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24.02.2006
 

Comeback von Franz Xaver Kroetz

Bühne, Blut und Bier

Von Jenny Hoch

Bussi, Baby! Franz Xaver Kroetz alias Baby Schimmerlos ist wieder da. Zu seinem 60. Geburtstag meldet sich der Autor, Schauspieler und Regisseur mit einem Erzählband zurück und feiert auch mit einer Inszenierung am Bayerischen Staatsschauspiel ein fulminantes Comeback

Die Zuschauer applaudierten, Kroetz verbeugte sich. Die Zuschauer trampelten, Kroetz strahlte über das ganze Gesicht. Keine Spur der für ihn typischen Grantigkeit unter dem Schnauzer - seinem Markenzeichen, spätestens, seitdem er in Helmut Dietls genialer Serie "Kir Royal" als rasender, die Schickeria verachtender Klatschreporter Baby Schimmerlos zum Superstar geworden war. Franz Xaver Kroetz genoss seinen Triumph auf der kleinen Bühne im Theater im Haus der Kunst sichtlich - es war der Moment, auf den er so lange gewartet hatte. In den vergangenen Jahren war Kroetz in wenig in der Versenkung verschwunden. Im Jahr 2000 zeigte das Berliner Ensemble zwar mit "Das Ende der Paarung" noch einmal eine Uraufführung von ihm, und 2002 hatte Kroetz eine Rolle in einem "Tatort". Viel mehr aber bekam man nicht mit vom meistgespielten deutschen Dramatiker der siebziger Jahre, der früher von seinen Bewunderern als Genie verehrt und von seinen Gegnern als "Dreckschleuder" beschimpft wurde.

Comeback royal

Nun ist die Zeit der Stille endlich vorbei. Gerade ist der rasante Erzählband "Blut und Bier" im Rotbuch-Verlag erschienen. "15 ungewaschene Stories", so der Untertitel, die vom Älterwerden handeln, von den Qualen des Künstler-Daseins, von Sex, Sperma und Tränen. Parallel dazu hat das Bayerische Staatsschauspiel ihm die Uraufführung von Jörg Grasers Volksstück "Servus Kabul" anvertraut, ein Stoff ganz nach Kroetz' Geschmack: derb, stammtischtümelnd und wunderbar böse.

Ein Buch und eine Inszenierung - nicht schlecht für einen, der in den letzten fünf Jahren kein einziges neues Stück auf einer deutschsprachigen Bühne untergebracht hat. Für einen, dessen "Blut und Bier"-Manuskript von vielen renommierten Verlagen abgelehnt worden war. "Nach der letzten Absage, wäre ich nie auf die Idee gekommen, noch einmal eine solche Chance zu bekommen", gibt sich Kroetz bescheiden. Andererseits bereue er die einsamen Jahre fern des Publicity-Rummels um seine Person nicht. "Ich bin gnadenlos froh, wieder unerkannt S-Bahn fahren zu können." Nach "Kir Royal" habe er "locker 200 bis 300 Filmangebote" gehabt, aber fast alle ausgeschlagen: "Keine Lust".

Kroetz ist älter geworden, das Haar ein wenig schütter, die Gesichtszüge noch markanter. Statt Bier und Zigaretten nimmt er jetzt Kaffee und Kuchen zu sich. Wie er da sitzt, in einem blauweiß gestreiften Oberhemd, die rote Krawatte ordentlich über Weste und Sakko geknotet, könnte man ihn glatt für einen distinguierten Manager halten. Wären da nicht die schwarze Heiner-Müller-Brille und die Wut. Diese Kroetz-Wut, die noch immer aus ihm heraussprudelt und mit der er schon vor Jahrzehnten die Missstände im Wirtschaftswunder-Deutschland anprangerte.

