Von Nina Rehfeld
300 Millionen Dollar hat das Pentagon für ein Programm bereit gestellt, das vor allem im Nahen Osten, darüber hinaus aber auch in anderen Ländern rund um den Globus, Werbung für die USA machen soll. Die Firmen SYColeman, Science Applications International und Lincoln Group erhielten Anfang Juni den Auftrag, das Projekt in den kommenden fünf Jahren umzusetzen - und zwar zum Teil verdeckt. Wie die "Los Angeles Times" berichtete, kauften die Mitarbeiter der Lincoln Group im Irak Sendezeit und Druckzeilen, um Amerika-freundliche Berichte zu publizieren.
Nicht immer machten die Lincoln-Mitarbeiter dabei die Quelle der Veröffentlichungen kenntlich; bisweilen waren nicht einmal die Zeitungen und Sender selbst informiert, wer für den Inhalt der ihnen angebotenen Stücke verantwortlich zeichnete. Außerdem bezahlte Lincoln lokale Journalisten, damit sie pro-amerikanische Artikel verfassen und veröffentlichen.
1000 derartiger Zeitungsartikel seien bislang in 12 bis 15 verschiedenen irakischen Zeitungen erschienen, darunter auch in führenden Bagdader Tageszeitungen. Es seien Summen zwischen 50 und 1500 Dollar geflossen, um Geschichten mit Schlagzeilen wie "Iraker bestehen trotz Terrorismus auf ihrem Leben" oder "Mehr Geld für Entwicklung Iraks" zu lancieren.
Das US-Verteidigungsministerium ließ zunächst mitteilen, sämtliche Veröffentlichungen hätten als Äußerungen des amerikanischen Militärs gekennzeichnet werden sollen, zum Teil sei aber die Identifikation der Quelle irrtümlich vergessen worden. Doch in der vergangenen Woche wurde deutlich, dass die Kampagne von Beginn an darauf ausgelegt war, Verbindungen zum Pentagon zu verschleiern, um die Glaubwürdigkeit der Veröffentlichungen zu erhöhen.
Mike Furlong, Armee-Oberst und Vizedirektor der Pentagon-Spezialeinheit Joint Psychological Operations Support Element, räumte gegenüber der Zeitung "USA Today" ein, dass in der PR-Kampagne "das Produkt möglicherweise nicht das Etikett 'Made in USA' trägt". Recherchen der "New York Times" zufolge betreibt das amerikanische Militär darüber hinaus im Irak und Afghanistan zahlreiche Radiostationen und Zeitungen, die ebenfalls ihre Verbindungen zum Pentagon verschweigen. "Wir wollen nicht, dass die Leute das Produkt angucken, die amerikanische Regierung sehen und sich abwenden", zitierte das Blatt einen Oberst, der mit psychologischer Kriegsführung betraut ist. Im Fall der Bestechung irakischer Journalisten wird derzeit ermittelt.
Bad News für Rumsfeld
Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte bereits im Juli in einem Leitartikel des "Wall Street Journal" eine wirksame Gegenstrategie zu radikalislamischer Propaganda gefordert. "Wir haben es im Mittleren Osten mit einem Feind zu tun, der verschiedene Medien zu dem Zweck einsetzt, die Meinungen der Menschen vor Ort im Hinblick auf die Absichten und Handlungen der USA zu vergiften (...) Wir müssen die Möglichkeiten des Informationszeitalters nutzen, um die giftigen Lügen zu kontern."
Doch ausgerechnet Rumsfeld musste 2002 das erst ein Jahr zuvor geschaffene "Office of Strategic Influence" dichtmachen, nachdem die "New York Times" berichtet hatte, dass die Institution plante, unter Umständen gefälschte Nachrichtenstorys in internationalen Medien zu veröffentlichen.
Die Regierung Bush hat durch ihren allzu losen Umgang mit journalistischer Ethik schon vielfach für Empörung gesorgt: 2004 warf der amerikanische Bundesrechnungshof der Administration "verdeckte Propaganda" vor, als sie mehrere Nachrichtenvideos in Umlauf brachte, aus denen nicht ersichtlich war, dass sie von der Regierung selbst produziert worden waren.
