Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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30.03.2006
 

Germany's Next Top Model

Zu Tränen gekürt

Von Daniel Haas

DSDS entzauberte die Pop-Branche, Heidi Klums Modelshow entromantisiert die Model-Szene. Das einst dekadente Milieu präsentierte sich aufgeräumt, fleißig und pflichtbewusst - als Ort bürgerlicher Tugenden.

Wenn es einen Skandal gab bei Heidi Klums Model-Show, dann lediglich den, dass ProSieben nur ein einziges Foto für die senderexterne Online-Nutzung zur Verfügung stellte. Warum sich Millionen Internet-User kein Bild machen dürfen von den Supermodels deutscher Nation, konnte sich so recht niemand erklären, auch Heidi-Klum-Manager Günther Klum nicht, der auf Anfrage ein verdutztes "Verstehe ich nicht" zum Besten gab.

Bei ProSieben will man sich zum Bilderverbot nicht äußern. Vielleicht sitzt man dort dem magischen Denken auf, dass sich mit der medialen Vervielfältigung die Seele des Gezeigten verflüchtigt. Vielleicht fürchtet man aber auch die enthemmte Zirkulation der Images, die niemand kontrollieren kann. (Nur zur Information, liebe Münchener: Heidi-Klum-Bilder gibt es bereits im Netz, jede Menge.)

Ebenso konsequent wie der visuelle Geiz des Senders ist auch das ideologische Konzept, das Germany's Next Top Model zugrunde liegt. Ideologie? Ja, glaubte man denn, Klums Mannequin-Wettbewerb sei nur eine Werbeveranstaltung für Kosmetikfirmen, Mode-Labels und Casting-Agenturen? Nein, was Deutschland hier in den letzten Wochen besichtigen konnte, war ein Szenario des Sozialen und Ästhetischen, wie es sich die Diagnostiker der neuen deutschen Bürgerlichkeit nicht prägnanter hätten wünschen können. Als solches war es gelungen, sehenswert und darüber hinaus sogar unterhaltsam.

Ausbildung statt Einbildung

Natürlich ging es auch um Schauwerte, um die Inszenierung des männlichen Blicks, um hübsche junge Frauen (beharrlich als Mädchen tituliert), die die Laufstege auf- und abmarschierten als Soldatinnen der Selbstzurichtung für Medien und Marketing. Die vielen Prüfungen, zum Teil auf Dschungel-Show-Niveau, in denen geheult und gebibbert wurde, sie schälten aus der Menge des gar nicht so mageren Dutzends drei Finalistinnen heraus. Gestern absolvierten sie noch einmal die Königsdisziplinen des Geschäfts - Fotoshooting und Catwalk -; am Ende wurde die 18-jährige Lena Gercke zu Germany's Next Top Model gekürt.

Es ging aber auch um die Verbürgerlichung eines Millieus, das lange als exzentrisch, asozial und gefährlich galt. Die Zeiten, als Supermodels die Welt mit Skandalen amüsierten und Linda Evangelista sagte, für weniger als 10.000 Dollar steige sie erst gar nicht aus dem Bett, sind endgültig vorbei. Früher winkten Models gefährliche Liebschaften mit Promis und riskante Affären mit Heroin, heute gibt's wie im Fall von Lena einen Kleinwagen und ein Coverfoto auf der kreuzbraven "Cosmopolitan". So leistete Klums Show das für die Model-Szene, was "Deutschland sucht den Superstar" für die Popbranche bewirkt: die Entromantisierung einer einstmals mythischen Sphäre.

Mit Heidis Mannequin-Serie wurde Modeln zum offiziellen Ausbildungsberuf. Man konnte zusehen, wie junge Menschen in die Lehre gehen. Hier wurde Zukunft erarbeitet, nicht wie damals, während des New-Economy-Booms, mit der suspekten Flüchtigkeit digitaler Technologien, sondern im Schweiße des Angesichts. Das macht Mut, vor allem dann, wenn die wirtschaftliche Lage angespannt ist bei gleich bleibend hohen Arbeitslosenzahlen. In der Rot-Grün-Ära wäre Klums Wettbewerb ein süffisanter Kommentar zur gesellschaftlichen Lage gewesen, zur Zeit der Großen Koalition repräsentiert er die allgemeine Marschrichtung: Ärmel hochkrempeln, durchhalten, pragmatisch sein.

Modell der neuen Bügerlichkeit

Außerdem wurde die soziale Utopie einer Solidargemeinschaft deutlich, in der Konkurrenz und Loyalität, Wettbewerb und Empathie zusammenkommen. "Die mögen sich ja alle", zitierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" einen überraschten Fotografen. Ausdruck dieses Gemeinsinns war die Ikonografie der Tränen und des Sich-Umarmens, die auch gestern umfassend zum Zuge kam.

Ist der Modelbetrieb eigentlich der natürliche Feind der Familie, wurden deren Tugenden jedoch kultiviert: Verbindlichkeit, Rücksicht, Vertrauen in Autoritäten standen auf dem Lehrplan ebenso wie Laufstegeleganz oder Flirten vor der Kamera. Das familiäre Kollektiv, das Kulturkritiker zurzeit beschwören, um der demografischen Katastrophe zu entgehen, es wurde hier mit den Mitteln des Showbiz nachgestellt.

Held dieses Programms war jedoch nicht Heidi Klum, sondern Bruce Darnell, 48. Streng und amüsant, exzentrisch und doch konzentriert, nannte der amerikanische Laufstegcoach alle Baby und schlüpfte wie eine Mutter für die Kleinen in diverse Rollen. Mal Drill Sergeant, dann wieder Party-Clown oder Psycho-Berater verkörperte er die wahre Mama des Contests. Natürlich kamen ihm bei der Verabschiedung von Jennifer und Yvonne die Tränen. Ein bei aller Künstlichkeit des Settings rührender Moment. Schade, dass es kein Bild davon gibt.

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