• Drucken
  • Senden
  • Feedback
27.12.2005
 

Haltung bewahren!

Plädoyer für die Empörung

Was beschert uns das neue Jahr? Vernunft, Pragmatismus, Sachzwänge. Wer das nicht einsehen will, hat Pech. Oder genügend Mut, ein paar in Verruf geratene Begriffe hoch zu halten. Wie Reinhard Mohr, der heute unsere kleine Essay-Reihe eröffnet - mit echter Empörung!

Berlin - Der Zustand dauert schon eine ganze Weile an. Vielen, vor allem den heute 30-Jährigen, wird er allerdings gar nicht besonders aufgefallen sein. Kein Wunder, gehören sie doch selbst, als Protagonisten der Globalisierungsära, zum Phänomen der Zeit. Und die sagt: Empörung ist out, Attac hin, Antifa-Demo her.

Altbundeskanzler Kohl im Eierhagel (Mai 1991, Halle): Empörende Szene - allerdings schon lange her
Zur Großansicht
AP

Altbundeskanzler Kohl im Eierhagel (Mai 1991, Halle): Empörende Szene - allerdings schon lange her

Organisierter Protest, gar "kollektiver Widerstand" ist uncool geworden, Gesellschaftskritik schon als Begriff verpönt, ein beinah peinliches Fremdwort aus antiker Vorzeit. Nur noch kleine Zirkel beschäftigen sich damit. Hin und wieder, meist zur Weihnachtszeit oder nach besonders verabscheuungswürdigen Verbrechen an Kindern, wogt für kurze Zeit eine emotionale Debatte über die "Grundwerte unserer Gesellschaft", und das war es dann. Bis zur nächsten Silvesteransprache.

Die berüchtigten 68er, mit dem Ende von Rot-Grün auch offiziell abgetreten, gelten als die Prontosaurier jener Epoche, in der alles noch grundsätzlich in Frage gestellt und "durchdiskutiert" wurde, sei es der "Spätkapitalismus", die Solidarität mit Nicaragua, die "Funktion der bürgerlichen Presse" oder der Putzplan in der Wohngemeinschaft.

Längst zum klischeehaften Comicstrip erstarrt erinnert diese ferne Zeit Mitte der siebziger Jahre gleichwohl daran, wie selbstverständlich die Dinge heutzutage hingenommen werden. Bei allem Streit im Einzelnen, trotz Kritik und Missmut allenthalben - man fügt sich und bemüht sich. Bloß nicht den Anschluss verlieren. Wer den Zug der Zeit verpasst, muss schauen, wo er bleibt. Ganz allein, ob angestellt oder arbeitslos, als Ich-AG oder mit heimlichem Masterplan in der coolen Sakkotasche.

Rage und Gage

Aber Mensch bleibt er eben doch. Und der regt sich auf, solange er lebt. Wenn er Deutscher ist, jammert und klagt er schon von Berufs wegen ausdauernd und inbrünstig. Ein Anlass findet sich jeden Tag im Kleinen wie im Großen, und die fortgeschrittene Mediengesellschaft perfektioniert die Jammer-, Klage- und Empörungskultur in bewundernswerter Weise. Ob Gammelfleisch oder Schröders neuer Russenjob, ob Hartz IV oder "Benzinwut", Feinstaubalarm, Visa-Skandal oder die Sexabenteuer von VW-Managern - die Erregungsmaschine der Massenmedien funktioniert.

Kurze Zeit später ist dann alles wieder vergessen. Wut und Empörung fallen in sich zusammen wie ein angestochenes Soufflé, auch wenn die Metapher beim Gammelfleisch-Skandal problematisch ist. Doch gerade hier zeigten sich deutliche Abstumpfungserscheinungen schon während der allgemeinen Aufregung: Die passionierten Fleischesser ließen sich auch von tonnenweise sichergestelltem "Ekelfleisch" mit Gefrierbrand nicht den Appetit verderben.

Womöglich ahnten sie, dass es nur eine Frage von Tagen sein konnte, bis Greenpeace (oder "Ökotest") herausfinden würde, dass selbst Obst und Gemüse keineswegs unbedenklich, sondern, ganz im Gegenteil, mit jeder Menge Pflanzenschutzmittelrückständen belastet sind. Das wenigstens kann man einer gestandenen Currywurst oder einem zünftigen bayerischen Fleischpfanzerl nicht vorhalten. Aber auch Lebkuchen, Gummibärchen, Shrimps, Tee und Glühwein bieten immer wieder Anlass zur Sorge. So jagt eine Empörung die nächste, ein Skandal den anderen.

In den Nachrichten, Talkshows und Sonder-, Spezial-, Brennpunktsendungen des Fernsehens äußern sich dazu passend die Empörungsbeauftragten und Experten aller Sparten in routinierter Ernsthaftigkeit. Sie sind Delegierte der Volkswut und artikulieren den populären Zorn in professionell dosierter Weise. Manchmal haben sie sogar Vorschläge zur Abhilfe. Meistens werden Kommissionen gebildet und Gutachten vergeben. Dann hört man eine Weile nichts mehr, bis irgendwann neue Vorschriften, Ausführungsverordnungen, Grenzwerte oder Gesetze erlassen werden.