Wut als Stilprinzip

Munter plaudert er über seine Arbeit, sagt, dass er sich "wie ein Papagei" vorkomme, wegen der vielen Interviews, die jetzt alle mit ihm machen wollten. Fragt man ihn aber, ob die Erzählung "Leerer Tag", die von einem Schriftsteller handelt, der nachmittags schon neun Halbe intus hat, nichts mehr aufs Papier bringt und deshalb seine Familie terrorisiert, autobiografisch sei, ist sie wieder da, die Wut: "Diese Figur ist doch ein armseliger Depp, das ist Satire!", poltert Kroetz, der das Buch immerhin seiner Ex-Frau Marie-Theres Relin gewidmet hat.

Und was ist mit der Geschichte "Die volle Wahrheit ausm Keller raus"? Da versucht ein junger Journalist, einem alternden Autor, der von Revolution und Kommunismus nichts mehr hören will und der seinen Jaguar als "prima Klassenziel" ansieht, unbedingt ehrenwerte Motive zu unterstellen. Saukomisch ist das, und zugleich ein wenig wehmütig, wenn eben dieser Autor am Ende sagt: "Alles, was ich hab, gäb ich drum, wenn ich noch mal im Keller wär und rauswollte." Nein, sagt Kroetz, er sei froh, nicht mehr im Keller zu sein. "Und außerdem", fügt er hinzu, "fahre ich einen Suzuki".

Nur die Angst, dass der nächste Satz nicht kommt, die habe ihn immer begleitet. "Ich kann in drei Tagen ein Stück schreiben, aber dann kommt drei Jahre nichts", sagt Kroetz. Im  Unterschied zu früher muss er heute nicht mehr unbedingt schreiben - leicht könne er zu anderen, weniger zehrenden Berufen wechseln, als Schauspieler arbeiten oder als Regisseur. Das Gerücht, dass Helmut Dietl eine Fortsetzung von "Kir Royal" plane, kommentiert Kroetz so: "Eigentlich will ich mir das Jäckchen von Baby Schimmerlos nicht mehr anziehen. Aber wenn der Helmut was Gutes plant, wieso nicht?"

Haarscharf am Skandal vorbei

Mit seiner Inszenierung von "Servus Kabul" ist er jetzt erst einmal haarscharf an einem veritablen Theaterskandal vorbeigeschrammt. Denn das Stück, das der Regisseur schon vorher als "irrwitzige, eindimensionale und holzschnittartige Groteske" bezeichnet hatte, gewann im Zuge der weltweiten Debatte über die Mohammed-Karrikaturen plötzlich ganz gehörig an Brisanz. "Servus Kabul" greift grob satirisch jedes Klischee auf, das hierzulande über den Islam und dessen Verhältnis zur westlichen Welt in Umlauf ist.

Da ist von "Märtyrern, die als Bomben herumspazieren" die Rede, und auf dem Höhepunkt dieses Clashs der Kulturen wird der heiratswillige Ägypter Jusuf Mummadir von seiner Straubinger Verlobten Fanny Brodler und deren Familie im Namen des "deutschen Nationalcharakters" dazu gewungen, eine Schweinshaxe zu verzehren. "Großartig", freut sich Kroetz, "auf diese krude Formel hat noch niemand die deutsche Leitkultur gebracht".

Doch am Abend der Uraufführung demonstrierten lediglich einige Theatertechniker gegen die Anhebung ihrer Arbeitszeit, Proteste aufgebrachter Muslime blieben aus. Zu Recht, denn Kroetz hat einiges gestrichen und aus dem Stück ein lustvoll überzeichnetes Kasperletheater gemacht. Die Schauspieler agieren allesamt wie Schießbudenfiguren und lassen pausenlos die haarsträubendsten Kommentare vom Stapel. Während Vater Brodler immer mehr Gefallen am Islam findet, vor allem an der Viel-Ehe ("In dem Sinn war der Niederbayer ein totaler Moslem") und Bruder Hans sich mit einer dunkelhäutigen Sexpuppe vergnügt, wird immer deutlicher, was Kroetz schon vorab prophezeit hatte: "Die einzigen, die sich beleidigt fühlen könnten, das sind die Straubinger."

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