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29.08.2005
 

Krimiserie "CSI: NY"

Schichtarbeiter der Aufklärung

Von Christian Buß

Sie sind unscheinbar, professionell bis zur Zwanghaftigkeit, ihr Leben besteht aus kleinteiliger Puzzlearbeit: Die Ermittler der Krimi-Serie "CSI" taugen eigentlich nicht zum Helden. Warum begeistern sie dann ein Millionenpublikum? Ein Erklärungsversuch anlässlich der heute bei Vox startenden ersten Staffel von "CSI: New York".

"CSI: NY"-Stars Sinise, Melina Kanakaredes: Leichenschnippler als Helden
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"CSI: NY"-Stars Sinise, Melina Kanakaredes: Leichenschnippler als Helden

Im Grunde genommen sind sie eine bessere Putzkolonne. Der Mord ist geschehen, sie sammeln die menschlichen Überreste ein und wischen das Blut weg. Dass die Frauen und Männer der Abteilung Crime Scene Investigation (CSI), also jene Polizeibeamte, die für die Untersuchungen des Tatorts verantwortlich zeichnen, einmal zu den Stars eines eigenen Krimi-Genres aufsteigen würden, hätte wohl vor fünf Jahren niemand für möglich gehalten.

Doch dann kam die US-Serie "CSI" und entwickelte sich sowohl in Amerika als auch in Deutschland zu einem Quotenhit. Erst wurde nur in Las Vegas ermittelt, später eröffnete man ein weiteres Fernsehrevier in Miami, und jetzt gibt es auch noch eine Dependance in New York. In den USA sollen im Schnitt über 25 Millionen Menschen zuschauen, wenn eine neue Folge von einer der drei "CSI"-Parallelproduktionen läuft.

Hierzulande hat der Sender Vox, der spätestens seit "Ally McBeal" für eine vorbildliche Serienpflege bekannt ist, das Format eingeführt. "CSI: Miami" hat man inzwischen an die größere Schwester der RTL-Group abgetreten. Die Serie läuft jetzt mit Rekordquote immer dienstags zur Primetime auf RTL, am 6. September startet dort eine neue Staffel. Der zweite Ableger allerdings, "CSI: NY", läuft ab heute erstmals auf Vox.

Qualen und Zahlen

So unterschiedlich die Sendeplätze, so identisch die dramaturgische Stoßrichtung der drei "CSI"-Krimis: In keiner anderen Serie werden Verbrechen detailgenauer rekonstruiert; jede Folge ist die perfekte Anatomie eines Mordes. Emotionalen Schnickschnack gibt es hier nicht; es geht vor allem darum, den menschlichen Körper in seiner schieren Materialität auszustellen. Gefühligkeit oder der Glaube an eine höhere Macht haben in "CSI" keinen Platz. Es gibt keinen Gott, es gibt nicht mal so was wie Schicksal. Es gibt nur Zahlen und Formeln, mit denen sich Materie berechnen lässt.

Produzent Bruckheimer: Logistik statt Psychologie
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Produzent Bruckheimer: Logistik statt Psychologie

Was nicht sichtbar ist, das zählt auch nicht: Das ist die forensische Logik, der sich die Macher konsequent unterwerfen. Was behauptet wird, muss gegenständlich bewiesen werden. Gelegentlich wirken "CSI"-Episoden deshalb wie Lehrfilme für angehende Gerichtsmediziner - die allerdings mit modernsten Spezialeffekten in Szene gesetzt worden sind.

In der heutigen Pilotfolge von "CSI: NY" etwa berichtet der Pathologe des New Yorker Teams, dass die zu untersuchende Leiche eine Gehirnblutung hatte. Ein Befund, der dann für den Zuschauer unverzüglich durch die Innenansicht eines menschlichen Schädels ins Visuelle übersetzt wird.

Nicht darstellbar? Gibt es nicht! Bei "CSI" wird der Verwesungsprozess von Leichen im Zeitraffer gezeigt, für die Rekonstruktion des Mordes folgt das Auge der Kamera schon mal dem Flug der tödlichen Kugel. Es geht hier selten um Psychologie, aber immer um Logistik. Da verwundert es nicht, dass hinter der Serie der Produzent Jerry Bruckheimer steht, Hollywoods einflussreichster Filmhandwerker ("Pearl Harbour", "Armageddon").

