Von Marc Pitzke, New York
New York - Wenn Mike Littwin, der Medienkritiker der US-Zeitung "Rocky Mountain News", mit seinem Beruf hadert, dann geht er zur Aufmunterung gerne ins Kino oder leiht sich einen alten Film aus. Seine Lieblingsmedizin: der Watergate-Thriller "Die Unbestechlichen" über die Helden seiner Zunft, Bob Woodward und Carl Bernstein von der "Washington Post".
Der Sturz des US-Präsidenten Richard Nixon durch zwei tapfere Reporter - ein wahres Antidepressivum für Journalisten, mit garantierter Heilwirkung gegen professionelle Selbstzweifel. Leider wirkt das Mittel dieser Tage nicht mehr, jedenfalls nicht für Littwin. "Es hat immer funktioniert", klagt der in seiner jüngsten Kolumne. "Bis jetzt."
Denn plötzlich habe sein persönliches Idol Woodward "das Drehbuch umgeschrieben". Und nun scheine der Unbestechliche gar nicht mehr so unbestechlich. "Für wen", jammert Littwin, "soll ich denn jetzt noch jubeln?"
Auf nichts scheint mehr Verlass zu sein in der US-Medienszene, selbst auf die Legenden nicht. Der Grund: Washingtons Endlos-Skandal um die Enttarnung der CIA-Agentin Valerie Plame mit Hilfe willfähriger Journalisten beförderte nicht nur ein Top-Regierungsmitglied aus dem Amt und vor Gericht, sondern mutiert auch immer mehr zum Presseskandal.
Verspätete Wortmeldung
Die Affäre lädierte bereits das Image der "New York Times", kostete deren Starreporterin Judy Miller den Job, rückte die ganze Branche ins Zwielicht - und fordert nun sein nächstes Opfer: Reporter-Ikone Bob Woodward.
Denn auf einmal stellt sich heraus, dass ausgerechnet Woodward - dessen Glanztat von einst erst im Sommer neu aufpoliert wurde, als sich sein Watergate-Informant "Deep Throat" outete, tief in den Fall Plame verstrickt ist.
Zur Erinnerung: Ende Oktober klagte ein US-Sonderstaatsanwalt den Stabschef von Vizepräsident Dick Cheney, Lewis Libby, wegen Meineids an. Libby, so der Vorwurf, habe unter Eid verschwiegen, dass er Valerie Plames CIA-Geheimidentität im Juni 2003 als Erster an die Presse lanciert habe, namentlich an Judy Miller. Plames Mann ist der Ex-Diplomat und Regierungskritiker Joe Wilson, der vermutet, er habe damit mundtot gemacht werden sollen.
Nun, drei Wochen nach der Anklageerhebung gegen Libby, die dessen Rücktritt zur Folge hatte, meldet sich Woodward zu Wort. Auch ihm sei Plames Name gesteckt worden. Und zwar vor allen anderen Reportern, aber nicht von Libby, sondern einem anderen Informanten, der er nicht nennen will.
Eiskalte Lüge
Es ist eine traurige Mediensensation: Bob Woodward, einst Regierungsfeind Nummer eins, war der erste Ansprechpartner des Weißen Hauses in der PR-Schlammschlacht gegen den politischen Widersacher Joe Wilson. Diese Enthüllung schlug in Washington "wie eine Bombe" ein, wie Woodwards Redaktionskollege Howard Kurtz korrekt, aber unoriginell feststellte.
Woodwards verspätete Wortmeldung bringt das Fundament der Anklage gegen Libby ins Wanken, denn die Strategie der Staatsanwaltschaft beruht unter anderem darauf, dass Libby die CIA-Tätigkeit Valerie Plames als Erster ausgeplaudert habe, und zwar bei einem Treffen mit Miller am 23. Juni 2003. Woodward hingegen behauptet jetzt, ihm sei diese Information schon "Mitte Juni 2003", zugespielt worden, "eine Woche, zehn Tage vorher" - von anderer Seite.
Für noch mehr Aufruhr in der US-Medienszene sorgt ein anderer Aspekt. "Anstatt Klarheit in den trüben Fall zu bringen", schimpfte das Nachrichtenmagazin "Time" gestern, habe Woodward "die Debatte über die Rolle von Starjournalisten" nur verschärft.
Zwei Jahre lang verschwieg Woodward seine Verstrickung in die Affäre, die Journalisten als Handlanger der Regierung abzustempeln droht. Nicht mal sein Chefredakteur Len Downie wusste Bescheid. Mehr noch: Immer wieder trat Woodward im Fernsehen auf, als sei er ein Außenstehender, und kommentierte den Skandal als einen Sturm im Wasserglas. So fragte ihn CNN-Talker Larry King noch am Vorabend der Anklageverkündung, ob er die undichte Stelle im Weißen Haus kenne. Woodward verneinte.
