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23.09.2005
 

Telenovelas

Das Prinzip Aschenputtel

Von Christian Buß

Der deutsche Fernsehnachmittag wird bald eine einzige Telenovela sein: Nach ZDF und Sat.1 startet nun auch die ARD ihre eigene Cinderella-Story. Ob "Sturm der Liebe" oder "Julia" - die Kitschformate spenden Trost in Krisenzeiten und versöhnen Ost und West.

ARD-Telenovela "Sturm der Liebe" (mit Henriette Richter-Röhl, Gregory B. Waldis): Am Ende siegt die Liebe
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ARD/Jo Bischoff

ARD-Telenovela "Sturm der Liebe" (mit Henriette Richter-Röhl, Gregory B. Waldis): Am Ende siegt die Liebe

Der Osten sieht rot. Rot wie die Liebe. Bei "Bianca - Wege zum Glück", der ersten in Deutschland produzierten Telenovela, sitzen durchschnittlich fast drei Millionen Menschen vor dem Fernseher - eine stattliche Zahl für den Nachmittag. Ein überproportional hoher Anteil davon stammt laut ZDF-Medienforschung aus den neuen Bundesländern. Diejenigen, die sich vor der Bundestagswahl darüber gegrämt haben, dass die Menschen im Osten doch tatsächlich mitentscheiden könnten, wer Kanzler wird, dürfen sich nun also darüber grämen, dass sie nun auch noch über das TV-Programm bestimmen. Aber das Gejammer nützt nichts: Der deutsche Fernsehnachmittag wird bald eine einzige große Telenovela sein.

Branchenstrategen gehen davon aus, dass es 2006 bis zu acht konkurrierende Produktionen in diesem Segment geben wird. Ab nächsten Montag buhlen immerhin schon drei um die Gunst der Zuschauer: Dann startet die ARD ihre erste Telenovela, "Sturm der Liebe". Für die Erfolgsserie "Bianca - Wege zum Glück", die demnächst nach 224 Folgen ihr unvermeidliches Happy End findet, geht beim ZDF dann im direkten Anschluss "Julia - Wege zum Glück" auf Sendung. Bei Sat.1 läuft derweil weiterhin der Hauptstadtschmonz "Verliebt in Berlin".

ZDF-Serie "Julia - Wege zum Glück" (mit Susanne Gärtner, Roman Rossa): Wonnige Aufstiegsillusion
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ZDF/Boris Guderjahn

ZDF-Serie "Julia - Wege zum Glück" (mit Susanne Gärtner, Roman Rossa): Wonnige Aufstiegsillusion

Das Prinzip Aschenputtel bestimmt also bald alle Kanäle. Denn darum geht es in sämtlichen Telenovelas: Ein Mädchen aus der Unterschicht verliebt sich in einen extrem gut betuchten Sympathieträger; bis es zur glücklichen Pärchenbildung kommen kann, muss die Heldin jedoch Ungeheuerlichkeiten aller Art durchstehen, zum Beispiel böse Schwiegermütter, Mord und Totschlag. Das dauert in der Regel um die 200 Folgen. Verkompliziert wird die amouröse Auflösung noch dadurch, dass das Mädchen in einer subalternen Funktion zu dem Begehrten steht. Meist nimmt sie eine untere Stellung im Unternehmen von dessen Familie ein.

Hierzulande ist die Telenovela ein neues Format, in Lateinamerika arbeitet man indes schon seit 50 Jahren damit. Doch während bei den Vorbildern aus Brasilien oder Mexiko durchaus gesellschaftsrelevante Themen verhandelt werden, herrscht bei den deutschen Serien bislang Eskapismus pur. Die südamerikanischen Cinderellas werden, während sie sich innerhalb des Hochadels zur Prinzessin hochfeudeln, mit Phänomenen wie Aids oder Prostitution konfrontiert. Ihre Schicksalsschwestern im hiesigen Fernsehen müssen sich in den von unangenehmen Umwelteinflüssen geschützten Biotopen der Hochfinanz und des gehobenen Mittelstandes lediglich mit ein paar intriganten Zicken rumschlagen.

Im Grunde genommen wird in den hiesigen Telenovelas die gute alte bürgerliche Gesellschaft gefeiert. Wohl können deren Besitzstände durch die Hinterlist einiger verkommener Subjekte in Gefahr geraten, niemals aber werden dadurch ihre sittlichen Grundfeste erschüttert. Letztlich wird hier um die Unterschichtenheldinnen ein wonniger Aufstiegsillusionismus in Szene gesetzt. Klar, dass der wie Balsam (böse Zungen sagen: Opium) für die Arbeitsmarktverlierer in den neuen Bundesländern wirken muss.

