Von Peter Luley
Gesetzt den Fall, eines Tages dächte sich jemand die Wette aus, jede einzelne "Wetten, dass..?"-Sendung anhand eines Gastes, eines Showacts und einer Wette exakt datieren zu können - mit der gestrigen Auftakt-Ausgabe des Jahres 2006 hätte er eine harte Nuss zu knacken. Auf der Couch Tennisheld Boris Becker, dazu die Popper von Depeche Mode und als sportive Außenveranstaltung ein Motorrad, das mit Beiwagen schneller eine Piste runtersausen will als Ski-Ass Stephan Eberharter auf zwei Brettern: Diese Kombination wäre in den achtziger Jahren genauso vorstellbar gewesen wie in den Neunzigern oder eben gestern.
Böswillig gewählte Beispiele, natürlich. Mit den Stichworten "zur Feier des 250. Mozart-Geburtstags aus Salzburg gesendet" sowie "sehr viele Kinder bieten Herz- und Trommelfell-erweichend die 'Kleine Nachtmusik' dar" ließe sich die Show leichter einordnen. Insgesamt aber war tatsächlich alles wie immer und irgendwie zeitenthoben bei dem ZDF-Unterhaltungs-Großformat, das am 14. Februar 1981 mit Frank Elstner zum ersten Mal über die Bühne ging - wobei das eigene 25-jährige Jubiläum gestern dezent unerwähnt blieb.
Moderator Thomas Gottschalk, 55, abgesehen von einer kurzen Unterbrechung durch Wolfgang Lippert 1992/93 nun auch schon seit fast 20 Jahren dabei, erledigte seinen Job zum 112. Mal gewohnt routiniert - was bei ihm bekanntlich heißt, in Interviews keinen Hehl aus seinem nur oberflächlichen Interesse zu machen, die Leute ihren Kram promoten zu lassen und irgendwie zu versuchen, möglichst viele Pointen zu setzen.
Hochstimmung und tiefe Dekolletés
Zur Hebung seines Frivolitätsniveaus hatte er die passenden Gäste eingeladen: Neben dem neuerdings als Synchronsprecher tätigen Boris Becker ("Himmel und Huhn"), der nach verlorener Wette vorübergehend als Mozart verkleidet dasitzen musste, waren der in Salzburg lebende Rennfahrer Ralf Schumacher nebst Gattin Cora, der österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser und seine Frau Fiona Swarovski, die Schauspieler Friedrich von Thun und Jan Josef Liefers sowie die Operndiva Cecilia Bartoli als Wettpaten im Einsatz.
Die Damen sorgten für die nötige Dekolleté-Tiefe und wirkten auf diese Weise kommunikationsstiftend: Ob seine Frau nicht viel zu schön sei für einen Politiker, warf Gottschalk Grasser hin - "gibt's da nicht EU-Richtlinien? Bei Eichel war das Erotischste ja der Name". Im selben Stil wurde später Becker bekalauert, er wisse ja auch nicht, wen er gerade umgelegt habe.
Zu wirklicher Entertainer-Form lief Mähnenmann Gottschalk erst gegen Ende auf, als er Wettschulden in Form eines Papageno-Duetts mit Cecilia Bartoli beglich und die Abmoderation inklusive Schalte ins mal wieder nach hinten gedrängte "Aktuelle Sportstudio" mit schönem Schmäh auf Österreichisch erledigte. Das hatte tatsächlich den Charme des Unperfekten und - nicht nur wegen des pflichtgemäßen Überziehens - die Aura der großen alten Samstagabend-Shows. Mit Willen zur Sentimentalität konnte man den großen Blonden kurz als letzten Show-Dino aus der Tradition Hans-Joachim Kulenkampffs und Peter Frankenfelds empfinden.
Da war doch noch was - die Wetten!
Zunehmend nebensächlich sind im Lauf der Jahre die Wetten selbst geworden. Taugte die Frage, was der kleine Mann zu Hause so alles einstudieren und leisten kann, früher zum Mitfiebern, so verfolgt der gesättigte Zuschauer von heute eher achselzuckend, ob es das Mitglied einer Berliner Rhythmus-Comedy-Gruppe schafft, innerhalb von zwei Minuten 45 von 50 aufgespannten Regenschirmen einhändig zu schließen (nein) oder ob 20 Menschen auf einer Schubkarre Polka spielen können (ja). Da muss schon ordentlich Begleitprogramm serviert werden, um das Interesse wach zu halten: Gestern gab's neben Depeche Mode viel Geschmachte von Eros Ramazzotti/Anastacia bis zu James Blunt und den Sugababes.
"Moderiert Gottschalk noch mit 70 'Wetten, dass..?'", fragte die "Bild"-Zeitung am Samstag unentschieden zwischen Besorgnis, Ehrfurcht und Fassungslosigkeit und stellte ein computersimuliertes Bild des greisen Showmasters daneben. Ganz auszuschließen ist das wohl nicht. Zwar hat Gottschalk seinen gut dotierten ZDF-Vertrag zunächst nur um ein Jahr bis Ende 2007 verlängert. Aber wenn weiterhin über zwölf Millionen Zuschauer einschalten - gestern im Durchschnitt gar 13,7 - und dem ZDF Marktanteile von über 40 Prozent bescheren, dann kann das noch ewig so weitergehen.
Die anderen Sender haben ohnehin resigniert: Die ARD trat mit der Komödie "Suche impotenten Mann fürs Leben" an (9,3 Prozent Marktanteil), und RTL erreichte mit der x-ten Wiederholung des Fantasy-Abenteuerfilms "Die vergessene Welt" lediglich 2,18 Millionen Zuschauer.
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