Von Wolfgang Höbel
So sieht es aus, wenn vier große Jungs mal ausprobieren, wie weit man es treiben kann in unserer angeblich total verkommenen Zeit: Sie stöhnen und rülpsen, sie schreien und furzen, sie schmeißen sich um die Wette schlitternd auf den Boden und oft genug auch weg vor Lachen. Es herrscht große Kindergeburtstagsstimmung auf der Bühne von Berlins fortschrittlichstem Theater, der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, und weil zu richtigem Männerspaß auch Sex gehört, machen sich die Herren zwischendurch ein wenig nackig und rubbeln an bloßen Frauenbrüsten.
Samuel Finzi, Herbert Fritsch, Marc Hosemann und Milan Peschel sind die vier Schauspieler, die da in Berlin mit vollem Körpereinsatz und sichtlich viel Spaß am Klamauk einen berühmten Skandalfilm aus dem Jahr 1973 zum Theaterleben erwecken wollen. Marco Ferreris "Das große Fressen" ist ein auch heute noch mitreißende Kino-Lektion darüber, was sich mit den Mitteln des Films über die Hohlheit des Lebens, über Gier und Lust und Enthemmung erzählen lässt. Vier Männer nehmen sich vor, sich zu Tode zu amüsieren – und aus dieser Sex- und Fressorgie voller Witz und philosophischer Akkuratesse machte Ferreri eine kühl komponierte Sinfonie der Erlösungssehnsucht mit toller Musik und grandiosen Ekelbildern.
In der Berliner Volksbühne sieht der Exzess unglaublich lieb und hübsch aus. Die Bühnenbildnerin Katrin Brack stellt vor einen leergeräumten Bühnenhorizont zunächst mal nur ein einsames Klavier, an dem der Volksbühnen-Hausmusikant Sir Henry Platz nimmt. Wenig später aber wird’s heimelig wie in Kerners Kochstudio. Die vier Schauspieler machen sich an einem rollbaren Küchentisch zu schaffen, der mit Karotten, Salat, Orangen, Baguette, Hühnchen und allerlei anderen Speisen bedeckt ist – und plötzlich passiert das Wunder. Der Himmel spuckt Seifenblasen.
In einem breiten Schaumsturzbach fallen riesige weiße Flocken in die Mitte der Bühne und bedecken bald fast den gesamten Spielraum; als zwei der Akteure zum Schaumparty-Wettschliddern antreten, schwappt der vordere Rand der Blubberwolke irgendwann über die Rampe in den Zuschauerraum.
Dieses drollig-poetische Bild ist leider schon fast die ganze Inszenierung. Der Regisseur Dimiter Gottscheff hatte zuletzt in der Volksbühne Tschechows "Iwanow" in ein rätselhaft-furioses Traumspiel verwandelt (es spielte übrigens weitgehend nicht in einer Schaum-, sondern in einer Nebelwolke). "Das große Fressen" aber zeigt Gotscheff nun als bunten Abend, der die Filmdialoge sehr brav nachbuchstabiert.
Den toll aufgelegten Schauspielern beim akrobatischen Slapstick und Mampfen zuzusehen, ist durchaus ein Vergnügen. Mal stülpt sich einer einen Gummihandschuh auf den Kopf und spielt den Gockel, mal reckt einer in wilder Hampelmann-Gymnastik die bleichen Glieder, mal wird ein bisschen gewürgt und gereihert nach Herzenslust: alles für ein paar nette Lacher gut. Almut Zilcher ist in der Rolle der total versauten (aber keineswegs fetten) Nachbarin gleichfalls lustig anzusehen, Anne Ratte-Polle auch in einem Kurzauftritt als Prostituierte eine blassknochige Wucht.
Bald aber wirft nicht bloß die immer wieder neu angeworfene Schaumkanone, sondern auch der Schabernack Blubberblasen. Vielleicht sind die großen Themen, die "Das große Fressen" mit sich herumschleppt (Freuds Regressionstheorie, die Übersättigung der kapitalistischen Welt, der Überdruss am Leben und an der Sexualität) im Programmheft besser aufgehoben als auf der Bühne – aber ein Theaterabend, der von Ausschweifung, Exzess und Geilheit erzählen will, sollte den sinnlichen Exzess möglicherweise dann doch nicht bloß als Soap-Opera präsentieren. Am Ende sitzen die vier großen Jungs tot am Kochstudiotisch, mit halboffenen Mündern und in grotesker Verrenkung. So ungeil trieben es die Dekadenzler an diesem Abend in der notorisch wilden Berliner Volksbühne.
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