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20.07.2005
 

Schleichwerbung

Verbraucherschutz protestiert gegen EU

Wenn sich Product Placement sowieso in die Programme einschleicht, wieso nicht gleich die bisherige Trennung von Werbung und Inhalt kippen? Einen ersten Vorstoß in diese Richtung machte bereits EU-Kommissarin Viviane Reding - und brüskierte damit den Verbraucherschutz.

Berlin/Brüssel - Ist es eine Zuspitzung? Oder eher eine Ausweitung? Der deutsche Schleichwerbungsskandal dehnt sich in beide Richtungen aus: an die Führungsspitzen der Produktionsfirmen und auf die Breite des Programmangebots der Sender. Nachdem die Bavaria bereits letzte Woche ihren Chef Thilo Kleine entließ, stellte der WDR gestern Strafanzeige gegen den bereits gefeuerten Geschäftsführer der Produktionsgesellschaft Colonia Media, Frank Döhmann. Verdacht auf Betrug und Untreue lautet der Vorwurf. Colonia Media ist eine hundertprozentige Tochter der Bavaria Film, die für illegale Schleichwerbung in den ARD-Serien "Marienhof" und "In aller Freundschaft" verantwortlich zeichnet.

Auf Programmebene rollen keine Köpfe, sondern ganze Formate: 67 Sendungen und zwei Serien hat der WDR vorsorglich sperren lassen. Intendant Fritz Pleitgen sprach gestern von einer "schweren Schädigung", weil ein Programmvermögen von grob gerechnet 75 Millionen Euro brachliege, bis die betroffenen Filme und Serien geprüft worden sind.

Pragmatismus aus Brüssel

Die EU reagiert überraschend pragmatisch auf das Debakel: Wenn es nach Kommissarin Viviane Reding geht, soll die strenge Vorschrift, dass Sender Werbung und Programm trennen müssen, gekippt werden. Eine deutliche Kennzeichnung der Werbung wäre ausreichend - wie dies allerdings aussehen soll, ist bislang unklar.

Die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat heute vor den Plänen Redings gewarnt. Der Verband bezieht sich mit seiner Kritik auf ein von Reding in diesem Monat vorgelegtes Konsultationspapier für die geplante Überarbeitung der Richtlinie. Darin führte Reding zum Schleichwerbeverbot "viele Sachverständige und Beobachter" an, die bezweifelten, "ob die Aufrechterhaltung dieses Verbots noch sachdienlich ist".

Bei einer teilweisen Lockerung des bisherigen generellen Verbots der Schleichwerbung befürchtet der vzbv "einen Dammbruch für die Presse- und Informationsfreiheit". Die Zuschauer müssten sich auch künftig darauf verlassen können, dass über Dinge berichtet werde, die gesellschaftlich oder politisch relevant seien, so vzbv-Vorstand Edda Müller: "Eine Aufhebung des Schleichwerbeverbots wäre das Ende der redaktionellen Freiheit von Drehbuchautoren und Journalisten."

Die jüngsten Skandale zeigten, dass das Verbot durchgesetzt werden müsse, anstatt es abzuschaffen. Zwar wolle die EU-Kommission die Einflussnahme der Werbeträger auf den Programminhalt verhindern. Dieses Verbot wäre aber in der Praxis kaum durchsetzbar, so der vzbv.

Bislang sind die Beschränkungen für TV-Werbung klar festgelegt. So gilt eine Höchstgrenze von Werbung pro Tag, die sich auf ein Fünftel der Werbezeit beläuft. Pro Stunde darf maximal zwölf Minuten lang geworben werden; auch die Abstände, in denen Filme, Serien, Shows und andere Formate unterbrochen werden dürfen, sind geregelt. Weil vielen Zuschauern diese Menge an Werbung mittlerweile zu viel ist, schalten sie immer häufiger um: aufs Pay-TV oder gleich auf den DVD-Recorder. Die Werbetreibenden reagieren mit verstärktem Druck auf die Programmmacher, sie wollen ihre Produkte direkt im Programm platzieren, weil es dort ein glaubwürdiges Umfeld gibt. Fragt sich nur, wie lange noch.

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