Von Stefan Osterhaus
Jeder wusste ja schon immer, dass Olli Kahn eine Legende ist, zu Lebzeiten sowieso und eigentlich schon damals, als er noch beim Karlsruher SC sein Geld verdiente. Die Leute erzählen sich viele Geschichten von ihm, sie künden von der Reifung eines ungestümen Jünglings zum blonden Helden mit breiter Brust. Es gibt auch jene bizarre Episode, als ihm bei einer Spaßveranstaltung Kinder die Bälle aufs Tor schießen durften. Der aufstrebende Torwächter Kahn, in Gedanken mindestens schon eine Dekade weiter, sah vor seinem inneren Auge die quietschfidelen Kids (die sich freuten, endlich einmal einen Bundesliga-Torwart aus der Nähe zu sehen) zu entschlossenen Männern mutieren, Männer, die sein Tor bedrohten. Und Kahn, der Pausenfüller, verwandelte sich. Er hechtete in die Ecken, als ginge es um alles. Er hielt jeden Ball, und die Kinder weinten.
So beginnen Sagen und Mythen. Manche nehmen mit einer Verirrung ihren Anfang, so wie in jenem Epos vom Parzival, der erst auf den rechten Weg geführt werden muss und deshalb allerlei Passionen zu erdulden hat, weil er die Leiden des kranken Amfortos in seiner Selbstsucht einfach ignorierte. Parzival hätte ihn nur nach seiner Krankheit fragen müssen. Der Heilige Gral hätte ihm gehört; ein kapitaler Fehlgriff, den der Ritter teuer bezahlte.
Oliver Kahn ist längst eine mythische Figur. Sie nennen ihn jetzt den "Ex-Titan", weil er früher mal einer war, der seiner Stärken wegen im Generalverdacht stand, von den Göttern abzustammen. Doch Kahn ist noch viel mehr. In seiner Vita vermengen sich die alten Legenden. Er hat seinen Fehlgriff längst getan, damals, im WM-Finale vor vier Jahren gegen Brasilien, als ein entschlossener Mann, der Ronaldo hieß, vor ihm auftauchte und den Ball sehr lässig ins Tor schob. Kahns Sicherungsprogramm, seinerzeit das anerkannt beste der Welt, hatte bei einem Flatterball kurz ausgesetzt. Er hat bezahlt dafür, doch wie es scheint, war es noch nicht genug. Die Degradierung des großen Mannes zur Nummer zwei ist in Wahrheit eine Verbannung. Sie löst Unverständnis und Freude gleichermaßen aus. Manche jubeln sogar, als sei in Kahn gerade ein Tyrann gestürzt worden.
Es ist ein Drama klassischen Zuschnitts, das sich um den gefallenen Helden Kahn abspielt. Es hat alle Zutaten: Diese unwahrscheinlichen Taten des Einzelnen, der sich allein der Übermacht entgegenwirft - und sie schließlich besiegt. Die verängstigten Blicke der Feinde. Wie oft gab es diese Bilder vom manischen Fänger, der Situationen rettete, die längst verloren gewesen wären, hätte dort irgendwer und nicht Oliver Kahn im Tor gestanden - der große Kahn, mindestens ein Welteroberer; ein Mann, der sich jederzeit mit Godzilla anlegen könnte.
Und natürlich gehört auch der Verrat zu einer Heldensage, sonst wird es nichts mit der Legende. Achilles wurde von den Göttern verpfiffen, Apollo lenkte einen Pfeil auf seine Ferse, die einzige wunde Stelle des unverwundbaren Körpers. Jung-Siegfried starb im Odenwald unweit der B 460 einen beinahe identischen Tod, weil Hagen den einzigen Fleck identifizierte, der beim stählenden Bad im Blut des Drachen Fafnir nicht benetzt wurde. Olli Kahn schien in seinen besten Tagen ebenfalls ein Bad im Drachenblut genommen zu haben, eines, dass ihn unverwundbar machte und die Kerle vor ihm zu ganz kühnen Taten anstachelte. Solcher Männer kann man sich nicht einfach nebenbei entledigen. Es bedarf eines Planes, wie ihn Hagen von Tronje, der Mastermind am Hofe der Burgunder, ausheckte, und dieser Plan mündet dann in einer perfekten, in einer tödlichen Falle.
Jürgen Klinsmann hatte diesen Plan. Er zermürbte den besten deutschen Fänger über zwei Jahre hinweg. Er nahm ihm die Kapitänsbinde ab und eröffnete so das Duell mit dem Kontrahenten Jens Lehmann. Ein Supertorwart, aber eben kein Held. Kahn nahm den Zweikampf an, weil er wusste, dass er damals der Bessere war. Man trennte sich von seinem alten Förderer Sepp Maier, weil der sich viel zu sehr für ihn stark gemacht hatte, installierte den alten Kahn-Rivalen Andreas Köpke stattdessen als Torwart-Trainer.
Oliver Bierhoff, Klinsmanns Adjutanten, wird ein freundschaftliches Verhältnis zu Lehmann nachgesagt. Jetzt begründet sein Stab die Entscheidung mit der sogenannten "Philosophie", die er sich für die Nationalmannschaft erdacht hatte. Die "Süddeutsche Zeitung" merkte an, dass diese schon vor zwei Jahren festgestanden habe, was richtig ist. Es ist ein Hinterhalt, in den Kahn langsam manövriert wurde, eine Situation ohne Ausweg. Jesse James wurde hinterrücks erschossen von einem Mitglied seiner Bande. Früher waren Klinsmann und Kahn beim FC Bayern Männer vom gleichen Clan, und jetzt, wo Kahn entmachtet ist, darf man sich angesichts der vereinzelten Freudenfeuer fragen, wer in Wahrheit der Despot ist.
Weil Kahn aber ein postmoderner Held ist, darf er weiterleben. Das ist gut für ihn, denn seine Geschichte ist noch längst nicht zu Ende. Deshalb eine Prognose: Er wird reüssieren. Im Sommer, nach dem Aus bei der WM, werden die Deutschen Klinsmann aus dem Land jagen. Spätestens in zwei Jahren, nach dem Scheitern bei der Europameisterschaft in der Schweiz, wird man sich der motivatorischen Stärken des Oliver Kahn entsinnen, und 2010 wird der Bundestrainer Kahn in der Feldherrenrolle die Nationalelf zum Weltmeistertitel in Südafrika führen. Dann wird er endlich King Kahn sein, dessen Name noch dann leuchtet, wenn der des Königs Klinsmann längst erloschen ist.
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