Von Tobias Rapp
Am Ende waren sie dann doch nicht da, Kate Moss und Pete Doherty, die Schöne und der Freak, das Glamourcouple von Popbritannien, das Supermodel und der Sänger der Band Babyshambles. Und selbst wenn - in dem riesigen Durcheinander der Releaseparty der deutschen Ausgabe des Lifestyle-Magazins "Vice" am vergangenen Samstag in einer alten Tabakfabrik im Ostberliner Stadtteil Pankow hätten sie sogar irgendwo auftreten können - und wären gar nicht aufgefallen zwischen den Hunderten von Hipstern, die sich um die wenigen Umsonst-Drinks balgten und ansonsten viel Zeit in aggressiven Zusammenrottungen vor Eingangs- und Klotüren zubrachten.
Dabei hätten sie so gut zusammengepasst. Der schwer drogenabhängige Rockstar, der zur Freude der britischen Musikpresse im vollen Wissen um die Lächerlichkeit seines historischen Wiederholungszwangs noch einmal das gesamte Zeichenfeld des Rock'n'Roll durchläuft - vom handgreiflichen Streit mit den Bandkumpanen über Ärger mit Drogendealern und zerstörte Hotelzimmer bis zu abgesagten Konzerten und verzweifelten Liedern über den ganzen Dreck, in dem man als Rockstar sich zu wälzen gezwungen ist.
Und dazu das Lifestyle-Magazin, dessen Macher ebenfalls ganz gut verstanden haben, dass die Posen popkultureller Rebellion zwar seit langem keinen Sinn mehr machen, das Bedürfnis nach ihnen aber weiter besteht.
Wenn man sich so umblickte, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, als sei das Chaos der Releaseparty ohnehin beabsichtigt. Ein paar nach Schlägereien Schwerverletzte, am Eingang Zerdrückte oder überdosiert auf dem Klo Zusammengebrochene hätten der Markteinführung eines Magazins bestimmt gut getan, das im englischsprachigen Raum bestens davon lebt, unnützes Wissen mit dem permanenten Tabubruch zu verbinden, und nun in Deutschland reüssieren möchte.
Mitte der Neunziger wurde "Vice" im kanadischen Montreal gegründet. Seinen Siegeszug trat es jedoch erst 1999, nach dem Umzug der Redaktion nach New York an. Das Konzept ist einfach: Erstens ist das Heft kostenlos und liegt in Modeboutiquen, Plattenläden und Skatergeschäften aus. Zweitens widmet es sich mit traumwandlerischer Sicherheit den Themen, aus denen sich ein nicht unbeträchtlicher Teil der männlichen Metropolenbewohner zwischen 20 und 40 seine Identität zusammenzimmert: Turnschuhe, Schallplatten, Comics, Internet, Pornographie. Dass "Vice" diese Dinge nicht wirklich ernst nimmt, ist erst das Zeichen wahrer Kennerschaft. Und drittens hat sich das Heft darauf kapriziert, es auf dem Rücken des ewigen Pappkameraden der Political Correctness noch einmal so richtig krachen zu lassen.
Das ist streckenweise wirklich komisch, vor allem in den "Dos and Don'ts"-Listen, seitenlangen Aneinanderreihungen von auf der Straße aufgenommenen Fotos, die mit beleidigenden Kommentaren versehen sind (mitunter wird auch jemand gelobt). Die Überbietungslogik, die sich hier schon andeutet, dominiert das ganze Heft: Die Welt ist krass, Alter, guck mal, was es im Internet für kranke Seiten gibt. In England hat man für dieses Magazinkonzept den Begriff Ladism erfunden, nach dem "Lad", dem heterosexuellen Städter mit Zeit und Geld zur Identitätsschrauberei. Interessanterweise schaut dieser Lad bei "Vice" ständig zu seinen schwulen Altersgenossen herüber, wahrscheinlich, weil er dort einen Verbündeten gegen falsche Prüderie wittert.
Mit diesem Programm hat es "Vice" in den USA zu einem kleinen Lifestyle-Imperium aus Klamottenläden und einem Plattenlabel gebracht. In Deutschland wird daraus aber wohl nichts werden. Dafür ist die deutsche Ausgabe schlicht zu erbärmlich. Nicht nur, weil es ein ziemliches Armutszeugnis ist, dem Leser in den "Dos and Don'ts" Bilder zuzumuten, die schon vor Jahren in der amerikanischen Ausgabe zu sehen waren, oder weil die Geschichte über die "Gaystapo", angebliche Treffen von schwulen Skinheads, die sich in Berliner Diskotheken verabreden, um sich gegenseitig zu vergewaltigen und zusammenzuschlagen, hart an der Grenze der üblen Nachrede entlangschrammt - es sind immerhin real existierende Orte, denen "Vice" nachsagt, dort habe es beim sexuellen Nahkampf schon Tote gegeben.
Es funktioniert vor allem deshalb nicht, weil die "Vice"-Macher zu feige sind. Natürlich muss ein deutsches Tabubrecherheft die deutsche Vergangenheit vorkommen lassen. Dass die Redakteure aber nicht in der Lage waren, dafür tatsächlich irgendeinen Autor mit Gefühl für die hiesigen Sensibilitäten zu engagieren, erstaunt bei dem Wind, den sie um ihr Heft machen. Stattdessen ließen sie einen lachhaften Text über "Hippiefaschisten" aus der amerikanischen Ausgabe übertragen, der seine fehlende These auch nicht durch die miserable Übersetzung wettmacht. Man kann ja von der Frankfurter Schule denken, was man will, aber zu behaupten "als WW2 kam, bekamen die Frankfurter Panik und zogen nach Amerika" ist von einem nur schwer zu übertreffenden Verstrahlungsgrad, um im "Vice"-Diktum zu sprechen. Gerade in der "Vice"-Logik gedacht, wäre da mehr möglich gewesen.
Aber geschenkt: Inhaltliche Kritik an "Vice" geht ohnehin von vornherein fehl. Es ist das Magazin für den viertelgebildeten Möchtegernbohemien, der wartet, dass was passiert. Dass Pete Doherty sich endlich eine Überdosis gibt. Irgendwas. Hauptsache krass.
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