Untergang" eine Chance, den Oscar zu gewinnen?

Kogel: Das ist für mich total offen. Über unsere Chancen kann man nur spekulieren

SPIEGEL ONLINE: "Der Untergang" muss mit seiner besonderen Thematik, dem Star-Aufgebot und einem Budget von 14 Millionen Euro sicher als Ausnahme gelten. Fehlen uns in Deutschland die kreativen Köpfe für erfolgreiches Kino?

Kogel mit Freundin Melanie Tara: "Nur auf cool machen - das funktioniert nicht"
Zur Großansicht
DDP

Kogel mit Freundin Melanie Tara: "Nur auf cool machen - das funktioniert nicht"

Kogel: Zumindest können wir das Produkt Kinofilm nicht durch die Schauspieler vom Fernsehen abgrenzen, weil es den Kinostar wie in den USA in Deutschland nicht gibt und nicht geben kann. Umso wichtiger ist es daher heute, so genannte High-Concept-Filme auf die Leinwand zu bringen, die dem Zuschauer Außergewöhnliches versprechen und deren Konzept er sofort nachvollziehen kann. Bernd Eichinger etwa hat schon immer in diese Richtung gedacht, und die größten Erfolge hatte Constantin mit Literaturverfilmungen wie "Der Name der Rose" oder "Die unendliche Geschichte". Zudem ist das Timing entscheidend: Der angekündigte Zeichentrickfilm über Dieter Bohlen wäre zur Zeit der ersten Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" fraglos richtig gewesen, ob er das heute auch ist, wage ich zu bezweifeln.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt aber doch noch zu Ihren neuerdings langen Haaren, zum Drei-Tage-Bart, dem meist weit offenen Hemdkragen und dem Verzicht auf eine Krawatte: Lautet so die Antwort des Spitzenmanagers Kogel, der sich selbst kürzlich als "Rocker" bezeichnet hat, auf die Zwänge des Business?

Kogel: Ich war immer schon ein bunter Vogel. Aber nur auf cool und 'ach wie bin ich kreativ' machen und sich die Haare wachsen lassen - das funktioniert nicht. Da sind die Zwänge des Business - wie Sie diese beschreiben - dagegen. Der Einsatz und die Leistung müssen immer stimmen. Umgekehrt: Wie viele gut frisierte Herren mit Krawatte und Einstecktuch haben Ihre Gesellschafter oder Aktionäre schon enttäuscht?

Das Interview führte Andreas Kötter

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP