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25.05.2005
 

MDR-Abendprogramm

Grundversorgung mit PR-Müll - für 17,03 Euro

Von Henryk M. Broder

Wo die Privaten aufhören, fängt der MDR erst richtig an: In der "Rentner-WG" tummeln sich Senioren im "Big Brother"-Container und machen Werbung für jugendliche Schweden-Möbel. In der Magazin-Sendung "Super Illu TV" wird gleich danach für Autos, Hotels und ostdeutsche Befindlichkeiten geworben.

"Rentner-WG" des MDR: Fröhliche Kukident-Kommune
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MDR/Axel Berger

"Rentner-WG" des MDR: Fröhliche Kukident-Kommune

Seit man nicht einmal mehr in Königs Wusterhausen einen Goldbroiler bekommen kann und die gute alte Soljanka von der Chinapfanne abgelöst wurde, wird das Programm des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) immer wichtiger. Nicht weil da, wie manche Kritiker meinen, das Leben in der DDR nachträglich schöngefärbt wird, sondern weil man erleben kann, wie das Leben in der DDR heute aussehen würde, wenn der Arbeiter- und Bauernstaat nicht untergegangen wäre.

Nämlich ungefähr so, wie es in der "Rentner-WG" beim MDR zugeht. Die Doku-Soap mit fünf Senioren trägt den Untertitel "Da fängt das Leben an!" und ist das öffentlich-rechtliche Pendant zum "Big Brother"-Container auf RTL2, nur dass es in der Kukident-Kommune noch langweiliger zugeht, denn es fehlt ein wesentliches Element, das die teilnehmende Beobachtung für die Zuschauer spannend macht: Sex.

Bei den Rentnern wird nur geredet und sublimiert. Udo und Walter versuchten in der letzten Folge (gestern Abend, 20.45 Uhr) ein Telefon anzuschließen (das heißt, den Stecker und die Steckdose miteinander zu verbinden) und machten dabei erstaunliche Entdeckungen: "Für das Telefon brauchst du keinen Strom." Später kämpften sie dann im Keller gegen eine Waschmaschine mit "rhythmischen Störungen" und warteten geduldig auf den "Schleudergang", wobei sich das, was man durch das Bullauge der Waschmaschine sehen konnte, nicht sehr vom Rest der Handlung unterschied.

Senioren-Runde im MDR: Subtile Anspielungen auf Sex im Alter
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MDR/Axel Berger

Senioren-Runde im MDR: Subtile Anspielungen auf Sex im Alter

Schließlich brachen die beiden noch zu einer Segelpartie auf, wobei sie "ohne Wind segeln" mussten. Auch dies eine subtile Anspielung - entweder auf das Leben in der DDR oder Sex im Alter. Die Frauen machten sich derweil um das Kollektiv verdient. Margarete kochte "Beinchen", Udos Leibspeise, und Marianne, eine ehemalige HO-Verkäuferin, führte Selbstgespräche und gleichzeitig die WG-Kasse.

Das war so erfrischend und spontan wie eine Ansprache von Egon Krenz bei einem Fest der Jungen Pioniere in Angermünde. Doch irgendetwas stimmte nicht bei dieser Vorstellung einer post-sozialistischen Idylle mit sechs Helden der ewigen Freizeit. Was es war, wurde erst beim Nachspann klar. Da stand: "Mit freundlicher Unterstützung von Ikea". Klar: Rentner wohnen nicht so! Die Einrichtung stimmte nicht! Das heißt, sie stimmte schon, denn die Senioren waren natürlich nur der Vorwand, um die schwedischen Möbel zeigen zu können. "Product-Placement" pur. Man hätte das Programm also nicht "Da fängt das Leben an!" nennen sollen, sondern "Wohnst du noch oder stirbst du schon?".