Entzauberung eines Muckrakers
Dabei wusste er es nicht nur, sondern war selbst einer der Insider - einer, der, so der Eindruck, mit dem Weißen Haus kungelte und potentielle Übeltäter deckte. Ein wenig schmeichelhaftes Image, das seinem ebenso legendären wie lukrativen Ruf des "Muckrakers", des kleinen Mannes gegen die große Macht, widerspricht.
Woodwards Kollegen können die Entzauberung ihres Vorbilds kaum fassen. "In der Redaktion herrscht tiefe Enttäuschung", berichtet Deborah Howell, die Ombudsfrau der "Washington Post". Die Glaubwürdigkeit der Zeitung habe "einen Schlag erlitten". Woodward habe einen "Sündenfall" begangen, unter anderem indem er die anderen Reporter, die über den Skandal berichteten, ins Leere habe laufen lassen - ein Fauxpas, der auch Miller bei der "Times" zum Verhängnis geworden war und letztlich zu ihrer Kündigung geführt hatte.
Auch "Post"-Reporter Dan Baltz, der sonst mit Woodward eng zusammenarbeitet, zeigte sich "völlig erschüttert" über die Doppelrolle seines Freundes. Kolumnist Jonathan Yardley klagte spitz, dies sei wohl die unvermeidbare Folge, "wenn eine Institution einem Individuum erlaubt, größer als die Institution zu werden".
"Hört ihr das zischende Geräusch?"
Damit spielte Yardley auf ein länger gärendes Missvergnügen der "Post" mit ihrem ergrauten Starschreiber an. Denn der leitende Redakteur Woodward genießt dort eine selten privilegierte Stellung: Als Bestseller-Autor ("Bush at War") arbeitet er weitgehend ohne Aufsicht der Chefredaktion. "Woodward ist ein Objekt von Neid und Missgunst", plaudert das Magazin "Newsweek", das Schwesterblatt der "Post", aus dem Nähkästchen, "weil er sich einfach so aus der Redaktion abmelden kann, um seine Bücher zu schreiben." Diese Bücher enthielten oft explosives Material, das er der "Post" vorenthalte, um es anderweitig besser zu verkaufen. Woodward, fordert Howell, müsse sich denselben Regeln fügen wie alle anderen auch: "Selbst wenn er reich und berühmt ist."
Nicht nur intern kocht die Stimmung hoch. Mit einer Mischung aus Schadenfreude und Resignation quittiert die Konkurrenz den Sturz Woodwards. "Das sieht wirklich schlecht aus", sagt Eric Boehlert, ein Autor für "Rolling Stone". "Es sieht aus wie das, was die Leute seit fünf Jahren über Bob Woodward sagen: dass er zu einem Stenographen für das Weiße Haus geworden ist."
"Woodward beteiligt sich an einem dekadenten Tanz", wütete auch Tim Rutten in der "Los Angeles Times". Dass Woodward offenbar "nach seinen eigenen Gesetzen" operiere, reflektiere "frühere Beschwerden" über den Reporter, schrieb die "Baltimore Sun" ohne jegliche kollegiale Zurückhaltung. "Hört ihr das zischende Geräusch?", lästerte Kolumnistin Arianna Huffington. "Das ist das Geräusch der Luft, die aus Woodwards Reputation strömt."
Geheimnisträger und Mitwisser
Doch es steht mehr auf dem Spiel als Woodwards Ruf. Nach und nach droht sich der investigative Journalismus in den USA selbst zu demontieren. "Dies setzt nicht nur individuelle Reporter herab und beschädigt deren Nachrichtenorganisationen", meint Rutten, "sondern auch einen gesamten Stil der Berichterstattung, der die Art dominiert, wie Amerikaner über das Verhalten ihrer Regierung informiert - oder desinformiert - werden."
Der CIA-Skandal zieht in der Tat immer mehr angesehene Reporter in seinen Strudel. Bob Woodward, Judy Miller, "Time"-Korrespondent Matt Cooper, NBC-Washington-Bürochef Tim Russert, Woodwards "Post"-Kollege Walter Pincus: Statt Regierungsgeheimnisse aufzudecken, machten sie sich selbst zu Geheimnisträgern - und damit zu Mitwissern.
Trost mit Humphrey Bogart
Und nun? Chefredakteur Downie hat Woodward eine öffentliche Rüge erteilt. Der wiederum hat sich bei der Redaktion entschuldigt und versuchte sein Verhalten gestern Abend auf CNN als eine Art Gewissensakt darzustellen. Sonderstaatsanwalt Patrick Fitzgerald hat seinerseits eine neue Große Anklagekammer einberufen, was seine Ermittlungen auf potentiell weitere 18 Monate verlängern könnte. So fragt sich jetzt ganz Washington, wer Woodwards mysteriöse Quelle war.
Mike Littwin von der "Rocky Mountain News", abermals im Hader mit seinem Berufsstand, hat sich unterdessen einen neuen Wohlfühl-Film ausgeliehen: "Die Maske runter" von 1952, mit Humphrey Bogart. "Kein toller Film, aber er zeigt die Zeitungen als die good guys."
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