Herr Pocher, auf Ihrer Homepage bezeichnen Sie sich selber als "B-Promi". Ist das Ironie, Bescheidenheit oder Realitätssinn?
Pocher: Vielleicht eine Mischung aus allen drei Sachen.
Frage: Diese Antwort gilt nicht, die ist zu einfach.
Pocher: Okay. (überlegt) Natürlich ist es Selbstironie, weil ich die in der Branche übliche Einteilung in A-, B- und C-Prominente nicht besonders ernst nehme. Außerdem erwarten die Leute von einem B-Promi weniger als von einem aus der A-Kategorie.
Frage: Betrachtet man Ihren reinen Bekanntheitsgrad bei den Menschen auf der Straße, gehören Sie aber mittlerweile ganz sicher in die A-Klasse.
Pocher: Sicherlich haben die Media-Markt-Kampagne, die Moderationen bei den Raab-Events oder die Außenwette bei "Wetten, dass...?" dabei geholfen, einen ganz breiten Bekanntheitswert zu schaffen, den ich durch meine eigenen Sendungen nicht so schnell hätte erreichen können. Das ist aber auch ganz logisch, denn wenn der Media Markt diverse Millionen Euro in seine Kampagne buttert und die Spots kreuz und quer zur Prime-Time schaltet, löst das natürlich einen Boom aus, den meine eigenen Sachen, die zu ganz anderen Zeiten laufen, gar nicht auslösen könnten. Aber diese Spots oder auch die Stefan-Raab-Events, bei denen ich mitmache, sind ja nicht per se erfolgreich. Einer der Gründe, warum sie so gut ankommen ist sicherlich auch, dass ich daran beteiligt bin.
Frage: Mal ganz ehrlich: Wie sehr mussten Sie sich beherrschen, um nach dem Ende von Anke Engelkes Late-Night-Show nicht den Finger zu heben und zu rufen: 'Nehmt mich, ich bin euer Mann!'?
Pocher: (überlegt) Eine tägliche Late-Night ist ein spannendes Sendeformat, das auch für mich eine interessante Sache wäre. Aber ich glaube kaum, dass sich die Leute abends von einem 27-Jährigen die Welt erklären lassen wollen.
Frage: Warum sollten die Zuschauer das von einem 20 Jahre älteren Hypochonder wie Harald Schmidt wollen?
Pocher: Schmidts große Stärke in der Show sind seine Stand-up-Sachen, und da merkt man ihm einfach die große Erfahrung an, die er jahrelang als Kabarettist gesammelt hat. Diese Präsenz auf der Bühne fehlt mir noch. Bevor ich mich im Late-Night-Bereich versuche, will ich ein paar hundert Abende alleine bestritten haben. Wenn ich mir heute ältere Sachen von mir angucke, kann ich aber sagen, dass eine gewisse Erfahrung und Reife bereits dazu gekommen sind.
Frage: Interessant, dass Sie das Wort 'Reife' erwähnen. Jemand hat mal über Sie geschrieben, Sie seien mental noch nicht volljährig. Wann ist es denn soweit?
Pocher: (lacht) Ich bin mir sicher, dass über meine Sachen auch Leute lachen, die mental schon viele Jahre lang volljährig sind. Darum kann das alles nicht so falsch sein. Aber ich glaube schon, dass sich mein Humor mit dem Alter verändert und weiterentwickelt. Ich habe vor drei oder vier Jahren als Viva-Moderator noch ganz andere Witze gemacht als heute. Und das wird in zwei oder drei Jahren bestimmt noch mal anders sein. Aber es ist nun mal so: Komischerweise funktionieren die Gags unter der Gürtellinie am besten. Sobald die Witze schlicht und billig sind, hat man als Comedian sofort die Riesenlacher auf seiner Seite. Ich lege es nicht ausschließlich darauf an, aber wenn es in dieser Ecke einen guten Gag gibt, dann sollte man ihn auch machen.
Frage: Die Frage des Niveaus bezieht sich auch auf Ihre Art, den Leuten genau das ins Gesicht zu sagen, was alle anderen im gleichen Moment klammheimlich denken, sich aber nicht zu sagen wagen oder es aus Pietätgründen nicht sagen wollen. Das gibt schon mal Ärger. Aktueller Fall: Die Klage einer Frau, der Sie bei Ihrer "Wetten, dass...?"-Moderation eine Schönheits-Operation empfohlen haben.
