Von Eva Lodde
Wie ein Vogel Strauß - das ist das erste Bild, was in den Kopf schießt. Ein junges Mädchen steht vor einer bauchigen Skulptur. Es ist ein kopfloses, dickes Männchen, das einen Schirm hält. Als wolle sie der Welt um sich herum entfliehen, hat das Mädchen ihren Kopf in den ausgehöhlten Ausschnitt des Mannes gesteckt, tief hinein. Sie ist von einer Horde pubertierender Schüler umzingelt. "Was issen das", kreischt ein Klassenkameradin, "lass mich auch mal."
Aber das Mädchen bleibt ganz ruhig stehen, versunken in einer anderen Gestalt, in einer anderen Zeit.
In der dunklen Höhle flimmern Bilder aus der Vergangenheit. Kurze Filme, die lang genug sind, damit die Neugierigen bis zum Ende dran bleiben: Paraden von Nationalsozialisten, die Hakenkreuzfahnen schwenken und ihre Arme gen Himmel recken; weinende Menschen, die durch einen soeben gerissenen Eingang der Berliner Mauer stolpern, Luftaufnahmen vom Neubauspektakel am Potsdamer Platz mit vielen gelben Kränen. Für die Menschen aus dem Jetzt ist es eine Reise in die Vergangenheit.
"Wir vergessen die Geschichte so schnell; ich wollte diese Verbindung wiederherstellen", erklärt Regisseur Terry Gilliam, der das Konzept für die Kunstaktion entworfen hat. "Die Leute, die heute über den Potsdamer Platz laufen, sollen die von damals treffen." Doch wie kann man die Menschen, die oft nur eben über den Platz eilen, für so etwas begeistern? Ein Mittagessen in London dauerte es - dann hatte Gilliam zusammen mit der Berlinerin Ingken Wagner von HVB Immobilien das Konzept entworfen.
Ideen hat Terry Gilliam immer viele, aber die Ausführung ist ihm oft zu anstrengend. Er übernimmt gerne nur den kreativen Teil. So auch bei seinem ersten öffentlichen Kunstprojekt, das deshalb "Terry Gilliam & Friends: Past People of Potsdamer Platz" heißt. Aber er kann sich das leisten, dafür ist er schließlich berühmt genug: Der amerikanische Regisseur ist eines der Gründungsmitglieder der Comedy-Truppe Monty Python. Er hat in "Das Leben des Brian" (1979) mitgespielt, später dann bei "Twelve Monkeys" (1995), "Fear and Loathing in Las Vegas" (1998) und "Die Gebrüder Grimm" (2005) Regie geführt. Sein jahrelanger vergeblicher Versuch, die Geschichte des spanischen Helden Don Quixote neu zu verfilmen, ist legendär und lieferte Stoff für den Dokumentarfilm "Lost in La Mancha". Gerade ist Gilliam auf Promotion-Tour für seinen neuesten Film "Tideland".
Vielschichtig wie er oft in seinen Filmen ist, nutzt er auch die vier kupferfarbenen Skulpturen auf dem Potsdamer Platz, um gleich drei Dinge auf einmal zu erreichen: Sie locken nicht nur die Menschen an und informieren sie über die Geschichte der Stadt. Gleichzeitig machen sie auch noch ein Foto von jedem, der in die dunkle Halshöhle guckt, und speichert das Abbild auf einem Zentralrechner. Später am Tag, ab 19 Uhr, beginnt das eigentliche Spektakel: Auf der mehrstöckigen Fassade der Hausnummer 10 am Potsdamer Platz erstrahlt das Foto eines prominenten Menschen, Elvis zum Beispiel oder Marlene Dietrich.
Doch das Gesicht bleibt nicht lange vertraut: Wie früher bei den Kinderbüchern klappt ein Drittel des Fotos weg und wird durch ein neues ersetzt: Die Nase eines anderen Prominenten zum Beispiel, dann Mund und Kinn eines Berliners, der mutig genug war, in die Skulptur zu blicken - eine Frage des Zufalls. Am Ende jedoch bleibt das Gesicht eines Menschen aus der heutigen Zeit stehen. Es ist die Verbindung von Gestern und Heute, entsprechend der Ausstellungsreihe "Transitions", die seit dem 1. März mit unterschiedlichen Projekten auf der Medienfassade am Potsdamer Platz läuft.
"Die Idee war, das Ganze spielerisch anzugehen und nicht einen großen Moment für die Geschichte zu schaffen", erklärt Terry Gilliam. Einen kurzen Moment nur sollen sich die Menschen wieder bewusst werden, dass der Potsdamer Platz mehr ist als ein leerer Ort zwischen hohen Gebäuden, Geschäften und Kinos. Aber die Kunst hat auch noch einen anderen Zweck: Aufmerksamkeit für das Gebäude an sich schaffen, das sonst neben den anderen, wuchtigen Hochhäusern fast verblasst. Das Gebäude der HVB Immobilien steht nämlich bis auf den zehnten Stock leer. Seit ihrer Kunstaktion sei das Interesse schon viel größer geworden, sagt eine Mitarbeiterin. Immerhin, es gibt eine Firma, die sich jetzt in eine weitere Etage einmieten will.
Auf der großen Fläche sind die Gesichter, die aus leuchtenden Kreisen und Strichen geformt werden, allerdings nur schwer identifizierbar. Die Augen bleiben oft nur schwarze große Kreise, Detailabbildungen sind da nicht möglich. Selbst am anderen Ende des Platzes bleibt meist unklar, wer der Prominente gerade sein soll. Viel mehr faszinieren aber auch die Skulpturen: Dass es mit einer eigentlich so simplen Idee - nämlich kopflosen, dicken Skulpturen - möglich ist, Menschen für eine kurze Zeit aus ihrem Alltag heraus zu reißen. Das macht die Brillanz dieser simplen, aber effektiven Kunstaktion aus. "Für eine kurze Zeit", sagt Terry Gilliam, "wird es für ein paar Leute ein bisschen netter sein."
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