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05.08.2005
 

Saban-Deal

Such den Juden

Von Henryk M. Broder

Ein deutscher Medienjournalist erklärt seinen Lesern den Deal zwischen Springer und Saban. Seine Argumentation demonstriert eine erstaunliche Kontinuität: Die Trennung zwischen schaffendem arischen und raffendem jüdischen Kapital.

In den USA gibt es "Dr. Ruth", sie beantwortet Fragen ihrer Leser zu sexuellen Notlagen, schreibt über Wechseljahre bei Frauen und Erektionsprobleme bei Männern. In Deutschland ist es ein älterer DJ, der "Dr. Motte" heißt und gerne über den Zusammenhang von Musik, Liebe und Frieden philosophiert; seit einiger Zeit gibt es auch einen "Dr. med.", der in der virtuellen Sprechstunde des anerkannten Medienmagazins "Medium Magazin" regelmäßig "drängende Fragen der Branche" beantwortet.

"Dr. med." Oliver Gehrs hat sich darauf spezialisiert, Zusammenhänge zu analysieren, Hintergründe auszuleuchten, Verschwörungen aufzudecken. In der jüngsten Ausgabe des Magazins beschäftigt er sich mit der Frage: "Warum will Haim Saban eigentlich an Springer verkaufen?" Menschen, die sich im Mediengewerbe nicht so gut auskennen wie Oliver Gehrs, würden die Frage vermutlich sehr einfach beantworten: "Weil Saban Kasse machen will." Er hat aus der Konkursmasse von Leo Kirch einige Stücke günstig eingekauft, die inzwischen im Wert gestiegen sind, und nun will er sie mit Gewinn verkaufen. So ist das eben im Kapitalismus. So machen es alle. Der Unternehmer heißt deswegen Unternehmer, weil er etwas unternimmt. Unternimmt er etwas, das keinen Gewinn, sondern einen Verlust nach sich zieht, geht es ihm so wie Leo Kirch oder Jürgen Schrempp: Er muss Konkurs anmelden oder wird grußlos abserviert.

Darf man im KZ nicht telefonieren?

Die spezielle Frage, warum Saban nicht nur verkaufen, sondern "an Springer" verkaufen will, könnte man auch dahingehend beantworten, dass Springer das nötige Kapital hat und seine Geschäfte ausbauen möchte, während die "taz" nicht genug Geld und Oliver Gehrs aufgrund seiner Sprechstunde nicht genug Zeit hat, um als TV-Unternehmer tätig zu werden. Und so bleibt es bei der bewährten Arbeitsteilung: Saban kauft und verkauft, und Gehrs erklärt, warum er es tut. Erstens, weil Saban Jude ist, zweitens weil er politische Interessen hat.

Die Verbindung der beiden Faktoren hält Dr. med. Gehrs für höchst bedenklich. Saban, schreibt er, habe nach seiner Flucht aus Ägypten nach Israel zusammen "mit einem Zuhälter und einer Prostituierten" in einer Wohnung gewohnt. Das ist eine echte Enthüllung, die dem Leser subtil signalisieren soll, bei wem Saban sein Handwerk gelernt hat. Und so geht es weiter: Saban stand "mit seinem Mobilfunktelefon mitten im Konzentrationslager Dachau", als ihn die Nachricht erreichte, dass er den Zuschlag für die Sendergruppe ProSiebenSat1Media AG bekommen hatte. Was, lieber Dr. med., ist daran verwerflich? Darf man heute kein Handy in ein KZ mitnehmen? Muss man, wie vor Jahren, Postkarten schreiben, die über das Rote Kreuz befördert werden und nicht mehr als 12 Worte enthalten dürfen? Oder will Gehrs damit sagen, dass einer wie Saban überall Geschäfte macht, sogar "mitten" in einem KZ?

Saban ist alles zuzutrauen

Saban ist alles zuzutrauen, denn "er spendet Millionen für die Demokraten und hat eine Forschungsstätte für Politik im Mittleren Osten eingerichtet". Und auch sein "Engagement in Deutschland ist wohl alles andere als unpolitisch". Statt aber selber zu sagen, was Saban bezweckt, zitiert Gehrs die "New York Times", die gemutmaßt hatte, "Saban halte Deutschland für zu israelkritisch". So spielt Dr. med. Gehrs über Bande. Er insinuiert einen Verdacht, den er mit einer Spekulation belegt, die er mit dem Wörtchen "wohl" absichert.

Wenn Volkswagen die britische Marke Rolls Royce aufkauft, wenn Mercedes den Autobauer Chrysler übernimmt, wenn deutsche Verlage im Osten investieren, wenn Bertelsmann in den USA akquiriert, wenn die Taiwanesen bei Siemens zugreifen, geht es immer unpolitisch zu. Nur Saban hat etwas anderes im Sinn. Er kauft bei Kirch und verkauft an Springer, denn Springer hat "die Solidarität mit Israel in seinen Statuten verankert".

Und für alle, die es bis hierher noch nicht verstanden haben, dass Saban der Shylock unserer Tage ist, lässt Gehrs ganz am Ende die Katze aus dem Sack: Nach Sabans Ausscheiden könnte Sat.1-Chef Roger Schawinski "für Kontinuität sorgen - er ist wie der Tycoon jüdischer Abstammung". Das ist nicht ganz richtig. Schawinski ist, sowohl nach den Nürnberger Gesetzen als auch nach der Halacha nicht "jüdischer Abstammung" sondern "Volljude". Mit Saban hat er außerdem gemeinsam, dass er ein tüchtiger Unternehmer ist, er war der erste, der ein privates Radio in der Schweiz gestartet und damit viel Geld verdient hat.

Virtuelle gelbe Sterne

Gehrs hat aber nur den Juden im Auge. Er verteilt sozusagen virtuelle gelbe Sterne an Leute, die sich anmaßen, etwas zu tun, was nach Gehrs Ansicht nur Nichtjuden tun dürfen: Kaufen und verkaufen und dabei Gewinne machen. Dass es ein "schaffendes" (arisches) und ein "raffendes" (jüdisches) Kapital gibt, dass Geld gut und schlecht sein kann, je nachdem wer es hat, das haben schon die Nazis gepredigt. Und jetzt kommt Dr. med. Oliver Gehrs und sorgt auf seine Art für Kontinuität. Schade ist nur, dass Springer-Chef Mathias Döpfner kein Jude ist.

Man kann nicht alles haben, aber wenn sich Gehrs richtig Mühe gibt, wird er auch bei Döpfner eine jüdische Oma oder einen jüdischen Opa finden; ein bisschen "jüdische Abstammung" hat fast jeder. Dr. med. wird's wohl richten.

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