• Drucken
  • Senden
  • Feedback
27.04.2005
 

Fernsehnutzung

Unterschicht? Welche Unterschicht?

Harald Schmidts pauschale Diffamierung der privaten Programme als "Unterschichtenfernsehen" will ProSiebenSat.1 nicht auf sich sitzen lassen. Der TV-Konzern wartet mit einer Studie seiner eigenen Vermarktungsgesellschaft auf, die beweisen soll: Top-Verdiener und Bessergebildete gucken lieber privat als öffentlich-rechtlich.

ARD-Talker Schmidt: Mythos Unterschichten-TV
Zur Großansicht
DDP/ WDR

ARD-Talker Schmidt: Mythos Unterschichten-TV

München - Es kommt einem fast ein bisschen trotzig vor. Seit der ehemalige Sat.1-Entertainer Harald Schmidt in seiner ARD-Show herablassend vom "Unterschichtenfernsehen" spricht und damit die privaten Sender und ihre Programme meint, hat sich der diffamierende Begriff zum geflügelten Wort entwickelt.

Um weiteren Schaden vom Renommee der eigenen Programme abzuwenden, präsentierte der TV-Konzern ProSiebenSat.1 nun eine Langzeitstudie der hauseigenen Vermarktungsgesellschaft SevenOneMedia, die seit 1993 die Daten der Fernsehforschungsanstalt GfK ausgewertet hat und - mit Hilfe des Umfrageinstituts Forsa - jährlich bis zu 9000 Personen nach ihren Fernsehgewohnheiten befragen ließ.

Glück für ProSiebenSat.1: Die Ergebnisse der Studie lassen vom Mythos "Unterschichtenfernsehen" nicht mehr viel übrig. Glaubt man den Daten, geben Bildungsstand und Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe per se keinen Aufschluss über die TV-Präferenzen der Deutschen. Auch Top-Verdiener, Führungskräfte und "Bessergebildete" sehen Privatfernsehen, nicht selten sogar häufiger als öffentlich-rechtliche Programme. Bei den Top-Verdienern erreichen die Privaten danach einen Marktanteil von 49,4 Prozent. Bei ARD und ZDF seien sie nur mit 45,5 Prozent vertreten, hieß es am Mittwoch. Allerdings wurde bei der Auswertung lediglich die für Werbeaufträge relevante Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen berücksichtigt.

Um die Dominanz gegenüber ARD und ZDF zu belegen, werden zudem munter Äpfel mit Birnen verglichen: Der Studie zufolge verfolgen 26,7 Prozent der Top-Verdiener die Sat.1-Arztserie "Broti & Pacek", aber nur 26,5 Prozent das ARD-Politmagazin "Monitor". Die amerikanische OP-Serie "Emergency Room" liege mit 29,9 Prozent der Top-Verdiener vor der ARD-Sendung "W wie Wissen" mit 28,8 Prozent; die ProSieben-Show "Die Burg" überholte mit 22,7 Prozent sogar die ARD-Sendung "Panorama" mit 22,6 Prozent.

Bei Zuschauern mit Abitur, die unter die Gruppe "Bessergebildete" fallen, lag der Analyse zufolge die Sat.1-Serie "Edel & Starck" mit 18,7 Prozent vor dem ZDF-"Kanzleramt" mit 18,5 Prozent. Angesichts der mediokren Qualität der Mainzer Polit-Soap erscheint dieses Ergebnis noch durchaus verständlich. Dass jedoch die US-Teenieserie "O.C. California" mit 17,7 Prozent der "Bessergebildeten" vor dem ZDF-"heute-journal" (17,5 Prozent) landete, lässt staunen.

Bei der Gruppe der Arbeitslosen ließen sich ebenfalls keine pauschalen Präferenzen nachweisen. 12 Prozent der Privat-TV-Zuschauer seien den Daten zufolge ohne Arbeit, bei den Öffentlich-Rechtlichen seien es jedoch mit 11,3 Prozent kaum weniger. Beispiele für Sendungen, mit denen die öffentlich-rechtlichen Sender in der Gruppe der Top-Verdiener und Gutgebildeten vor der privaten Konkurrenz liegen, veröffentlichte SevenOneMedia allerdings nicht.

ProSiebenSat.1 nimmt die Studie indes zum Anlass, die Forderung nach einem Werbeverbot für ARD und ZDF zu erneuern. So identisch die TV-Nutzung von privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern sei, "so unterschiedlich ist die Finanzausstattung der beiden Säulen des dualen Rundfunksystems", beklagte sich ProSiebenSat.1-Vorstand Peter Christmann. Das Unternehmen verlangt eine klare Definition der Kernaufgaben von ARD und ZDF, den Verzicht auf Sponsoring und eine für alle Sender verbindliche gemeinsame Medienaufsicht.

Den deutschen Privatsendern ist die Werbung in ARD und ZDF schon lange ein Dorn im Auge. Sie reichten deshalb unlängst in Brüssel Beschwerde ein. Die EU-Kommission verlangte daraufhin von Deutschland eine Stellungnahme, die derzeit vorbereitet wird.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP