Von Reinhard Mohr
Der 43-jährige Tatare Ravil Gumarow hat eine ebenso abenteuerliche wie schreckliche Zeit hinter sich. Ende 2001 überstand er die US-Luftangriffe auf das vom Taliban-Regime beherrschte Afghanistan – die militärische Antwort Amerikas auf die Terroranschläge vom 11. September in New York und Washington. Dann geriet er als Gefangener in das berüchtigte Massaker von Masar-i-Scharif, das nur 60 von 600 Menschen überlebten. Er war einer von ihnen. Anschließend wurde er ins US-Kriegsgefangenenlager Guantanamo auf Kuba verschleppt. Inzwischen lebt er, als "unschuldig" entlassen, wieder in Russland. Aber auch dort hören die Bedrohungen nicht auf.
Gumarow war einer von anfangs über tausend Guantanamo-Häftlingen, die unter immer obskurer erscheinenden Umständen über Jahre interniert waren – jenseits rechtsstaatlicher Garantien. Eine neue Statistik zweier Anwälte von Guantanamo-Insassen dokumentierte unlängst, dass mehr als die Hälfte der vermeintlichen Terroristen und "Kriegsgefangenen" gar keine "illegalen Kombattanten" waren. "Tatsächlich scheinen die Amerikaner am Hindukusch mehr oder weniger willkürlich Leute eingesammelt zu haben, die ihnen von örtlichen Warlords oder den in dieser Sache kaum weniger parteiischen Pakistanern zugeführt wurden", resümierte erst gestern die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "So ein Lager braucht die freie Welt wirklich nicht."
Selbst das Pentagon musste 2004 zugeben, dass in Guantanamo gefoltert werde, was jüngst Präsident George W. Bush während des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel jedoch nicht davon abhielt, allen interessierten Zeitgenossen zu raten, "sich da unten selbst ein Bild zu machen". Näher als 500 Meter allerdings kommen die meisten Journalisten nicht an das Lager heran, und mit Häftlingen unter vier Augen sprechen können sie schon gar nicht.
Roger Willemsen, 50, Journalist, Dokumentarfilmer, Kolumnist, TV-Moderator, Buchautor und Entertainer hat die freundliche Einladung des amerikanischen Präsidenten gar nicht erst abgewartet. Heute Vormittag präsentierte in Berlin sein neuestes Buch, das erst Stunden zuvor vom Zweitausendeins-Versand druckfrisch angeliefert worden war: "Hier spricht Guantanamo. Roger Willemsen interviewt Ex-Häftlinge".
Außer dem Tataren Gumarow hat er in den vergangenen Monaten mit vier weiteren ehemaligen Guantanamo-Gefangenen gesprochen, die nach jahrelanger Inhaftierung allesamt als "unschuldig" entlassen worden waren. Eine offizielle Anklage hatte es, wie bei allen anderen, nie gegeben.
Ausführlich berichten sie in dem 240-seitigen Interview-Buch von ihrer willkürlichen Gefangennahme, den Haftbedingungen – darunter Folter inklusive Lärmterror durch eine 24-Stunden-Britney-Spears-Beschallung, brutale Verhöre, sexuelle Nötigung, Koranschändung – und von ihrem heutigen Leben als Traumatisierte, "fast Erloschene", wie Willemsen sagt.
Zuweilen erzählen die Häftlinge aber auch von "anständigen Lagerwächtern" und davon, dass sie keineswegs rundum "antiamerikanisch" eingestellt seien – nicht einmal nach all dem, was sie erlebt hätten.
Die Interviews, die mit Hilfe von amnesty international und anderen Organisationen, Anwälten und Mittelsmännern unter teils abenteuerlichen Bedingungen zustande kamen, seien "absolut authentisch" und minutiös "wortidentisch", also ohne das sonst übliche umfangreiche Verlagslektorat, versichert der Autor. Die Übersetzungen aus dem Arabischen seien gründlich geprüft. Dank so viel Akribie kann Willemsens Buch durchaus zum wichtigen Dokument in der schon jetzt mythenumrankten Geschichte Guantanamos werden.
