Von Ulf Lippitz
Ein Schrei schallte durch die Berliner Arena in Treptow. Reinhold Beckmann moderierte gerade die Murphy Brothers als erste der zehn Kandidaten an, da brach sich eine Stimme bahn, schrill wie eine Kreissäge und ungefähr so angenehm wie ein bohrender Zahnschmerz. "Gracia, Gracia!", kreischte ein junges Mädchen - und ließ sich in den folgenden 90 Minuten von niemandem den Mund verbieten. Letztlich avancierte der Schreihals zum Orakel des deutschen Vorentscheids für den 50. Eurovision Song Contest.
Die ehemalige "Deutschland sucht den Superstar"-Teilnehmerin Gracia Baur gewann tatsächlich und vertritt die deutsche Nation nun beim großen Liederwettbewerb am 21. Mai in Kiew. Ihr Lied heißt "Run And Hide", erinnert manche Zuhörer an eine rockig aufgepeppte Version des Fools-Garden-Hits "Lemon Tree" und hat sich im Wettbewerb über die sogenannte Wild Card platziert. Dadurch gelangt ein Titel dank einer guten Chart-Position in den Kreis der ausgesuchten Zehn. Im letzten Jahr traf das Glücks-Los Stefan Raabs Casting-Gewinner Max Mutzke. Er gewann den Vorentscheid Ende auch deshalb, weil er mit seinem Song "Can't Wait Until Tonight" damals bereits die Nummer Eins der deutschen Single-Charts belegte. Gracia rangiert momentan noch nicht einmal unter den Top 20 der Media-Control-Liste.
Aber damit liegt die 22-jährige Münchnerin noch gut im Rennen. Ihren Konkurrenten räumen Pop-Experten außerhalb der Grand-Prix-Veranstaltung kaum Erfolgschancen ein. Die Murphy Brothers trällerten belanglosen Gitarren-Pop, das Hamburger Duo Orange Blue hauchte eine schnarchige Schmuse-Ballade und Mia Aegerter röhrte drögen Jeanette-Pop. Es grenzte an popmusikalische Senilität - wären die meisten Teilnehmer nicht unter 30 Jahre alt. Die zugkräftigen Namen fehlten dieses Jahr, der Musikquerschnitt verengte sich auf klassischen Pop und poppigen Schlager.
Der Grund: Die Kooperation vom federführenden NDR und Viva verhalf dem Grand-Prix-Vorentscheid im letzten März zu keinem Image-Gewinn. Daher besann sich der NDR in diesem Jahr auf traditionelle Form und traditionelles Publikum. Er musste: In den letzten Jahren sanken die Einschaltquoten der Show kontinuierlich. Im vergangenen Jahr lag sie beim bisherigen Tiefpunkt von 17,8 Prozent Marktanteil. Auch gestern Abend schauten trotz erstmaliger Verlegung von Freitag auf Samstag nur 3,56 Millionen Zuschauer (Marktanteil 11,2 Prozent) zu - noch einmal knapp zwei Millionen weniger als im letzten Jahr.
Die Frischzellenkur blieb also aus, die kleinen Skandale blieben: Schlager-Veteran Ralph Siegel hatte sich unter falschem Namen in den Wettbewerb geschmuggelt. Er komponierte für die ebenfalls durch Casting-Shows gestählten Kandidaten Nicole Süßmilch und Marco Matias die sehr Siegel-typisch dahinschunkelnde Ballade "A Miracle Of Love". In einer kleinen Ansprache erklärte der Komponist, es grenze an ein Wunder, dass er überhaupt dabei sein kann.
Udo Lindenberg sah das ganz ähnlich. Er schäumte im Vorfeld, dasselbe Feld wie Siegel beackern zu müssen. Der Altrocker stellte seinen eigenen Schützling vor, die holländische Sängerin Ellen ten Damme. Lindenberg wedelte dafür mit einer Pistole in der Hand herum, deren Lauf verknotet war, und nuschelte in Anspielung auf die US-Außenpolitik: "Das ist meine Friedensknarre." Darauf rief Moderator Beckmann aus: "Das ist die Lösung!" Udos Lösung hieß aber eigentlich Sex. Wenn alle Soldaten mit ihren Frauen "schmusen und poppen" würden, meinte der Sänger, dann hätten sie keine Kraft für Kriege mehr. Ellen ten Damme untermauerte die Liebes-Hymne mit Handstand und Flic-Flac. Dazu Beckmann: "Ein Naturereignis!"
