Von Hans Michael Kloth
Bonn - Eigentlich hätte Bundespräsident Horst Köhler die feierliche Eröffnungsrede zur großen Ausstellung "Heimat: Flucht, Vertreibung, Integration" am Freitag im Bonner Haus der Geschichte halten sollen. Seine Familie stammt aus Bessarabien, das Hitler 1939 an Stalin verschacherte, weswegen der kleine Horst 1943 im Warthegau geboren wurde. Nach dem Krieg von dort vertrieben, bauen sich die Köhlers bei Leipzig eine neue Existenz auf, nur um 1953 weiter in den Westen zu fliehen und nach vier Jahren in verschiedenen Lagern im Schwäbischen zu landen. Ein Vertriebenenschicksal wie es viele erlittene haben, und folglich Idealbesetzung für die Festrede. Doch Ausstellungs-Schirmherr Köhler kam zwar, aber er schwieg - der Bundespräsident habe sich bei anderer Gelegenheit ja bereits zum Thema geäußert, hieß es entschuldigend.
Noch immer ist das Thema Vertreibung ein heikles Terrain. Selten habe sein Museum in einer Ausstellung "ein so hochpolitisches Thema aufgegriffen", konstatierte denn auch Hermann Schäfer, Direktor des Bonner Hauses der Geschichte (HdG) bei der Eröffnung. Durch den parallel stattfindenden Antrittsbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel erhielt der Termin noch zusätzliche Brisanz- sicher auch ein Grund warum Bundespräsident Köhler sich in Zurückhaltung übte.
Während Merkel an der Weichsel Premierminister Kazimierz Marcinkiewicz - der am Freitagmorgen per FAZ-Interview den Begriff "Vertreibung" zum Tabu erklärt hatte, - die Haltung der Bundesregierung zum geplanten "Zentrum gegen Vertreibungen" erläuterte, durcheilte am Rhein Polens Botschafter Andrzej Byrt die Museums-Schau auf der Suche nach Anstößigem. Nach dem Rundgang allerdings gab sich Byrt versöhnlich. Die Ausstellung sei ein "Schritt nach vorn" gegenüber dem, was er zuletzt in der Dauerausstellung des HdG gesehen habe, so der Botschafter zu SPIEGEL ONLINE.
Differenziertes Panorama
Die Bonner Schau ist die bisher gründlichste museale Auseinandersetzung mit der Vertreibung der Deutschen nach 1945. Zur Vorbereitung wurden eigens Umfragen in Deutschland, Polen und Tschechien in Auftrag gegeben, um Wissensstand und Interessen des Publikums bei der Ausstellungskonzeption einbeziehen zu können. Rund 800 Zeitzeugen wurden angeschrieben, 160 "Lebenswege" rekonstruiert und für die Besucher exemplarisch aufbereitet. Renommierte Wissenschaftler aus Polen und Tschechien wurden ebenso einbezogen wie der Bund der Vertriebenen. In zwei Jahren Arbeit trugen das Projektteam um Ausstellungsmacher Hans-Joachim Westholt rund 1500 Exponate zusammen, von der Kinokarte bis zur Original-Baracke eines Flüchtlings-Durchgangslagers.
Herausgekommen ist ein beeindruckendes und differenziertes Panorama einer dramatischen und zutiefst tragischen Zäsur in der deutschen Geschichte. 12 bis 14 Millionen Deutsche mussten den Preis für Hitlers Rassen- und Vernichtungsfeldzug mit dem Verlust ihrer Heimat zahlen. Über die Zahl der Todesopfer gibt es bis heute nur grobe Schätzungen, die von 200 000 bis in die Million reichen.
Das Drama dieser Deutschen, symbolisiert durch einen Leiterwagen im Eingangsbereich, dem Sinnbild schlechthin für die endlosen Elendstrecks aus dem Osten, steht ganz im Mittelpunkt der Ausstellung. Aber es wird nicht losgelöst und damit anklagend vorgeführt, sondern historisch einrahmt und eingebettet. Eingangs wird der türkische Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg thematisiert, am Ausgang stellen Farbbildschirme mit Flüchtlingselend den Kontext zum "Jahrhundert der Vertreibungen" her, in dessen erster Hälfte allein schätzungsweise 60 bis 80 Millionen Menschen Opfer der Ideologie "ethnischer Säuberungen" wurden.
Konfirmationskleid aus Mullbinden
Bevor es Bilder von deutschen Opfern zu sehen gibt, tritt der Besucher durch ein sich nach unten verjüngendes schwarzes Tor, von dem großformatige Schwarzweiß-Aufnahmen mit Verbrechen Deutscher auf ihn einzustürzen scheinen. Die unzweideutige Botschaft: Wiewohl die Deutschen die zahlenmäßig größte Bevölkerungs-Zwangsverschiebung des 20. Jahrhunderts traf, ist ihre Vertreibung weder beispiellos, noch geschah sie aus heiterem Himmel.
Für die Einordnung sorgt auch die Betonung der Integration der Millionen Heimatlosen in der Bundesrepublik und der DDR (die Vertreibung als "Umsiedlung" euphemisierte): Von der Ankunft im Durchgangslager, dem Versuch, auch in der bitteren Armut ein würdiges Leben zu führen (eines der beeinruckendsten Exponate ist das in einem dänischen Lager aus Mullbinden genähte Konfirmationskleid) bis hin zum beruflichen Wiederaufstieg in der Fremde - und dessen Schwierigkeiten oder eben auch Scheitern.
Der politische und gesellschaftliche Streit um das schwierige Thema wird in der Ausstellung offensiv angegangen - etwa wenn sie zwei Zeitungen des Springer-Verlags nebeneinander zeigt, die mit tumben Titelseiten Stimmung (und Auflage) machen: Neben dem inzwischen berühmten Cover des polnischen Magazins "Wprost" mit Vertriebenen-Chefin Erika Steinbach, die als SS-Domina mit Hakenkreuzbinde und Peitsche auf Kanzler Gerhard Schröder reitet, hängt eine "Bild"-Zeitung, die mit der Schlagzeile "'40 000 000 000,- Müssen wir Milliarden Euro Kriegs-Entschädigung an Polen zahlen?" ebenfalls Ressentiments gegen die Nachbarn schürt. Dagegen stehen Beispiele für die Aussöhnung wie eine gemeinsam von Vertriebenen und neuen Bewohnern gestiftete Gedenktafel im pommerschen Trieglaff, heute Trzyglow.
Bis zum 17. April wird diese noch in Bonn zu sehen sein, dann von Mai bis Herbst 2006 im Berliner Deutschen Historischen Museum, schließlich bis Frühjahr 2007 in Leipzig. Wird die Ausstellung der erhoffte Schlager bei Publikum und Kritikern, könnte ihr Erfolg womöglich dem geplanten "Zentrum gegen Vertreibungen" das Wasser abgraben. Der SPD-Bundestagsabgeordneten Markus Meckel hat vorgeschlagen, das im Koalitionsvertrag vereinbarte "sichtbare Zeichen" zum Gedenken an Flucht und Vertreibung in Berlin zu setzen, indem man die HdG-Schau als Dauerausstellung in die Hauptstadt holt.
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