Doch Roger Willemsen wäre nicht Roger Willemsen, wenn er nicht unmissverständlich hervorheben würde, wie sehr seine publizistischen Bemühungen, der schrecklichen Wahrheit näher zu kommen, die Arbeit aller Berufskollegen in den Schatten stellt. Der journalistische Umgang mit dem Phänomen Guantanamo, jenem "symbolischen Ort Amerikas", an dem die Erinnerung an den 11. September gleichsam "kathartisch" wach gehalten werden soll, sei "kein Ruhmesblatt des deutschen Journalismus", behauptet er. Da es praktisch keine Bilder gebe, so seine eigenwillige These, werde auch kaum berichtet.
"Warum gab es in keiner einzigen deutschen Zeitung ein Interview mit einem Guantanamo-Gefangenen?", fragte er in die knapp 20-köpfige Journalistenrunde. Eine falsche Behauptung: Der SPIEGEL hatte schon im Rahmen einer Titelgeschichte im Sommer 2004 drei ehemalige Guantanamo-Häftlinge (SPIEGEL 36/2004) ausführlich zu ihren Erlebnissen in Guantanamo befragt.
Und warum, klagt er weiter, veröffentliche ausgerechnet Zweitausendeins, nicht gerade ein verlegerischer Gigant, dieses wichtige Buch? Wo blieben denn die großen Verlage? Ja, auch der SPIEGEL-Verlag, der mal bessere Zeiten gesehen habe und so was früher selbst gemacht hätte. "Das wäre doch ein Scoop gewesen!"
Aber statt ihrer Pflicht zur Aufklärung zu genügen, schickten sie lieber ihre Spione in die Pressekonferenz, sagte Willemsen.
"Sie sind damit gemeint!" schoss es aus ihm heraus, "Sie, der "Willemsen-Beauftragte des SPIEGEL". Rasch erläuterte er den verdutzten Journalistenkollegen an Hand eines beinahe drei Jahre alten, aber dennoch auswendig aufgesagten Buchzitats, dass der Berichterstatter von SPIEGEL ONLINE weiß Gott kein ausgesprochener Willemsen-Fan sei, ganz im Gegenteil.
Ein Hauch von dänischen Verhältnissen, Karikaturenstreit und verletzten Gefühlen wehte durch den Raum. Ob Willemsen sein Guantanamo-Projekt denn den anderen großen Verlagen angeboten habe und diese es, womöglich aus niederen Beweggründen wie Angst und vorauseilender Selbstzensur, abgelehnt hätten?
Nein, keineswegs, antwortete Willemsen, nun etwas gelassener. Der S. Fischer Verlag erwäge sogar eine Taschenbuchausgabe. Zweitausendeins sei einfach sein erster Ansprechpartner gewesen. Dennoch sei "zu vermuten", dass sich der eine oder andere große Verlag im Fall des Falles gedrückt hätte, so seine eigenwillige Interpretation.
Aber da war Willemsen schon wieder mitten in seiner Tirade gegen Zeitungen und Magazine: Bei den Hinterbänklern der deutschen Presse seien "Bulletins der US-Regierung zu Guantanamo" manchmal "kritiklos adaptiert" worden. Das schreibt er auch gleich auf der ersten Seite seines Vorworts. Das US-Gefangenenlager werde hierzulande "immer noch als eine Irritation, nicht als das Skandalon einer Demokratie betrachtet".
Hier stellt sich die Frage, welche Zeitungen Willemsen liest und welche Fernsehdokumentationen er sieht – außer seinen eigenen. Dass der SPIEGEL in mehr als einem halben Dutzend großer Artikel seit Jahren die unhaltbaren Zustände in Guantanamo dargestellt und kritisiert hat und als erster den "Besuch" von BND-Mitarbeitern in dem Lager enthüllte, ist Willemsen offenbar nicht aufgefallen. Ähnliches gilt für Publikationen wie die "Süddeutsche Zeitung" und viele andere deutsche Medienorgane.
Aber darum geht es ihm im Grunde gar nicht. Es genügt dem Großaufklärer Willemsen nicht, selbst ein gutes Werk zu tun. Er muss wohl stets der Klassenbeste sein.
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