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16.06.2005
 

Zukunftsvisionen

Günther Jauch und das Sim-TV im Jahre 2050

Im Jahr 2050 gilt Fernsehen als ein ehemals populäres, audiovisuelles Verteilmedium. Günther Jauch ist 94 Jahre alt und scheut dennoch nicht die Mühe, ein Interview zu geben. Darin erinnert er an seinen ersten Avatar, frei herunterladbare Jauch-Patches und die Dominanz panasiatischer Kulturen.

In Günther Jauchs Leben spiegelt sich ein dreiviertel Jahrhundert Mediengeschichte. Seine Karriere begann Jauch als jüngster Sportreporter beim Bayrischen Rundfunk, einem durch öffentliche Infotainment-Maut finanzierten Regionalsender, der ausschließlich akustische Signale übertrug.

Mit 29 wechselte Jauch zum damals populären audiovisuellen Verteilmedium Fernsehen und wurde in den 1990er und 2000er Jahren zu einer Ikone der deutschen Unterhaltung. Schon in den 20er Jahren entdeckte er die Potenziale des Sim-TV und ist immer noch einer der populärsten Entertainer. Er lebt seit mehr als einem halben Jahrhundert mit seiner Partnerin Thea in einer Villa in Potsdam. Günther Jauch hat vier Töchter, sechs Enkel und drei Urenkel.

Frage:

Kompliment, Herr Jauch: Für jemanden, der auf die 94 zugeht, sehen Sie ziemlich vital aus! Ihrem Image als "ewiger Lausbub" entsprechen Sie offenbar immer noch.

Antwort: Ja, ich habe Glück gehabt! Außer einem Bauchspeicheldrüsen- Implantat und neuen Hüftgelenken bin ich bisher um aufwändige Erneuerungsmaßnahmen herumgekommen. Auch wenn mir das niemand glaubt: Verjüngungsinjektionen hatte ich bisher nicht nötig. Ich lehne das im Übrigen auch strikt ab.

Frage: Jung geblieben sind Sie auch als Entertainer. Sie gelten als einer der Pioniere des Sim-TVs und sind heute immer noch so präsent wie vor fünfzig Jahren - wenn auch nicht so sehr als realer Günther Jauch, sondern eher als Jauchfigur. Wie erklären Sie sich den anhaltenden Erfolg?

Antwort: Wahrscheinlich hatte ich einfach einen guten Riecher.

Frage: Warum hatten Sie den und andere nicht?

Antwort: Ich glaube, es liegt daran, dass ich mich schon Anfang des Jahrhunderts intensiv mit dem beschäftigt habe, was man damals "Neue Medien" nannte. 2004 gab es da ein Ereignis, das inzwischen längst vergessen ist. Aber mich hat es sehr beeinflusst. Ich spreche von der Wahl zur Miss Digital World - ein Schönheitswettbewerb zwischen aus heutiger Sicht ziemlich primitiven weiblichen Computeranimationen.
Das Interessante an dieser Wahl war, dass die Siegerin einer chilenischen Schauspielerin nachempfunden war. Das hat mich auf die entscheidende Idee gebracht, meine Popularität auf eine virtuelle Figur zu übertragen.

Frage: Aber die technischen Möglichkeiten waren damals doch noch völlig unzureichend.

Günther Jauch: Im Jahr 2050 nur noch Vorlage für Avatar?
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AP

Günther Jauch: Im Jahr 2050 nur noch Vorlage für Avatar?

Antwort: Das stimmt. Aber die Idee war geboren. Meine Produktionsfirma hat sich in den folgenden Jahren intensiv mit den Prinzipien personaler Markenführung im virtuellen Raum beschäftigt. Als dann die Technologie weit genug war, hatten wir die entsprechenden Konzepte in der Schublade und schon jede Menge Erfahrungen gesammelt. Angefangen haben wir mit Scan-Montagen: Wir haben eine Unmenge von Scans von mir produziert und schließlich einen ziemlich echten Günther Jauch hinbekommen (lacht). Es gab jede Menge Standardsituationen: Jauch ironisch, Jauch provozierend, Jauch mit aufklärerischem Zeigefinger. Wir haben dann in unserer Quizshow echte Kandidaten mit einem virtuellen Moderator kombiniert.

Frage: Der Erfolg war anfangs eher bescheiden.