In der Zwischenzeit ist man allerdings schon längst bei Desirée Nicks Zickenalarm im Dschungelcamp oder wichtigen Anzugträgern, die mit Privatflugzeugen, Champagner und Großpackungen Viagra durch die Welt jetten, um sich von Prostituierten verwöhnen zu lassen, während die Arbeitskollegen am Band das Geld fürs Vergnügen der Topmanager beischaffen.

In Skandalgewittern

Empörung ist eine verderbliche Ware geworden, ebenso inszenierbar wie konsumierbar. Sie kennt keine Metaphysik mehr, weder Theorie noch Telos, weder Bewegung noch Ziel. Sie hat buchstäblich keinen Sinn. Denn sind wir ehrlich: Eigentlich regt man sich über nichts mehr wirklich auf. Wir sind längst post-post-postmodern geworden. Wir sind Papst. Wir sind Deutschland. Wir schlucken alles. Wir nehmen es mit Ironie. Der Rest sind Verpuffungen, die aus den Überdruckventilen strömen, Ressentiments, Schuldzuweisungen, Verschwörungstheorien. Da ist man sozusagen reflexiv gefedert und total abgeklärt, zynisch abgehangen und skandalgehärtet wie keine Generation zuvor.

Selbst die dramatischsten und absurdesten Schlagzeilen der "Bild"-Zeitung nimmt man überwiegend spielerisch und sportiv. Hier und da ein Kopfschütteln, das war's. Echte Empörung dagegen setzt Maßstäbe voraus und stört schon mal die laufenden Geschäfte. Doch das deutsche Dauergejammer über alles und jedes, die preiswerte Gefühlsaufwallung für zwischendurch, aber auch die diffus lastende Dauertaubheit gegenüber den nervenden Zeitläuften - all das ist wahrscheinlich nur die Kehrseite einer unendlichen Toleranz, die an Gleichgültigkeit heranreicht.

Der jederzeit abrufbaren, zuweilen nur gespielten Kurzzeit-Empörung mangelt die Perspektive, die Transzendenz, der Horizont einer Alternative. Die Empörung verweist orientierungslos nur auf sich selber. Ein wegweisendes Engagement fehlt, die revolutionäre Essenz der Empörung, der Wille zur Veränderung. Es ist offensichtlich: Wir leiden an einem gesellschaftlichen Permafrost, an einer resignativen Dauerunterkühlung.

Sie wird durch die hitzige Pseudoeruptionen nur kontrastiert und hervorgehoben. So hat auch die Lust am Streit der Argumente nachgelassen. In den Talkshows dominiert die Ich-Darstellung. Egomanie statt Diskurs. Selbst die Wirtschaftsseiten der großen Tageszeitungen sind inzwischen interessanter als die Feuilletons, in denen allenfalls noch folgenlose Heuschreckendebatten toben.

Wer sich empört, stört

Alles in allem sind durchaus Symptome einer Depression erkennbar. Diese Depression fußt freilich auf einem materiellen Reichtum der Gesellschaft, der anderswo in der Welt zu ekstatischen Glücksbekundungen führen würde. Aber das ist es ja: Wir sind eben auch gekauft und gehemmt, korrupt, faul und feige. Denkfaulheit und Opportunismus tarnen sich zu oft als scheinbar alternativloser Pragmatismus. Schon beim Denken und Meinungsäußern geht man lieber kein Risiko ein. Man hat ja etwas zu verlieren.

Was aber zu gewinnen wäre, liegt im Nebel der Ungewissheit, im Dunst einer diffusen Ängstlichkeit. Genau an dieser Stelle befand sich früher einmal das Reich der Imagination, das Universum der Möglichkeiten: Unter dem Pflaster der Strand ...

Bei aller Kritik am untergegangenen Brontosaurus achtundsechzigiensis: Inzwischen haben wir fast vergessen, dass in glücklichen Augenblicken der Geschichte die Empörung über ungerechte und unhaltbare Zustände der Vernunft auf die Beine helfen kann, jener Vernunft, die die Freiheit des Denkens braucht wie die Luft zum Atmen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 42 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
20.08.2006 von arborea: Faust

Es ist ehrlicher, mit der Faust auf den Tisch zu hauen als eine Faust in der Tasche zu machen.Und vor allem auch gesünder. Verhindert Magengeschwüre. mehr...

13.08.2006 von Robert Schwartz:

Sich in spon empören, heißt bestimmt in den Papierkorb zu landen :-))) ? mehr...

06.08.2006 von BerSie: Schwere Frage...schöne Antwort

Ob` s edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden, oder sich waffnend gegen eine See von Plagen. Durch Widerstand sie enden... Hamlet brachte die Empörung den Tod! Viele Kriege sind wohl durch [...] mehr...

01.08.2006 von Ali0408:

Ich plädiere für von Siemens und Aquaviva! :-) Aber es gelingt mir auch nicht immer, mich daran zu halten - ich gestehe es ... ;-) mehr...

01.08.2006 von Ali0408:

Sehr schöne und berechtigte Gegenfrage. :-) Ich kriege immer die Krise, wenn ich solche Gemeinplätze wie den höre, den Sie so gut hinterfragen. Es ist so leicht, vom "rosa Sofa" aus den Rebellen zu spielen, denn man [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP