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09.11.2005
 

Debatte bei Maischberger

Narren im Freigehege

Von Henryk M. Broder

Politiker als Pragmatiker, Kritiker als Prinzipenreiter – so ging's gestern Abend bei "Menschen bei Maischberger" zu. Zur erhitzten Debatte stand, ob Angela Merkel ihre Seele verkauft oder die SPD ihren Kompass verloren hat.

Manche lernen schnell, bei anderen dauert's etwas länger. Heide Simonis brauchte vier Anläufe, bis sie merkte, dass sie abtreten musste, Lothar Bisky wollte sich mit weniger auch nicht zufrieden geben. Und als dann feststand, dass er wieder durchgefallen war, trat er vor die Kameras und sagte, er habe "begriffen", dass man ihn im Amt des Bundestagsvizepräsidenten nicht sehen wollte.

Maischberger Gäste Thomas und Lothar de Maizière: "Dieser Staat ist pleite"
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DPA

Maischberger Gäste Thomas und Lothar de Maizière: "Dieser Staat ist pleite"

Die Schlussfolgerungen überließ er seinem Freund Gregor Gysi. Und der war in demagogischer Top-Form. Man habe Millionen von Ostdeutschen ausgegrenzt und diskriminiert, so gehe es nicht, jetzt werde das Präsidium des Bundestages eben unvollständig bleiben, bis man sich was Neues überlegt habe. Es klang, als wollte Gysi sagen: Geschieht meiner Mutter ganz recht, dass mir die Finger abfrieren, warum kauft sie mir keine Handschuhe?!

In der Hauptstadt war also gestern wieder die Hölle los, und bei Sandra Maischberger wurde diskutiert, ob's an der Raumtemperatur oder am Personal liegen könnte: "Berlin - Ein Käfig voller Narren?" lautete der Titel der Sendung (gestern Abend, 23 Uhr, ARD).

"Die SPD ist eine Mogelpackung"

"Ist die Politik überfordert, so dass sie sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt?", wollte die Moderatorin zu Anfang wissen, worauf ihre Gäste gleich zur Sache kamen. Sein Freund Gysi habe sich "im Ton vergriffen", mehr wolle er nicht sagen, ließ Lothar de Maizière, der letzte Ministerpräsident der DDR, verlauten. "Dieser Staat ist pleite", sagte sein Cousin Thomas de Maizière, zukünftiger Kanzleramtsminister von Angela Merkel, und gab auch Versäumnisse bei der CDU zu: "Unser Programm war vielleicht nicht ehrlich genug, aber ehrlicher als die Programme aller anderen."

Rudolf Scharping, vor genau zehn Jahren als SPD-Vorsitzender von Oskar Lafontaine entmachtet, sagte, der "Kern der Sache" sei, die SPD habe "ihren Kompass noch nicht gefunden", woraufhin Werner Schneyder, "politischer Kabarettist im Ruhestand" (Sendungsuntertitel), ergänzte: "Die SPD ist eine Mogelpackung!"

"Aspekte"-Chef Wolfgang Herles, den man sich vom ZDF ausgeliehen hatte, ging einen Schritt weiter: "Die große Koalition ist das Schlimmste, was dem Land passieren kann, es ist die Koalition der Verlierer!" Aber auch Herles konnte nicht sagen, wer die Wahlen gewonnen hatte und deswegen regieren sollte, weswegen er sich ins Grundsätzliche flüchtete. "Unser Land ist so kaputt, dass man über die Spielregeln nachdenken müsste. Die Tektonik ist nicht mehr erkennbar."

"Sollen wir uns den Strick nehmen?"

Was immer mit der Tektonik gemeint war, damit waren die Ausgangspositionen abgesteckt: Fundis gegen Realos, Prinzipienreiter gegen Pragmatiker. Nur, dass in diesem Fall die Politiker die Pragmatiker waren und die Vertreter der kommentierenden Klasse als Fundis auftraten.

Er habe ein Interesse, "dass die SPD sich festigt", sagte der CDU-Mann Thomas de Maizière. Werner Schneyder, der vor Jahren als Kabarettist aufgab, nachdem er gemerkt hatte, dass er mit der Wirklichkeit nicht Schritt halten kann, war die SPD wurscht, die CDU sowieso, mit solchen Petitessen der Tagespolitik wollte er sich nicht aufhalten. Nach dem Zusammenbruch des Marxismus-Leninismus sei eine "Internationale des Kapitals" entstanden und weit und breit gebe es keine politische Kraft, die "dem legalisierten Verbrechen" die Stirn bieten könnte. "Sollen wir uns den Strick nehmen?", fragte Thomas de Maizière spitz. "Fast", antwortete Schneyder; Paris würde ja schon brennen, die "revolutionäre Situation" stünde vor der Tür.

Als Rudolf Scharping daraufhin "Alles Quatsch!" in die Runde rief, war Schneyer beleidigt. Das sei ein "Totschlagargument", worauf Scharping mit erstaunlicher Gelassenheit den eingeschnappten Humoristen belehrte, "95 Prozent der Weltbevölkerung hätten gerne unsere Probleme".

Überhaupt war der Rudi aus der Pfalz in Hochform: Je länger er sich die große Politik aus der Distanz anschaut, umso besser wird er. Scharping redete Klartext, kritisierte Schröder und nahm Merkel in Schutz. Weil er sich um kein Amt bewirbt, kann er sich öffentlich Einsichten leisten, die seine Parteifreunde nicht mal daheim ihren Frauen ins Ohr flüstern würden: "Die SPD war noch nie so schwach wie heute." Und während Scharping und die beiden de Maizières auf dem Boden der Tatsachen blieben, gaben sich Herles und Schneyder dem Exorzismus hin: "Frau Merkel hat ihre Seele verkauft", klagte Herles, "sie macht jetzt das Gegenteil von dem, was sie im Wahlkampf gesagt hat". Niemand könne sagen, "was für ein Weltbild sie hat".

So ähnlich sah es auch Schneyder. "Was fehlt, ist eine Theorie!" Die Theorie, die er ins Gespräch brachte, war so originell, dass es den anderen Teilnehmern der Runde einen Moment die Sprache verschlug: "Wachstum schafft keine Arbeitsplätze!" Man müsse sich der "Wachstumserpressung" widersetzen. Und am Ende setzte Schneyder noch einen drauf. "Es gibt genug Arbeitsplätze. Sie sind nur von Computern besetzt. Man hat die Menschen wegrationalisiert."

Kann sein, dass Werner Schneyder mit solchen Statements zur Lage der Nation nur sein Comeback als Kabarettist vorbereiten wollte. Die große Koalition wird sicher ein Steinbruch für Spaßmacher werden. Noch lustiger aber wäre es, wenn Politiker und Kabarettisten kurz die Rollen tauschen würden. Dann könnte Schneyder eine Theorie entwickeln und sie gleich anwenden, und Herles könnte beweisen, dass man seine Seele nicht verkaufen muss, um sich für ein Regierungsamt zu qualifizieren.

Narren im Freigehege sozusagen, das wäre doch einen Versuch wert. Nachdem die Bundesrepublik seit dem 22. Mai praktisch nicht mehr regiert wird, kommt es auf ein paar Tage mehr oder weniger auch nicht mehr an.

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