Härter wurde es dann gleich im Anschluss an die "Rentner-WG" mit der Magazin-Sendung "Super Illu TV" (21.15 Uhr). Die "Super Illu" ist die beliebteste Illustrierte in den fünf neuen Ländern. In der letzten Ausgabe berichtete sie unter anderem über Ehemänner, die Amok laufen, über Heike Drechsler, die mit 40 noch ein Kind bekommen möchte, und über einen Musiker namens Reinhard Lakomy, 59, der in der Ex-DDR unter seinem Künstlernamen "Lacky" offenbar so bekannt ist, dass nicht mal gesagt wird, welche Art von Musik er macht.

"Super Illu TV"-Moderator Soost: "Wie ist das mit dem Sex auf dem Bett, wenn es wackelt?"
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MDR/Axel Berger

"Super Illu TV"-Moderator Soost: "Wie ist das mit dem Sex auf dem Bett, wenn es wackelt?"

Aber darauf kommt es nicht an. Es geht darum, dass "Lacky" am Vatertag mit 1,5 Promille im Blut ("Ich hatte so vier, fünf Bierchen getrunken") seine Motorjacht "Nixen" gesteuert hatte und dabei von der Wasserschutzpolizei erwischt worden war. Diese Geschichte ist so wichtig, dass sie nicht nur im Heft gedruckt, sondern auch in "Super Illu TV" nacherzählt werden musste. Moderator Detlef D! Soost, ehemals Casting-Schinder bei ProSieben ("Popstars"), besucht "Lacky" auf seinem Schiff. Der bestreitet nicht, dass er mehr Bier im Blut hatte, als die Polizei erlaubt, sagt aber zu seiner Rechtfertigung: "Alle wissen, dass auf dem Boot gesoffen wird." Na dann.

Nebenbei erfahren wir, dass die Jacht "ohne die Extras" 250.000 Mark gekostet hat, also schon ein wenig älter ist. Ein weiteres Beispiel für die Benachteiligung, mit der die Ostdeutschen leben müssen. Zu den Extras an Bord gehört immerhin auch ein Wasserbett. "Wie ist das mit dem Sex auf dem Bett, wenn es wackelt?", möchte Soost wissen. "Dann brauchst du nichts mehr selber zu machen", antwortet "Lacky" und hat sich damit für den nächsten freien Platz in der Rentner-WG qualifiziert.

In einem anderen Beitrag begleitet "Super Illu TV" den "Glücksboten" der Lotto-Gesellschaft zu den Gewinnern. Allein in Sachsen-Anhalt gibt es inzwischen 60 Lotto-Millionäre, in Brandenburg kamen in diesem Jahr fünf neue dazu. Das ist doch mal eine Information, mit der man etwas anfangen kann. Aber das ist noch lange nicht alles: Der "Glücksbote" ist mit einem VW unterwegs und der Wagen sehr oft im Bild. Das VW-Zeichen auf der Nabe des Lenkrads gibt es einmal sogar in Nahaufnahme zu sehen. Product-Placement auch hier? Kaum anzunehmen, jedenfalls kommt VW im Abspann der Sendung nicht vor.

Dafür wird für ein anderes Produkt umso ungenierter geworben. Das erste "Baumkronenhotel" in der Lausitz, das, wie es der Zufall will, im Juni aufmacht. Der Besitzer, ein Holzbildhauer, ist "bodenständig und warmherzig geblieben", außerdem nimmt er für ein Zimmer nur 35 bis 45 Euro. Die Leitern, mit denen die Gäste in luftige Höhe steigen müssen, sind im Preis inbegriffen.

Apropos Preis: Für die "Super Illu" muss man am Kiosk 1,20 Euro bezahlen. Das ist in Ordnung für 92 bunt bedruckte Seiten mit Ratgebern zu den Themen Auto, Reise, Küche, Recht, Gesundheit und Geld. "Super Illu TV" dagegen gibt es umsonst - wenn man von den 17,03 Euro absieht, die der Zuschauer jeden Monat für die Grundversorgung mit PR-Müll bezahlen muss.

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