Berlin - Sie sind Freunde. Und unter Freunden hilft man sich gerne. So kam es, dass der amtierende und um die Macht ringende Kanzler Gerhard Schröder am Donnerstagabend trotz prallen Terminkalenders in die Neue Nationalgalerie in Berlin kam, um die Ausstellung "Mala Lago - Unsichtbarer Beitrag" von Jörg Immendorff zu eröffnen und mächtig dafür zu werben. Der an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS leidende Immendorff dankte es ihm, indem er über Unionskanzlerkandidatin Angela Merkel herzog und für Schröder warb.
Es war Schröders erster öffentlicher Auftritt als Kanzler nach der Bundestagswahl, der nichts mit der Wahl zu tun hatte. Lächelnd legte er seinen Arm um den im Rollstuhl sitzenden Immendorff, beugte sich zu seinem Duzfreund hinunter und plauderte. In der Laudatio bezeichnete er den 60-Jährigen als "unbequemen Freund" und Künstler, der politisch sei, sich aber nicht von der Politik vereinnahmen lasse, sondern Visionen male. "Der Künstler sieht, erkennt, durchdringt das Geschehen mit einem ganz eigenen Blick."
Immendorffs Aktionen und Bilder seien Diagnose der Zeit und verlören durch den historischen Wandel nichts von ihrer Bedeutung, erklärte Schröder, der sich gerne als Kunstfreund gibt und häufig Künstler ins Kanzleramt einlud. Er sei sicher, dass dies eine bedeutende Ausstellung und ein "ganz, ganz großer Erfolg" werde, beendete er seine Rede - zur augenscheinlichen Freude Immendorffs.
Immerhin ist es ein großer Teil seines Lebenswerks, das in Berlin präsentiert wird. Weit über 100 Werke aus vier Jahrzehnten sind zu sehen. Immendorff weiß, dass er eine solche Aufmerksamkeit für seine Kunst wahrscheinlich nicht noch einmal bekommen wird, jedenfalls nicht zu Lebzeiten. Die heimtückische Krankheit schreitet unaufhaltsam voran und führt schließlich zur vollständigen Lähmung.
Immendorff, der Schröder auch öfters auf offiziellen Reisen begleitete, war zeit seines Lebens politisch engagiert. Vor der Wahl warb er mit anderen Künstlern in ganzseitigen Zeitungsanzeige für Schröder: "Wir unterstützen Gerhard Schröder, weil er als Kanzler die Kunst zu einem zentralen Element des öffentlichen Lebens unserer Republik gemacht hat", hieß es da. Bei der Ausstellungseröffnung sparte er folglich nicht an Kritik für die CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel: Diese habe beim TV-Duell kein Wort über das Leid in New Orleans gesagt. "Sie hat noch nicht einmal gesagt, dass es sie sprachlos macht. So eine will Führungsqualitäten haben."
Wie gut sich Immendorff und Schröder verstehen, machte dann eine Anekdote Schröders deutlich. Es gab einmal einen kurzen Moment, da sei Immendorff tatsächlich Bundeskanzler gewesen - jedenfalls für einen Ministerpräsidenten eines asiatischen Landes, dessen Namen Schröder nicht verraten wollte. Und das kam so: Bei einem Staatsbesuch sei Immendorff vom Protokollchef dieses Landes als "Seine Exzellenz, Herr Bundeskanzler Schröder" vorgestellt worden. Die Verwechslung wurde aber offenbar schnell aufgeklärt. Es sei wohl besser, Immendorff und er blieben ihren jeweiligen Metiers treu, sagte Schröder. Und fügte hinzu: Vielleicht allerdings habe der Protokollchef doch eine Vision gehabt. Wie auch immer: Politik und Kunst können sich jedenfalls sehr nah sein.
Holger Mehlig, AP
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