Pocher: Ich bin nun einmal ehrlich. Und wenn ich Sachen sehe und mir was dazu einfällt, dann sage ich das auch. Das trifft mal den Nerv, mal nicht. Für die von Ihnen angesprochene Sache habe ich mich unter anderem persönlich entschuldigt.
Frage: Wenn Sie anderen Menschen auf der Straße begegnen, liegen Ihnen dann direkt und automatisch lustige oder beleidigende Kommentare auf der Zunge?
Pocher: Ich kann nicht hundertprozentig ausschalten, Leute direkt in Klischees zu drängen. Ich achte auf die Optik, auf die Art, wie sie reden und die Dinge, die sie gerade machen. Dann finde ich die bestimmten Klischees, die es ja nun einmal gibt - und im Regelfall liege ich da richtig.
Frage: Das ist ja manchmal auch nicht schwer. Sie waren zum Beispiel bei 'rent a Pocher' mal bei einem Jungen zu Gast, mit dem Sie zusammen Englisch gelernt haben. Irgendwann bekannte er sich als Fan der Böhsen Onkelz, und danach bestand der Einspieler fast nur noch aus Nazi-Gags. Ist das nicht plump?Pocher: Schon richtig, aber auch hier muss man sagen: Der Witz hat funktioniert. Klar, es gibt dann immer Zuschriften von Leuten, die sagen: 'Nicht alle Böhse-Onkelz-Fans sind rechtsradikal' - was ja auch stimmt und was ich in der Sendung direkt nach dem Film auch gesagt habe. Aber es gibt halt so Klischees, die ich nicht wieder loswerde.
Frage: Würde es Sie denn nicht einmal reizen, das Offensichtliche auszuhebeln? Den Onkelz-Fan anders darzustellen, als es das Vorurteil verlangt, und auf den schnellen Witz zu verzichten?
Pocher: Dafür haben wir in unserer ProSiebenSat.1-Sendergruppe Kai Pflaume. Der kann das Nette und Charmante aus den Leuten herausholen. Ich bin der Mann für den schnellen spontanen Gag. Natürlich weiß ich, dass hinter den Leuten persönliche Geschichten stecken. Aber es ist nicht mein Job, mich mit diesen Leuten in diesem Zusammenhang auseinander zu setzen.
Frage: Im recht frühen Stadium Ihrer Karriere sind Sie zumindest einmal aus der Rolle gefallen, nämlich als Sie 2003 in der ARD-Vorabendserie "Sternenfänger" den jungen Radiomoderator Fred gespielt haben - einen sympathischen, ruhigen, sensiblen Typen, der am Ende der Serie bittere Tränen geweint hat.
Pocher: Diese Rolle war gar nicht so weit entfernt von dem Oliver Pocher im normalen Leben. Aber man muss das trennen: In meinen Sendungen und bei den Moderationen habe ich für diese Facette keine Zeit. Die Leute, die mich dort sehen, wollen nicht, dass ich plötzlich mit Geseiere über all die schlimmen Dinge auf der Welt oder mit sonstigen Problemen um die Ecke komme. Auf der anderen Seite gehe ich aber auch in Talkshows, in denen ich länger als 30 Sekunden zu sehen bin. Dort erzähle ich auch über ernste Aspekte und gebe den Zuschauern dieser Formate die Chance, sich ein Bild von meiner Person zu machen. Auch dort versuche ich, das Beste zu geben. Das sind dann zehn Prozent meiner Auftritte, bei den anderen 90 Prozent geht es halt witzig zu.
Frage: Worauf freuen Sie sich nach einem langen Arbeitstag am meisten?
Pocher: Auf das Bett. Und gleich gegenüber steht der Fernseher. Ich schaue sehr viel, zum Beispiel mindestens ein Mal alle Shows und Serien, die neu anlaufen. Das ist eine Sache, um die ich Harald Schmidt beneide. Der schaut den ganzen Tag fern und saugt sich dann für seine Show das Beste raus. Ich komme meistens erst spät abends zum Gucken, wenn das Programmangebot in Sachen Qualität recht limitiert ist. Oft laufen dann nur noch die drei Trümpfe des Nachtprogramms: Wichsen, Quizzen, Shoppen. Aber auch woanders hat das Nachtprogramm seine schönen Seiten. "Deutschlands schönste Zugstrecken" zum Beispiel. Oder Nachrichtensendungen mit Moderatorinnen, die tagsüber nicht ran dürfen, dann in den Nacht-News aber eine ganz komische Art von Poesie in die Fußballergebnisse einbauen. Das hat schon was.
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