Eine Frage der Technik

"CSI" ist somit auch ein weiterer Beweis dafür, dass das US-Fernsehen mit seinen immer komplexeren und einträglicheren Verwertungsstrukturen (Pay-TV, DVD) in Sachen Technik inzwischen durchaus mit dem Kino mithalten kann. Die Grenzen zwischen den beiden industriellen Unterhaltungskomplexen sind inzwischen durchlässiger geworden.

Das zeigt auch das immer stärkere Engagement der Mächtigen Hollywoods im Fernsehbereich: Nach James Cameron ("Dark Angel"), Steven Spielberg ("Taken") und dem "Drei Engel für Charlie"-Regisseur Joseph McGinty Nichol alias McG ("Fastlane") ist nun auch Ridley Scott (wieder) im großen Stil für das Fernsehen aktiv. Mit seinem Bruder Tony produzierte der "Gladiator"-Schöpfer die Krimi-Reihe "Numb3rs". Darin geht es um ein Zahlengenie, das für das FBI unlösbar erscheinende Fälle untersucht. Ästhetik und Dramaturgie erinnern an "CSI" - weshalb Pro 7 "Numb3ers" klugerweise ab nächster Woche montags um 21.10 Uhr ausstrahlt - also punktgenau im Anschluss an "CSI: NY" auf dem Konkurrenzsender Vox.

Darsteller Sinise, Kanakaredes: Verlässliche Experten
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Darsteller Sinise, Kanakaredes: Verlässliche Experten

Beachtlich, in welchem Maße sich die klassischen Sidekicks aus dem bekannten Krimi-Kosmen inzwischen zu veritablen Stars immer neuer Subgenres entwickelt haben. Geht man das Programm der kleineren Privatanbieter durch, wimmelt es dort von Leichenschnipplern und Laborratten, von Rechengenies und Paragraphenreitern - von eher blassem Personal also, das in früheren TV-Zeiten lediglich am Rande der Handlung verharrte, um den lässigen Ermittlern im richtigen Moment die richtige Information überreichen zu dürfen.

Laborratten liegen vorn

Doch jetzt sind diese unscheinbaren Fachkräfte selbst zu Helden einer immer komplexeren Welt geworden, in der Spezialisierung alles bedeutet. Hier werden keine charismatischen Allrounder gebraucht, sondern Experten, die den Zuschauer verlässlich durch eine immer technokratischere Gesellschaft leiten. Sie sind die Schichtarbeiter der Aufklärung.

Bezeichnenderweise gab es durch diesen Boom an kriminalistischen Arbeitsweltbesichtigungen neue Aufgaben für ein paar ehrenwerte Malocher Hollywoods, deren bescheidener Glamourfaktor und ungünstige Physiognomie der ganz großen Karriere stets im Weg gestanden haben. Da wären zum Beispiel in "Without A Trace" der zerknitterte Anthony LaPaglia, in "Criminal Intent" der füllige Vincent D'Onofrio oder in "CSI: Miami" der zähe Rotschopf David Caruso, dieser Filmprototyp des irischstämmigen Cops.

James-Cameron-Produktion "Dark Angel" mit Jessica Alba: Hollywood goes TV

James-Cameron-Produktion "Dark Angel" mit Jessica Alba: Hollywood goes TV

Und auch in "CSI: NY" trifft man heute abend auf ein Gesicht, das vielen Zuschauern aus Blockbustern bekannt vorkommen dürfte, obwohl ihnen wahrscheinlich nicht der dazugehörigen Namen einfällt: Gary Sinise hat man schon als Polizist ("Ransom") oder Astronaut ("Apollo 13") gesehen, ein notorischer Nebendarsteller, der seine Rollen mit trockener Akkuratesse ausfüllt.

Das schnittige Konterfei von Sinise suggeriert nun die Pedanterie, die er in seinem "CSI"-Part als Chef der New Yorker Tatortermittler nötig hat, um all die Körperteilchen und Pulverrückstände zum schlüssigen Mörderpuzzle zusammenzusetzen. Als Detective Mack Taylor agiert er so korrekt wie wortkarg. Nur einmal gerät der Ermittler ganz unerwartet ins Plaudern: Da sitzt er vor dem Bett einer Komapatientin, deren Peiniger er sucht. Die Toten und die Halbtoten - den Spezialisten der "CSI" sind das immer noch die liebsten Gesprächspartner.


"CSI: NY"
montags, 20.15 Uhr, Vox

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