Von Claus Christian Malzahn
Das wirkliche Wendejahr in Westdeutschland war 1969, als eine sozialliberale Koalition die Konservativen für 13 Jahre zum Nachsitzen auf die harten Bänke der Opposition schickte. Auch in der DDR gab es damals eine Aufbruchstimmung. Als Alexander Dubĉek in der ĈSSR öffentlich von einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" träumte, schöpften viele junge Leute Hoffnung und propagierten die Reform des realen Sozialismus. Dutschke, der mit dem Prager Frühling sympathisierte, war nicht nur ein Studentenführer, er war auch eine der ersten Medienfiguren der Bundesrepublik. Solche Öffentlichkeit - Fernsehen, Radio, Zeitungen - stand den 68ern im Osten natürlich nicht zur Verfügung.
Die ostdeutsche Psychotherapeutin und Publizistin Annette Simon, die 1989 das oppositionelle "Neue Forum" mitgründete, zählt zu diesen Ost-68ern, Künstlern, Dichtern und Intellektuellen wie Wolf Biermann, Thomas Brasch, Jürgen Fuchs, Rudolf Bahro, Jens Reich, Gerd und Ulrike Poppe und Bärbel Bohley. Sie alle wurden ebenfalls zwischen 1938 und 1950 geboren. Ihre Hoffnungen richteten sich 1968 vor allem auf den Prager Frühling, auf eine Demokratisierung und Vermenschlichung des realen Sozialismus. Doch während der Aufstand im Westen auch dazu führte, dass die CDU 1969 in Bonn die Regierungsverantwortung abgeben musste und der Exilant und Widerstandskämpfer Willy Brandt erster sozialdemokratischer Kanzler der Bundesrepublik wurde, rollten im Osten die Panzer. Der Prager Frühling verendete unter sowjetischen Panzerketten, "das Trauma der Achtundsechziger der DDR war die Okkupation" der ĈSSR, schreibt Simon.
In Ostdeutschland kam es zum Protest. Vor allem junge Leute hatten Mut zum Widerspruch, verteilten Flugblätter, schrieben Parolen an Häuserwände. Die SED schlug hart zurück. "Zum Teil schickte die herrschende Kaste ihre eigenen Kinder ins Gefängnis", so Simon. Unter den jungen DDR-Bürgern, die in den Knast müssen, sind prominente Namen: Der Vater von Thomas Brasch, verurteilt zu zwei Jahren Haft, war stellvertretender Kulturminister, der Vater von Erika Berthold (zwei Jahre und drei Monate Haft) Direktor des Institutes für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED.
Zwar mussten die meisten Verurteilten ihre Strafe nicht absitzen. Diese Tatsache wurde aber im "Neuen Deutschland" vorsichtshalber nicht veröffentlicht. Die Herrschenden, vermutet Simon, "wollten dem ganzen Land zeigen, dass sie bereit waren, selbst ihre eigenen Kinder für die Staatsraison zu opfern". Während sich die meisten 68er im Westen nach und nach auf den Marsch durch die Institutionen aufmachten, um 20 Jahre später als grüne Stadträte, linke Professoren, als Publizisten oder Werbefachleute Karriere zu machen, ging der Versuch, eine Revolte in der DDR zu proben, für die Beteiligten weniger angenehm aus. Annette Simon: "Die Achtundsechziger sind nicht getötet worden oder gestorben, sie wurden totgeschwiegen oder in den Westen getrieben oder aus der Haft abgeschoben - und dann waren sie wie 'tot', weil sie wenig Informationen und Einflussmöglichkeiten hatten."
Trotzdem hat es Tote gegeben in Deutschland, an der Mauer sowieso, aber auch mitten in West-Berlin. Die Schüsse fielen zum Beispiel am 2. Juni 1967 in Berlin, als ein völlig überforderter Polizist während einer Anti-Schah-Demo in Kudammnähe panisch zur Pistole griff und den Studenten Benno Ohnesorg erschoss. Der Polizist wurde später freigesprochen, was eine ganze Generation empörte und ein paar Menschen in den Terrorismus trieb und selbst zu Mördern werden ließ: Die terroristische "Bewegung 2. Juni" nahm ausdrücklich Bezug auf Ohnesorg.
Dass irgendjemand versuchen würde, ihren Rudi zu erschießen, befürchtete Gretchen Dutschke, die Frau des Revoluzzers, schon lange. Ein junger Mann, der dem Studenten aus Luckenwalde ähnlich sah, war im Frühjahr 1968 in der Nähe des Schöneberger Rathauses fast gelyncht worden. Schon am ersten Weihnachtstag 1967 hatte ein Rentner Dutschke mit seinem Krückstock den Kopf blutig geschlagen - und das ausgerechnet in der Gedächtniskirche. Dutschke, selbst gläubiger Christ, wollte die Gottesdienstbesucher mit dem Krieg in Vietnam konfrontieren, bevor sie zu Hause die Weihnachtsgans tranchierten. Im Februar 1968 machten Berliner Taxifahrer Jagd auf einen Autofahrer, den sie für Dutschke hielten. Doch Dutschke behielt sein Gottvertrauen und radelte weiter sorglos durch die Stadt, die zu seiner Bühne geworden war.