Nehmen wir nur Laura, die Heldin aus der ARD-Produktion "Sturm der Liebe": Abgebrannt reist die Konditorin mit einem alten Renault aus der ostdeutschen Provinz nach München, um hier ihren Traum vom selbst kreierten Konfekt zu verwirklichen. Im Park verliebt sie sich in einen jungen Mann, der sich ausgerechnet als Spross jener Hotelier-Dynastie entpuppt, bei der sich die hübsche Ossi-Bäckerin als Küchenkraft bewirbt.

München kommt in dieser Telenovela so proper und prosperierend daher, dass es selbst dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, dem bekennenden Gegner aller soziokulturellen Zumutungen aus den Neuen Bundesländern, eine Freude sein muss. Die Stadt leuchtet in "Sturm der Liebe" wie in einem überlangen Werbespot des bayerischen Kaffeerösters Dalmayr.

Szene aus ZDF-Serie "Bianca - Wege zum Glück" (mit Tanja Wedhorn, Patrick Fichte): Opium für die Arbeitsmarktverlierer
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ZDF/Barbara Ellen

Szene aus ZDF-Serie "Bianca - Wege zum Glück" (mit Tanja Wedhorn, Patrick Fichte): Opium für die Arbeitsmarktverlierer

Wobei wir natürlich vorsichtig sein sollten mit solchen Vergleichen, denn durch den Schleichwerbeskandal herrscht da bei den Senderbossen eine gewisse Empfindlichkeit - gerade bei der ARD und insbesondere bei deren Tochterfirma Bavaria, die mit der massiven undeklarierten Produktinformation in der Daily-Soap "Marienhof" den Sündenfall im öffentlich-rechtlichen Fernsehparadies verantwortete.

Mit "Sturm der Liebe" dreht die Bavaria nun also ihre erste Telenovela - aber die sieht kaum anders aus als die Produktionen von Grundy UFA, jenem Medienunternehmen, das das Format in Deutschland eingeführt hat. Nach "Bianca" und "Verliebt in Berlin" fabriziert man dort für das ZDF "Julia - Wege zum Glück".

Grundy UFA ist der größte Seifenhändler Deutschlands, unter anderem produziert man dort auch die konstant erfolgreiche Daily Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" für RTL. Mit der Herstellung von Telenovelas hat Grundy UFA hierzulande bei aller Erfahrung im Weichspüler-Segment dennoch fernsehindustrielles Neuland betreten: Aufgrund des Cashflows können nicht alle der rund 200 Folgen vorproduziert werden; man dreht also parallel zur Ausstrahlung. Auf diese Weise werden täglich rund 45 Minuten Sendematerial fertiggestellt - und die müssen im Vergleich zur Daily-Soap-Schuhkarton-Ästhetik formal relativ hochwertig sein.

Es gibt zum Beispiel viele Außenaufnahmen. Denn die verzagten Heldinnen reflektieren ihr Schicksal vornehmlich beim Gang durch die Natur. Da wird dann in einem inneren Monolog umständlich bilanziert, was in den Szenen zuvor ausführlich zu sehen gewesen ist. Hier kommen also auch die ganz Doofen mit, bei den Telenovelas bleibt wirklich niemand auf der Strecke.

Sat.1-Heldin Alexandra Neldel ("Verliebt in Berlin"): Sehnsucht nach dem gesellschaftlichen Aufstieg
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DDP

Sat.1-Heldin Alexandra Neldel ("Verliebt in Berlin"): Sehnsucht nach dem gesellschaftlichen Aufstieg

Die begriffsstutzigsten unter den Zuschauern bestimmen mithin das Erzähltempo. Und das ist immer ziemlich das gleiche. Überhaupt findet man kaum Unterschiede, wenn man die ARD-Serie "Sturm der Liebe" und die ZDF-Konkurrenz "Julia - Wege zum Glück" vergleicht: Hier verliebt die ostdeutsche Konditorin in einen Hotelerben, dort eine gebeutelte Kellnerin in einen Porzellanmanufakturerben. Der junge Herr ist jeweils ganz dem Familienunternehmen verpflichtet - und natürlich standesgemäß mit einer anderen verlobt.

Selbstverständlich siegt immer die Liebe, darauf ist Verlass. Und so erfüllt sich im extrem restaurativen Ambiente nebenbei auch die Sehnsucht nach dem gesellschaftlichen Aufstieg. Das macht dieses boomende TV-Segment für zwei gegensätzliche gesellschaftliche Gruppen attraktiv - für Arbeitsmarktverlierer aus dem Osten genauso wie für wertkonservative CDU-Anhänger aus dem alten Westen. Um es in der blumigen Telenovela-Rhetorik zu formulieren: So sieht sie aus, die große Koalition der Herzen.


Sturm der Liebe: ab 26.9., montags bis freitags, 15.10, ARD

Bianca - Wege zum Glück: Noch bis 5. Oktober, montags bis freitags, 16.15, ZDF

Julia - Wege zum Glück: Ab 6. Oktober, montags bis freitags, 16.15, ZDF

Verliebt in Berlin: Montags bis freitags, 19.15, Sat.1

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