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21.03.2006
 

Francis Fukuyama

Abschied von den Neocons

Von Sebastian Moll, New York

Nach der missglückten Invasion im Irak kehren ehemalige Vordenker des US-Neokonservativismus der Bush-Regierung den Rücken. Vor allem Francis Fukuyama erregt mit einem neuen Buch Aufsehen, das mit der Doktrin vom Unilateralismus der heilsbringenden Nation USA gründlich aufräumt.

Francis Fukuyama hat eine Affinität zu Prozessen, die nicht umkehrbar sind. Es ist ein schon beinahe teutonischer Hang zum Fatalen, der den Vordenker der amerikanischen neokonservativen Bewegung auszeichnet. Seinen Namen machte sich Fukuyama 1992 mit dem Bestseller "The End of History and the Last Man", dem der deutsche Verlag den zugespitzten Titel "Das Ende des Menschen" gab.

Politologe Fukuyama: Freundlicher Neokonservativismus
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DPA

Politologe Fukuyama: Freundlicher Neokonservativismus

Jetzt erregt Fukuyama in den USA Aufsehen mit einem Aufsatz, der wiederum ein Ende proklamiert: "Nach dem Neokonservativismus" hieß sein Elaborat in der "New York Times" Ende Februar - es war nicht weniger als ein Abgesang auf den Neokonservatismus. Vergangene Woche erschien der Aufsatz in Buchform unter dem Titel "America at the Crossroads" - Amerika am Scheideweg.

Die politische Philosophie des Neokonservativismus hatte laut Fukuyama ihre 15 Minuten im Rampenlicht kurz nach dem 11. September 2001. Genauer gesagt im Jahre 2002, als die Bush-Regierung eine nationale Sicherheitsstrategie adaptierte, der eine neokonservative politische Philosophie zugrunde lag: Die sogenannte Bush-Doktrin erhob Unilateralismus, amerikanischen Exzeptionalismus sowie die missionarische Selbstverpflichtung, Demokratie des amerikanischen Typus rund um den Globus zu verbreiten, zum Grundsatz amerikanischer Außenpolitik. Vier Jahre später kommt Fukuyama nun zu dem Schluss, dass George W. Bush es mit seiner Irak-Invasion vermasselt hat. Und dass der Präsident damit das komplette Gedankengut des Neokonservativismus in Misskredit gebracht habe.

Er selbst jedenfalls findet sich von der Außenpolitik der ersten Regierungsperiode von Bush gründlich missverstanden. So habe er in "Das Ende des Menschen" keinesfalls sagen wollen, dass alle Völker dieser Erde demokratische Nationalstaaten werden wollen. Er habe viel mehr argumentiert, dass die meisten Völker der Erde gern modern wären - mit Zugang zu Wohlstand und zu fortgeschrittener Technologie.

"Ich kann das nicht mehr unterstützen"

Das wirklich entscheidende Missverständnis liege jedoch darin, dass die Bush-Regierung und jene Ideologen, die noch immer die Irak-Invasion verteidigen, glauben, man könne die Geschichte mit Gewalt beschleunigen. "Mein Buch von 1992 war sozusagen marxistisch - es beschrieb einen langfristigen Prozess sozialer Evolution", sagt Fukuyama. Die Position von Neokonservativen wie William Kristol und Robert Kagan (jene Fraktion der neokonservativen Clique, die noch immer zu Bush halten) sei hingegen leninistisch - sie wollen Geschichte übers Knie brechen. "Leninismus aber war eine Tragödie und ist nun als Farce in Amerika wiedergeboren worden. Ich kann das nicht mehr unterstützen."

Die schlimmste Folge der für ihn schon fast karikaturhaften Missinterpretation seines Denkens ist laut Fukuyama das andauernde Chaos im Irak. Der Irrglaube, dass menschliche Gesellschaften sich automatisch als Demokratien organisieren, wenn man nur die Diktatoren absetzt, habe die Bush-Regierung dazu verleitet, sich mangelhaft auf die Zeit nach der Invasion vorzubereiten - eine fatale Fehleinschätzung.

Das sei jedoch nicht der einzige Lapsus Bushs und nicht die einzige fehlerhafte Interpretation der neokonservativen Doktrin gewesen. Der Gedanke einer "wohltätigen Hegemonialmacht", die sich über internationale Institutionen hinwegsetzt, funktioniere nicht. Die internationale Staatengemeinschaft sei nicht dazu bereit, den USA einen Sonderstatus einzuräumen, nur weil sie behauptet, den Menschen Freiheit, Demokratie und Reichtum bringen zu wollen. Und der Wille der amerikanischen Bevölkerung, Abenteuer in der ganzen Welt zu unterstützen und zu finanzieren, habe sich ebenfalls als begrenzt erwiesen.