Am 10. April 1968 packt in München ein Hilfsarbeiter seine Koffer und wickelt eine 6mm-Pistole sorgfältig in ein Stück Wäsche ein. Daneben liegen scharfe Munition und Gaspatronen. Josef Bachmann will nach Berlin, um Rudi Dutschke zu töten. Der Mörder und sein Opfer könnten Brüder sein. Beide wurden während des Zweiten Weltkriegs im Osten geboren, der eine in Luckenwalde, der andere im Erzgebirge. Josef Bachmann wächst vaterlos auf, aber mit seinem Onkel versteht er sich gut. Der besucht ihn oft, als der siebenjährige Josef 1952 mit gebrochener Hüfte im Krankenhaus liegt. Doch plötzlich kommt der Onkel nicht mehr. Er ist verhaftet worden - weil er mit besoffenem Kopf abends in der Kneipe über die SED geschimpft und mit einem Bierglas das Bild des Staatspräsidenten Wilhelm Pieck zertrümmert hat. So etwas kostet in Ulbrichts DDR fünf Jahre Haft.
Der kleine Josef Bachmann verlässt Mitte der 50er mit seiner Mutter und einem ungeliebten Stiefvater die DDR. Doch im Westen hat die Familie kein Glück. Seine Lehre zum Bergmann wirft er hin, stattdessen ernährt er sich in den 60er Jahren durch Gelegenheitsjobs. Der Westen leuchtet: Mopeds, Kino, flotte Klamotten, doch das alles kostet Geld. Bachmann kommt auf die schiefe Bahn, er stiehlt, bricht in fremde Wohnungen ein, landet schließlich im Jugendarrest und später im Knast. Wie Bachmann geht es vielen Ostdeutschen, die mit der neuen Freiheit im Westen überfordert sind. Sie erwarten viel und scheitern an den Mühen der Ebene. Manche gehen wieder zurück in die DDR, andere landen in der Kneipe, manche sogar in der Gosse. Doch Bachmann träumt davon, ganz groß rauszukommen und geht nach München. Wieder nichts: Er schmeißt drei Jobs in zwei Monaten.
Im Gefängnis hat ihm ein Wärter von diesem Rudi Dutschke erzählt, der Westdeutschland zur DDR machen will. Der Wärter liest die "National-Zeitung", ein rechtsextremes Blatt. Die Zeitung mit einem hässlichen Bild von Rudi Dutschke liegt ganz oben auf dem Koffer, als Bachmann in München am 10. April seine Sachen packt. Dieser Dutschke, den auch die Springer-Presse zum Volksfeind Nummer 1 ernannt hat, ist eine Feind-Ikone erster Güte und lenkt Bachmann ganz hervorragend von der Erkenntnis ab, dass er im Westen kläglich gescheitert ist. Sein Antikommunismus dient ihm als Ventil. Schon vorher war er öfter an die Grenze gefahren, hat blindwütig Richtung Osten geballert oder Grenzpfähle herausgerissen.
Nun schießt er auf einen Menschen, den er nicht kennt, von dem er aber alles zu wissen glaubt. Drei Kugeln treffen Dutschke auf dem Kurfürstendamm. "Vater, Mutter, Soldaten, Soldaten", ruft Dutschke, dann bricht er zusammen. Die Ärzte retten sein Leben, doch sein Sprachzentrum im Gehirn ist getroffen. Nach dem Attentat muss er wieder sprechen lernen; Rudi Dutschke, der charismatische Führer der Protestbewegung, wird nie wieder der Alte sein. Elf Jahre später, Heiligabend 1979, stirbt er in Dänemark an den Folgen des Anschlags.
Die Zeitungen verurteilen das Attentat einhellig, der Bundespräsident schickt ein Telegramm mit Genesungswünschen ins Krankenhaus. Bachmanns Plan, er würde als Volksheld gefeiert werden, geht nicht auf. Nun steht er als verrückter Einzeltäter da, eine Gefährdung für die Allgemeinheit. Fünfmal versucht er zwischen Juni und Oktober 1968, sich umzubringen. Im Gefängnis wird Bachmann wohl klar, dass Kain auf dem Kudamm Abel erschießen wollte. Anstatt ihn zu hassen, verzeiht Dutschke seinem Attentäter.
Die Bergpredigt hat der Christ Dutschke auch im Krankenhaus nicht vergessen. Er hört von den Suizidversuchen und schreibt dem Attentäter einen Brief: "Lieber Josef Bachmann, paß auf, Du brauchst nicht nervös zu werden, lies diesen Brief durch oder schmeiß ihn weg. Du wolltest mich fertigmachen. Aber auch wenn Du es geschafft hättest, hätten die herrschenden Cliquen von Kiesinger bis zu Springer, von Barzel bis zu Thadden Dich fertiggemacht. Ich mache Dir einen Vorschlag: Laß Dich nicht angreifen, greife die herrschenden Cliquen an. Warum haben sie Dich zu einem bisher so beschissenen Leben verdammt?"
Bachmann schreibt zurück, entschuldigt sich bei seinem Opfer. Je mehr er begreift, dass dieser Student aus Luckenwalde nie sein Feind gewesen ist, desto verzweifelter und wertloser erscheint ihm sein eigenes Leben. Im März 1969 wird Bachmann wegen Mordversuches aus niederen Beweggründen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Ein Jahr später, am 23. Februar 1970, erstickt sich Bachmann mit einer Plastiktüte, die er sich über den Kopf gezogen hat. Nach und nach hat er im Gefängnis begriffen, dass dieser Dutschke aus der DDR ihm viel näher war als alle Wessis, die er nach seiner Flucht kennen gelernt hatte und denen er mit seinem Mord imponieren wollte. Dutschke hört von Bachmanns Tod in London, wo er den Dichter Erich Fried besucht. Er weint um seinen Attentäter, vielleicht auch deshalb, weil Abel begreift, woran Kain in der westdeutschen Fremde verzweifelt ist.
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