Dem ARD-Talkmaster gehörten ohnehin die besten, aber auch die fragwürdigten Momente des Abends. Er legte seinen einschläfernden Psychiater-Modus ab, las ungeniert vom Teleprompter ab und hämmerte Sätze wie aus der "Bild"-Zeitung. Die lesbische Villaine pries er mit dem Slogan an: "Von einer heterosexuellen in eine neue Welt!" Über die christliche Band Allee der Kosmonauten wusste er: "Früher haben sie Pizzaboten beklaut." Die Murphy Brothers gelangten in den Genuss der Sentenz: "Sie machen Country-Musik, die man auch auf der A2 hören kann."
Großen Unterhaltungswert boten auch die Trailer, in denen sich die Kandidaten vorstellten. Der NDR wandte dafür einen entwaffnenden Kunstgriff an: Die Teilnehmer mussten die ersten Zeilen ihrer Lieder wie ein Gedicht vortragen - und so oft gute Miene zu bösen Texten machen. Außerdem erfuhren die Zuschauer in kleinen Filmchen, dass Nicole Süßmilch nach eigener Aussage "im Kosmetikbereich" gearbeitet habe, Orange Blue Toiletten für sehr gesellige Orte halten und Soul-Barde Stefan Gwildis seinen Beitrag "Wunderschönes Grau" dem deutschen Himmel widmete.
Die Veranstaltung tuckerte vor sich hin wie ein Ausflugs-Dampfer auf der nahen Spree. Dass kurz vor Schluss dann doch noch Spannung aufkam, lag ausgerechnet an Ralph Siegel. Sein Titel gewann zusammen mit Gracias Song die Zwischenwertung. In einem weiteren Telefon-Voting kürten die Zuschauer dann den endgültigen Sieger. Hier spitzte sich das ganze Drama des deutschen Grand Prixs zu: Alt gegen Jung, Siegel gegen den NDR. Der Sender will den Eurovision Contest mit Macht als zeitgemäße Marke durchsetzen, da stört ein Fossil wie der 59-jährige Siegel, zumal dann, wenn es auch noch Erfolg hat. Man stelle sich vor, nicht Gracia, sondern Süssmilch und Matias hätten letztlich in der Gunst der Zuschauer vorne gelegen: Ein Rückfall in die Siebziger, mindestens.
Ein Mann hatte den Zweikampf zu diesem Zeitpunkt bereits gewonnen: Bernd Meinunger. Der langjährige Siegel-Weggefährte, 60, textete unter zwei verschiedenen Pseudonymen sowohl Gracias als auch Süssmilchs und Matias Lied. Am Ende wurde es "eine enge Nummer", wie Reinhold Beckmann meinte. Knapp 53 Prozent der Anrufer entschieden sich für Gracia, 47,2 für den Siegel-Sound.
Die neuerdings dunkelhaarige Sängerin freute sich so sehr über den Sieg, dass ihr enges Oberteil aufsprang und sie rasch eine Weste überziehen musste, bevor sie ihren Song noch einmal singen durfte. Neben Meinunger und Gracia wurde "Run And Hide"-Produzent David Brandes dritter Gewinner des Abends. Sowohl der deutsche als auch der schweizerische Beitrag für Kiew gehen auf sein Konto, denn die von Brandes betreute estnische Mädchenband Vanilla Ninja ("When The Indians Cry") tritt in diesem Jahr für die Eidgenossen an.
Nach der Show wartete draußen vor dem Tor noch eine Gewinnerin. Ein Mädchen brüllte dort jedem Herausgehenden entgegen: "Gracia, wir haben gewonnen!" Es war das Orakel von Treptow.
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