Abkehr der Intellektuellen

Noch nicht alle Neokonservativen in den USA haben wie Francis Fukuyama der Regierung Bush den Rücken gekehrt. Als Fukuyama im Sommer 2004 erstmals in der Neocon-Zeitschrift "The National Interest" seine Kritik am Irak-Krieg formulierte, blies ihm aus dem eigenen Lager heftige Empörung entgegen. Sein Freund und Mentor Charles Krauthammer schrieb in der "Washington Post" eine Erwiderung, in der er Fukuyamas Thesen als "atemberaubend unzusammenhängend" beschimpfte. Norman Podhoretz schrieb eine 40-Seiten lange Verteidigung der Bush-Regierung mit dem Titel "Der Vierte Weltkrieg: Wie er begann, was er bedeutet und warum wir gewinnen müssen."

Allerdings gab selbst Podhoretz zu, dass im Irak einiges schiefgelaufen sei. Und auch Jeane Kirkpatrick, die frühere Uno-Botschafterin und ebenfalls Neokonservative in vorderster Front, hat mehrfach Zweifel an der Weisheit der Irak-Invasion angemeldet. Kirkpatrick möchte allerdings die Debatte über den Neokonservativismus und jene über den Irak-Krieg auseinanderhalten. Sie hofft, dass der Präsident der Bewegung noch nicht allzu viel Schaden zugefügt hat.

Sie möchte außerdem geraderücken, dass Neokonservativismus eben nicht gleichbedeutend mit amerikanischem Imperialismus ist. Im Kern sei Neokonservativismus vor allem antitotalitär - die jüdischen Intellektuellen, die in den vierziger Jahren in New York als erste neokonservative Ideen formulierten, waren vor allem durch den Widerstand gegen Hitler und Stalin motiviert. Gleichzeitig wende sich die Bewegung gegen jene Form von zynischer Realpolitik im Stile Henry Kissingers, die es Amerika in der Vergangenheit erlaubt hat, sich bisweilen mit üblen Regimes einzulassen.

Besinnung auf die neokonservativen Werte

Diese Werte möchte die gemäßigte Neocon-Fraktion von Leuten wie Fukuyama und Kirkpatrick nun versuchen zu retten. Fukuyama glaubt, dass dazu nach der Irak-Misere ein gründliches Umdenken nötig ist. Statt der alten Alternativen Realpolitik oder Neokonservativismus schlägt er das vor, was er vorsichtig als "Wilsonismus" bezeichnet. Amerika solle sich weiterhin für die Verbreitung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sowie für die Bekämpfung von Armut rund um den Erdball einsetzen, dabei aber doch bitte etwas mehr Vernunft walten lassen, als dies die erste Regierung Bush getan hat.

Das bedeute etwa, die Außenpolitik zu entmilitarisieren und wieder mit multinationalen Institutionen zusammenzuarbeiten. Beides Dinge, die, wie Fukuyama mit vorsichtigem Optimismus bemerkt, die zweite Regierung Bush und vor allem das Außenministerium unter Condoleezza Rice bereits tun. Die Bush-Administration sprintet geradezu von der Politik ihrer ersten Legislatur-Periode weg", schreibt Fukuyama. Der Erz-Neokonservative Paul Wolfowitz ist nicht mehr im Weißen Haus, Donald Rumsfeld scheint an Einfluss zu verlieren und Rice verfolgt, was Iran und Nordkorea angeht, einen vorsichtigen Multilateralismus.

Der neokonservative Moment in der amerikanischen Politik scheint damit erst einmal vorbei zu sein. Zumindest jene kurze Periode, in der hitzige Ideologen einen unheilvollen Einfluss auf die amerikanische Außenpolitik nehmen konnten. Mit Fukuyama und Kirkpatrick meldet sich nun allerdings ein freundlicherer Neokonservativismus zu Wort. Einer gar, gegen den einem lange nach dem Ende der großen Ideologien kaum weltanschauliche Einwände einfallen. Und so wird am Ende ihres großen Auftritts klar, dass die Neocons noch nie eine einheitliche Front waren, keine Art finstere Loge, die nach dem 11. September die Kontrolle über das Gehirn von George W. Bush übernommen hat. Es war wohl eher eine komplexe, differenzierte Denkrichtung, die im Rausch des Augenblicks deutlich über das Ziel hinaus geschossen ist.

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