Im Januar dieses Jahres wurde öffentlich, dass der amerikanische Talkmaster und Polit-Kommentator Armstrong Williams eine Viertelmillion Dollar vom US-Erziehungministerium erhalten hatte, um deren Programme zu bewerben. Und im Februar geriet das Pentagon im Zusammenhang mit einer Website vom Balkan unter Druck, deren Journalisten und Kommentatoren bezahlt worden waren, um die öffentliche Meinung in der Region zu beeinflussen.
"So was nennt man wohl Nachrichten-Management!", empörte sich die "Salt Lake Tribune" angesichts des neuesten Eklats. John Schulz, Dekan des Fachbereichs Journalismus an der Boston University, sagte dem Fernsehsender CBS: "Die Regierung Bush scheint sich der Ironie nicht bewusst, dass sie bei ihren Versuchen, im Irak eine demokratische Gesellschaft zu schaffen, exemplarisch ihre eigenen Ziele untergräbt."
Manipulation als Mission
Doch Charles Krohn, ehemaliger Armee-Pressesprecher im Irak und Journalismus-Gastprofessor an der University of Michigan, verteidigte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Strategie des Pentagon. "Wenn es hilft, die irakische Öffentlichkeit über den guten Willen des amerikanischen Einsatzes zu unterrichten - auch wenn wir dafür bezahlen müssen, in die richtige Kanäle zu gelangen -, habe ich nichts dagegen."
Islamische Terroristen, so Krohn, verbreiteten täglich lautstark, dass die Amerikaner nichts anderes wollten, als die irakischen Ressourcen auszubeuten, die Religion zu zerrütten und die Kultur zu untergraben. "Man muss mit den Umständen vor Ort umgehen", sagte Krohn und fügte an, die Menschen in der Region würden eine unparteiische Presse gar nicht kennen. "Wir reden ja nicht über eine unabhängige Medienlandschaft. Hier geht es darum, Leben zu retten."
Unterdessen reagierten einige Medien in der Golfregion mit ärgerlichem Unverständnis. "Wenn die amerikanische Regierung absichtlich fabrizierte Nachrichten als unabhängige Berichterstattung verkleidet und in der irakischen Presse platziert, wird der Schaden für das amerikanische Ansehen weit schwerer wiegen als die Vorteile", schrieb ein Kommentator in der Online-Ausgabe der in Dschidda ansässigen englischsprachigen Tageszeitung "Arab News".
Und Jumana Al-Tamimi, Redakteurin der "Gulf News" in Dubai, warnte, die Vorgehensweise des Pentagon im Irak könnte die Araber veranlassen, jedwede pro-amerikanische Veröffentlichung in Zweifel zu ziehen. Auch aus dem Pentagon selbst gibt es kritische Stimmen. Ein ranghoher Beamter sagte der "L.A. Times": "Da versuchen wir, das Konzept der Demokratie in den Irak zu bringen. Jede Rede, die wir da halten, dreht sich um Demokratie. Und dann brechen wir hiermit die ersten Prinzipien der Demokratie."
Neben den ethischen und politischen Bedenken lastet auf dem PR-Programm des Pentagon zudem rechtlicher Druck. Zwar ist nach amerikanischem Gesetz Regierungspropaganda außerhalb der USA legal. Doch in den amerikanischen Medien äußerten Experten die Befürchtung, dass im globalen Mediendorf durchaus zu erwarten sei, dass die tendenziösen Medienberichte aus dem Ausland in den USA zitiert werden.
Und dann ist da noch die heftige Kritik von Insidern an der Effektivität der bisherigen Unternehmungen. "Ich glaube, dass dieser ganze Kram überhaupt keine Wirkung hat", zitierte die "L.A. Times" gestern einen ehemaligen Mitarbeiter der Lincoln Group, deren zwei junge Geschäftsführer über keinerlei Erfahrungen mit Journalismus oder PR verfügen sollen. "Jeder Iraker durchschaut das doch sofort."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH