Von Reinhard Mohr
Die entscheidenden Minuten gestern Abend zwischen 21.30 und 22.07 Uhr liefen nicht sehr viel anders ab als die Gruppenauslosung für die letzte Fußballweltmeisterschaft in Deutschland im Jahre 1974. Auch damals wurden, freilich weit weniger glamourös und nicht derart souverän und polyglott vorgetragen wie von Fifa-Pressechef Markus Siegler, kleine Papierzettel herausgekruschpelt, auf denen die Namen jener Länder standen, die sich für die WM-Endrunde qualifiziert hatten.
Ein Topf sieht da wie der andere aus, auch wenn der Modus der Auslosung zu Beginn so kompliziert schien wie einst die ominösen "Länderpunkte" bei "Tutti Frutti". Am Ende aber waren's (fast) alle zufrieden, vor allem der deutsch-kalifornische Teamchef Jürgen Klinsmann, der sich über die Gruppengegner Costa Rica, Ecuador und Polen freuen konnte. "Eine lösbare Aufgabe", meinte selbst Fußballfachfrau Angela Merkel.
Alles aber, was davor und danach geschah, gehorchte jener neuen Fernsehphilosophie, die seit ein paar Jahren überhand genommen hat. Ein schier endloses Vorspiel und ein ausgedehntes Nachspiel umrahmten den kleinen harten Kern der guten alten Fußballer-Wahrheit "Entscheidend is' auf'm Platz!" Der erste, der auf dem Flachbildschirm auftauchte, war Gerhard Delling, dicht gefolgt von seinem Moderatoren-Patachon Günther Netzer, immerhin ein eingespieltes Team, das durchaus Unterhaltungswert hat.
Doch nun befolgte die Vorgruppe Delling/Netzer im zwanglos gezwungenen Dialog die eiserne Regel Nummer 1 der neuen Fernsehphilosophie, die da lautet: Rede so oft von der historischen Bedeutung des kommenden Ereignisses, bis selbst der leidenschaftlichste Fan höchstpersönlich aufsteht und erst einmal ein neues Bier holen geht.
Die Spannung wird überdehnt und fällt schließlich zusammen wie der Schaum eines schlecht gezapften Pils. Noch einmal flimmerten die traumseligen Bilder vom 2:1-Finalsieg gegen Holland im Sommer 1974 vorbei, und schon nach einer knappen halben Stunde ging es live in die große Halle der Leipziger Messe, deren riesige, mehrfach abgetreppte Bühne in rot-blau-violetter Farbenpracht leuchtete.
Viertausend geladene Gäste und mehrere hundert Millionen Fernsehzuschauer sahen den Auftritt des nächsten Moderatorenpaars, Heidi Klum und Reinhold Beckmann, das Model im unvorteilhaften blauen Kleid, der Menschenversteher im schwarzen Anzug. "Schaut auf diese wunderbare Stadt!" rief Beckmann in Abwandlung eines tatsächlich historischen Wortes von Ernst Reuter aus dem Jahr 1947 und meinte Leipzig, aber die meisten Völker der Welt werden eher auf Heidi Klums schönes Dekolleté geschaut haben. Und sie hatten recht damit. Denn von Anfang an wollte keine ausgelassene Feststimmung aufkommen, von Party ganz zu schweigen. Zu verkrampft und gewollt locker, zuweilen fahrig und steifbeinig war die Inszenierung - zu viel guter Wille und zu wenig echte Lockerheit.
Gewiss, man war zweisprachig unterwegs, und das Englische ging Heidi Klum so leicht über die Lippen wie Reinhold Beckmann, der kurzzeitig sogar ins Französische fiel. Doch ähnlich wie bei deutschen Filmpreisverleihungen und "Bambi"-Galas fehlt den Akteuren die Lust am Spiel, die Leidenschaft fürs Theater. Die Parallele zur fehlenden Spielfreude auf dem Rasen ist wohl kein Zufall, und wie zum Beweis der ewigen "deutschen Tugenden" wiederholte Ehrengast Horst Eckel, einer der letzten "Helden von Bern", noch einmal das Erfolgsgeheimnis des WM-Sieges von 1954: "Gute Kameradschaft". Voila.
"Make the world a better place!" hatte Fifa-Präsident Sepp Blatter die WM-Teilnehmer aufgefordert, die Dinge auf dieser Erde besser zu machen. Man hätte gleich auf der Bühne damit anfangen können.
Wer hatte bloß die nur scheinbar geniale Idee, die 75-jährige Historie der Fußballweltmeisterschaften seit 1930 aus der Sicht eines sprechenden Balles zu schildern? Dramaturgisch unglaubwürdig und filmisch nur hingehuscht - so verpuffte jene kollektiv sentimentale Wirkung, die die Erinnerung an dramatische Fußball-Augenblicke weltweit hervorrufen kann. "Du bist der Ball"? Na danke schön auch! Vergessen, dass der Ball normalerweise getreten wird? Dann doch lieber "Du bist Deutschland", oder?
Nachdem man allerdings den "Ballero"-Film des Regisseurs Wolfgang Becker ("Das Leben ist eine Baustelle", "Good Bye Lenin") gesehen hatte, wollte man weder Ball noch Deutschland sein. Anstatt dieses sehr merkwürdige, aber auch sehr schöne Land zwischen Alpen und Ostsee, Rhein und Oder den Fernsehzuschauern in aller Welt vorzustellen, statt hier und da womöglich einen Blick in die wunderbaren neuen Stadien zu werfen, philosophierte der Regisseur über die 101 Möglichkeiten, mit einem Fußball umzugehen. Leider zeigte er sie auch und ließ kein Örtchen dabei aus, nicht einmal das Pissoir. Dass Maurice Ravels "Bolero" musikalisch Pate stand, war noch das geringste Vergehen. Selbstverständlich war es die politisch korrekte Absicht dieser avantgardistischen Ball-Ikonographie gewesen, jedes konventionelle Muster und jedes nationale Klischee zu vermeiden. Herausgekommen ist aber der überfrachtete Abschlussfilm eines mittelmäßigen Filmhochschulabsolventen.
Ein Zauberer samt Assistentinnen, ein spanischer Popsänger, 72 Schulkinder und das fürchterlich singende WM-Maskottchen komplettierten die künstlerischen Darbietungen auf dem Niveau einer verspätet gesamtdeutschen FDJ-Freizeitveranstaltung, und Michael Ballack fand sogar noch Zeit, den deutschen Hersteller des neuen WM-Balles zu erwähnen. Der Ball sieht allerdings aus, als hätten Waldorf-Schüler unter Drogeneinfluss ihn entworfen. Zum "großen Finale" mixte die "Junge Deutsche Philharmonie" Mozart, Bach und Beethoven zum ultimativen WM-Klassik-Medley. Ein paar Takte der Neunten Sinfonie von Ludwig van Beethoven dienten als Rausschmeißer, bevor endlich wieder die Sponsoren T-Com, McDonalds und Bitburger das Szepter übernahmen. Die nur halbstündige Abmoderation von Gerhard Delling und Günther Netzer verflog dann wie im Rausch.
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