Antwort: Weil wir noch nicht verstanden hatten, dass die Zuschauer die Figur des Moderators selbst gestalten wollen. Die Verschmelzung von Medienkonsum und Medienproduktion war damals noch ganz am Anfang. Die erweiterbare Jauch- Basisfigur war dann der Schlüssel zum Erfolg. Sie können mir glauben, dass es in den 20er Jahren ziemlich gewagt war, dem Zuschauer so weitreichende Eingriffsmöglichkeiten einzuräumen.
Ich glaube, es war 2025, als die ersten Jauch-Patches zum Download freigegeben wurden. Mit diesen konnte man die Jauch-Basisfigur auf vielfältige Weise selbst profilieren. Parallel haben wir schon damals angefangen, eine Datenbank mit Vivips, also "Very important virtual Proms", aufzubauen. Wir hatten eine Kernerfigur, eine Beckmannfigur, eine Dellingfigur - heute sind das längst vergessene Namen, wir haben damals aber nicht schlecht daran verdient (lacht). Auch an Interviewpartnern und Ratekandiaten haben wir ein vielfältiges Portfolio menschlicher Archetypen aus allen Altersgruppen und sozialen Milieus entwickelt. Natürlich ist das alles mit den Standards der heutigen virtuellen Jauch-Show nicht zu vergleichen.

Frage: Ihr virtueller Erfolg seit Mitte der 20er Jahre kam Ihnen wahrscheinlich nicht ungelegen. Ihr ursprüngliches Metier ist damals in eine tiefe Krise geraten.

Gerhard Delling: "Längst vergessene Namen"
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DDP

Gerhard Delling: "Längst vergessene Namen"

Antwort: Ja, bis vor 40 Jahren war ich mit meiner Fernseh-Sendung "Wer wird Millionär" sehr erfolgreich. Wir befanden uns damals auf dem Zenit der "Informationsgesellschaft". Wissen galt nach dem Industriezeitalter als Synonym für Zukunft und Erfolg. Und irgendwie hatte es auch eine sportliche Komponente, auf möglichst vielen Wissensgebieten gleichzeitig zu reüssieren. Als dann plötzlich eine internationale Bildungsstudie zu dem Schluss kam, dass unsere Jugend im internationalen Vergleich allenfalls im unteren Mittelfeld rangiert, stachelte das den Ehrgeiz der Rate-Nation erst recht an. Das Land der Dichter und Denker! Dumm wie Brot! Das wollte natürlich niemand auf sich sitzen lassen.

Frage: Dann aber begann der Niedergang der großen Quiz-Shows. Was war geschehen?

Antwort: Tja, das war schon schade, aber letztlich ließ sich der Lauf der Dinge nicht aufhalten. Damals fing Information nach und nach an, ständig ohne großen Aufwand verfügbar zu sein. Entsprechend sank natürlich die Bedeutung von auswendig gelerntem Faktenwissen. Es war einfach nichts Besonderes mehr, spontan Fragen nach dem Fortpflanzungsverhalten der Drosophila-Fliege oder der korrekten geografischen Lage der - inzwischen leider versunkenen - Malediven richtig beantworten zu können.
Letztlich sind wir dann von zwei parallelen Entwicklungen zerrieben worden: Einerseits von der zunehmenden Dominanz der panasiatischen Kulturen mit ihrem ungebremsten Cyber-Spieltrieb, andererseits vom wachsenden Einfluss höchst heterogener weltanschaulicher Erweckungsbewegungen aus dem arabischen und nordamerikanischen Raum, die mit unseren Programminhalten ohnehin nichts anzufangen wussten. Zum anderen starb uns unsere angestammte Zielgruppe, die Baby-Boomer-Generation der 1960er Jahre und deren paar wenige Kinder, nach und nach weg.

Frage: Hand auf's Herz, Herr Jauch: Einem Kultmoderator wie Ihnen muss der direkte Kontakt zum Publikum doch fehlen!

Antwort: Ach wissen Sie, die vielen Jahre im Studio haben mich auch etwas ermüdet. Ausserdem habe ich ja den Kontakt noch - nur eben nicht mehr so oft. Ich bin zufrieden, wenn ich zweimal im Jahr als Zeremonienmeister eines der Real-Rituale im Stadion begleiten kann. Diese realen Jauch-Auftritte sind übrigens nach wie vor ganz wichtig für den Erfolg der Jauchfigur. Und ich meine, sie erfüllen noch eine weitere wichtige Funktion: Von Zeit zu Zeit verspüren die Menschen eben einen unwiderstehlichen Drang, sich selbst zu feiern. Dafür brauchen sie eigentlich nur sich selbst in der Masse - und die Medien als Katalysator.

© Z_Punkt The Foresight Company

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