Von Daniel Haas
Die Besucherzahlen der Kirchen gehen zurück. An mir kann es nicht liegen. Ich gehe oft in die Kirche, vorzugsweise in der Mittagspause. Zum Glück ist die Hauptkirche St. Jacobi gleich um die Ecke. Mein Job ist hart, Internet, immer dallidalli und ratzfatz, gäbe es St. Jacobi nicht, wo ich zur Ruhe komme, wenigstens für 15 Minuten am Tag, dann wär' ich schon hinüber. Wenn die Frage lautet Kantine oder St. Jacobi, zögere ich keinen Moment. Eine Viertelstunde auf meinem Lieblingsplätzchen, fünfte Reihe von hinten, ein bisschen den Touristen lauschen, vertrauenswürdigen älteren Damen und Herren, die Sachen wie "Ach, ja, die Neugotik!" sagen, das gibt mir Hoffnung.
Aber jetzt kommt die Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz und meint: Die Kirchen müssen umgestaltet werden, damit sie nicht mehr so leer ausschauen. Denkbar sei eine Reduzierung der Sitzbänke, um den Gläubigen nicht die sinkende Teilnehmerzahl vor Augen zu halten. Auch eine Abtrennung kleinerer Räume sei möglich.
Sitzbänke raus? Was ist denn das für Teufelszeug? Womöglich meine Reihe fünf, dort, wo bei den Mittelplätzen das Gebetbuchabstellbrett so schon abgegriffen ist, das ich immer denke, wer weiß, welche vom Getippe verkrampfte Journalistenhand sich hier schon festgekrallt hat. Überhaupt: Wieso müssen denn die Gläubigen optisch geschont werden? Ich habe gar kein Problem mit der Größe der Kirche; wenn man alles in kleine Einheiten abteilt, kann ich auch gleich nach Hause in mein Ein-Zimmer-Apartment gehen. Und am Ende fällt noch das Echo weg, und dann wird es gemütlich wie im Teppichhaus - so ein Unsinn. Das ungemein festliche Nachhallen der Schritte, das Flüstern, das so eine geheimnisvolle Tiefe bekommt, das wird dann nicht mehr sein. "Sie wollen in die Kirche? Tut mir leid, es sind schon zwei drin" - wer will so was hören?
Teile des Kirchenschiffes, der Chorraum oder Seitenkapellen könnten zudem mit Glaswänden, Falttüren, Vorhängen oder Gittern abgetrennt werden. Neue Nebenräume seien etwa für Kinder, Wortgottesdienste, Beichtzimmer, Gruppenräume, Foyers oder Lagerräume nutzbar. Glaswände? Und was ist hinter den Glaswänden? Der Rest der Kirche, als Mahnung an die Kirchenfaulenzer: Schaut, so groß war euer Gotteshaus mal, aber ihr wolltet ja nicht, tja, Pech ihr Agnostiker!
Oder Falttüren: Das wird niemals gut gehen. Die meisten Leute haben schon ein Problem, einen Falkplan unversehrt zusammenzukriegen, wie soll das in der Kirche funktionieren? "Entschuldigung, helfen sie mir mal bitte, ja? Ich muss den Rückschiebehömel noch in die Bodenschiene schnarzen": Ich will so was nicht erleben, schon gar nicht, wenn ich mich metaphysisch betätige. Gitter finde ich übrigens vollkommen indiskutabel. Das ergibt dann so eine Ghetto-Ästhetik mit Maschendrahtzaun, fehlen nur noch die brennenden Mülltonnen.
Der radikalste Weg, das "Problem der leeren Kirche" (Agenturwortlaut) zu lösen, sei der Abriss der alten Kirche und ein kleinerer Neubau. Auch eine Verkleinerung des Raumes durch einen Teilabriss und Teilneubau oder einen Rückbau sei möglich. Der letzte Rückbau, den ich mitverfolgt habe, war der von Wohnanlagen in Mecklenburg-Vorpommern. Allein dass ich jetzt mit dieser Assoziation leben muss, finde ich unverzeihlich. Ein Abriss ist einfach zynisch: Kirche, jetzt auch zum Wegschmeißen. Ich reiß ja auch nicht meine Bude ab, nur weil bei der Geburtstagsparty zu wenig Leute vorbeischauen.
Vielleicht ist das alles aber nur eine konfessionelles Problem: Es sind ja die Katholiken, die wegbleiben. Die Vorschläge der Arbeitsgruppe für kirchliche Architektur und sakrale Kunst der Liturgiekommission bezogen sich auf den Horror vacui der traurigen 15 Prozent der Papstanhänger, die noch in die Kirche kommen. Mir kann also keiner was. Ich bin Protestant. Meine Kirche bleibt. Leer.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH