Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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27.02.2006
 

Exegeten-Streit

Hand drauf, Apostel!

Von Johannes Saltzwedel

Hat der ungläubige Thomas Jesus berührt? Bislang waren sich die Bibeldeuter einig: Ja, der Apostel legte Hand an den Erlöser. Jetzt hat ein US-Philologe widersprochen - und revidierte damit fast zwei Jahrtausende kirchlicher Doktrin.

Vorgebeugt betastet ein Mann den Körper einer bleichen, halbnackten Gestalt und legt den Finger in eine Wunde an ihrer Seite. Ein bizarres Bild, aber irgendwo hat es jeder schon gesehen, wenn nicht in einer Kirche, dann im Kunstmuseum: Immer wieder ist die Geschichte vom ungläubigen Thomas dargestellt worden, dem Jünger Jesu, der zum Beweis für die Auferstehung seines Herrn forderte, er wolle die Spuren der Kreuzigung nicht bloß sehen, sondern anfassen, ja die "Hand in seine Seite" legen.

Caravaggio-Bild "Der ungläubige Thomas" (1601): Der Touch der Bekehrung
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AFP

Caravaggio-Bild "Der ungläubige Thomas" (1601): Der Touch der Bekehrung

So jedenfalls steht es im Johannes-Evangelium, und seit den Urzeiten der Kirche sind Bibeldeuter sich einig: Thomas durfte Jesus berühren. Überwältigt habe er "Mein Herr und mein Gott!" ausgerufen - und sei dann ein besonders eifriger Apostel des neuen Glaubens geworden. Doch nun ist ein US-Philologe der alten Geschichte nachgegangen und darüber zum Zweifler geworden. Nirgendwo im Neuen Testament konnte Glenn Most einen Beleg dafür entdecken, dass Thomas den Auferstandenen tatsächlich berührt. Mehr noch: Die "Logik der Erzählung" im vorletzten Kapitel des Johannes-Evangeliums spreche eindeutig dagegen.

Most ist nicht irgendein durchgedrehter Sonderling. Der Fachmann für Altgriechisch lehrt an gleich zwei renommierten Universitäten, in Chicago und Pisa. Wer ihm begegnet, könnte den fröhlichen Kraftkerl auf den ersten Blick eher für einen Rugbyspieler halten. Unter seinen Kollegen in aller Welt gilt Most als Tausendsassa seines Fachs: Über Homer und Pindar schreibt er genauso flott und versiert wie über Nietzsche oder Klassiker-Anspielungen bei John le Carré; gerade die Nachwirkungen antiken Denkens interessieren den alerten Kulturhistoriker besonders.

Daher weiß er nur zu gut, in welches Gespinst aus Glauben, Wissen und Religionszankerei er mit seiner Thomas-These sticht. Wer einen fast 2000 Jahre alten Lehrsatz in Frage stellt, muss gute Argumente finden. Doch die hat der eifrige Philologe tatsächlich parat. Sogar Gründe für die zählebige Fehldeutung hat er bei seinem Tauchgang in die Kirchengeschichte zu Tage gefördert.

Berührung und Bekehrung

Stutzig geworden war er über dem Text des Evangeliums selbst. Da tritt plötzlich trotz verschlossener Türen Jesus in die Jüngerrunde und fordert den erklärten Skeptiker Thomas unvermittelt auf: "Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!" Gleich danach aber heißt es: "Thomas antwortete und sprach zu ihm: 'Mein Herr und mein Gott!'" Von Berühren ist keine Rede - und Most kann aus der Griechisch-Grammatik nachweisen, dass dafür auch keine Zeit geblieben wäre.

Zudem warf für antike Evangelienleser die zweifelnde Frage des Jüngers ein prekäres Dilemma auf: Spukte der urplötzlich anwesende Gekreuzigte etwa körperlos herum, oder war er als greifbares Lebewesen wiederauferstanden? Gerade indem der Evangelist eine klare Antwort vermied, so belegt Most, ließ er die Erscheinung besonders wundersam wirken: ein durchaus raffinierter Erzähltrick.

Schon den meisten frühen Lesern war dieses subtile Spiel mit dem Übernatürlichen allerdings zu hoch. Nur eine besondere Sektierergruppe, die Gnostiker, wollte vom Handauflegen des künftigen Apostels aus Prinzip nichts wissen. Pech für die Evangeliums-Story - denn gnostische Lehren waren für die Kirchenväter finsteres Teufelszeug, das bekämpft werden musste.

Zupackende Auslegung

Geradezu fanatisch sammelten altchristliche Theologen darum Gegengründe und Interpretationstricks, um möglichst überzeugend festzuschreiben, dass Thomas unbedingt an Christus herumgetastet haben musste. Eine Diskussion fand nicht mehr statt: Wer anderer Meinung war, wurde auf Konzilien als Ketzer verdammt.

Der Erfolg war durchschlagend. "In der ganzen spätantiken und mittelalterlichen Bibeldeutung", sagt Most, "scheint bloß viermal die Möglichkeit aufgeblitzt zu sein, dass Thomas Jesus nicht berührt haben könnte, nur um sofort wieder abgelehnt zu werden." Tausend Jahre eisern bewahrte Tradition, "das ist schon eine Macht für sich".

Erst ein Mitarbeiter Martin Luthers, der norddeutsche Reformator Johann Bugenhagen, verkündete um 1527 in kühnen Predigten, dass der biblische Thomas sich offensichtlich mit dem Hingucken begnügte. Andere Protestantenführer, auch Luther selbst, blieben vorsichtiger. Dennoch witterten die Wächter der vatikanischen Orthodoxie den Geist der Rebellion. Was die Papstgegner eher beiläufig angesprochen hatten, wurde für Rom aufs neue zur Glaubensfrage ersten Ranges.

Handfester Kirchenstreit

Prompt brachten Gegenreformatoren noch einmal das Arsenal des alten Ketzerkampfes in Stellung. In opulenten barocken Gemälden - wohl die packendste Version ist ein Helldunkel-Meisterstück Caravaggios von 1601 - erschien die Thomas-Szene als Schlüsselmoment im Streit darum, wie handfest man von Auferstehung reden könne und müsse. Kein anderes Bild Caravaggios wurde zu Lebzeiten des Malers häufiger kopiert als dieses.

Bis heute ist Rom bei seiner Doktrin geblieben. Den Philologen Most kümmert das herzlich wenig. In Streitereien um Wunder, Auferstehung und göttliche Wahrheit mag er sich nicht einmischen. Ihm geht es nur um fachlich saubere wissenschaftliche Aufklärung: "Rhetorisch, literarisch und psychologisch" etwas vor sehr langer Zeit Geschriebenes richtig zu verstehen.

Dennoch hat die Recherche ihn gelehrt, welch fundamentale Fragen in der Thomas-Geschichte auf dem Spiel stehen: "Mit dem Zweifel leben ist nicht leicht." Und so beendet Most seinen Griff in die wunden Stellen der Textgeschichte mit einer überraschend versöhnlichen Wendung. In die Figur des Skeptikers am Schluss der Evangelien könne sich nahezu jeder hineindenken. Körperkontakt oder nicht - "Thomas steht für uns". Über den Rest sollen weiter die Theologen streiten.


Glenn W. Most: "Doubting Thomas"
Harvard University Press, Cambridge (Mass.); 288 S.; 27,95 Dollar.

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